Kinder vegan ernähren – geht das?

Schwangerschaft

Die Frage, ob man in der Schwangerschaft und in der Kindheit mit veganer Ernährung ebenfalls gut versorgt ist, taucht immer wieder auf meinem Blog auf. Für mich persönlich ist das Thema nicht so akut, zudem habe ich wirklich Respekt davor, denn wenn es nicht nur um das eigene Leben geht, sondern um ein zweites, ist es doppelt so wichtig, auf bestimmte Nährstoffe zu achten – nicht nur, wenn man vegan ist. Daher habe ich mir Hilfe geholt und zwar von Valentin Salzgeber, angehender Arzt und privat im Vorstand der Veganen Gesellschaft Schweiz engagiert. Und vor allem ist er genauso Nährstoff-fasziniert wie ich!😀 Er hat seine nur nicht als Tabellen aufbereitet, sondern gleich als Vortrag auf Youtube gepackt. Und nachdem ich nur ein Jahr lang darum gebeten hatte, gab es am Ende doch tatsächlich einen Artikel der VGS dazu, den ich gern für euch hier veröffentlichen darf.🙂 Hinweis: In jedem Fall ist die Kontrolle durch den eigenen Arzt unerlässlich und natürlich hat dieser auch immer das letzte Wort, da nur er die individuellen Umstände einschätzen kann.

Kann man Kinder vegan ernähren?

Einige vegane Eltern stellen sich die Frage, ob man auch sein Kind vegan ernähren kann. Ja, das geht. Die Basis bildet dabei eine abwechslungsreiche Ernährung, und eine Supplementation der Nährstoffe, die in pflanzlicher Nahrung zu kurz kommen können. Uns ist bewusst, dass die Liste an Supplementen lang ist. Das liegt nicht daran, dass wir Provision bekommen, sondern dass die Kindheit von Wachstum geprägt ist, und deswegen keine Risiken eingegangen werden sollten. Auch Nicht-Veganen wird in dieser Zeit die Supplementation von diversen Nährstoffen empfohlen.

Schwangerschaft und Stillzeit

SchwangerschaftStillende / schwangere Mütter können ihr Kind mit ausreichend Vitamin B12 und Vitamin D versorgen, wenn sie selbst ausreichend versorgt sind. Eine Supplementation ist absolute Pflicht. Wir empfehlen eine hochdosierte Supplementation und eine Überprüfung bei Gelegenheit des Vitamin B12– und Vitamin D-Blutwertes während der Schwangerschaft und Stillzeit. Ob Methyl- oder Cyanocobalamin, ob Vitamin D2 oder D3 verwendet wird, spielt keine Rolle. (9)

Während der Schwangerschaft und Stillzeit wird, unabhängig von der Ernährungsweise, eine Supplementation mit Jod empfohlen. (1) Dies gilt insbesondere für Veganer, da in Studien regelmässig eine tiefere Jodversorgung beobachtet wird.

DHA ist eine Fettsäure, die hauptsächlich in Fisch enthalten ist. Veganer sind in Studien entsprechend schlechter damit versorgt. Der menschliche Körper kann zwar DHA selbst herstellen, allerdings nur in einer offenbar zu kleinen Menge. Die Studienlage zur Supplementation ist dürftig, trotzdem empfehlen wir diese in der Wachstumsphase, um kein Risiko einzugehen. Und zwar unabhängig von der Ernährungsweise.

Prinzipiell wird allen Schwangeren eine Folsäure-Supplementierung unabhängig von der Ernährungsweise empfohlen. Da Veganer in der Schweiz aber deutlich mehr Folsäure zu sich nehmen (im Durchschnitt ca. die in der Schwangerschaft empfohlenen 400mcg), ist der Nutzen einer Supplementierung bei Veganen unklar. (3) Eine Überdosierung muss bei dieser Menge nicht befürchtet werden.

Eisensupplementierung zeigt keinen Vorteil für die Gesundheit von Mutter und Kind. Da in Studien bei Veganen oft ein tieferer Eisenspeicher gefunden wird, empfehlen wir in regelmässigen Abständen Bluttests, eine Supplementierung jedoch nur bei Bedarf. (4)

Wer nicht stillt, sollte eine Säuglingsnahrung (z.B. Bisoja von Bimbosan) verwenden. Ob sich Soja für die Ernährung eignet, war lange Zeit unklar. Es bestand die Sorge, dass die enthaltenen Phytoöstrogene in den Hormonhaushalt eingreifen. Eine grosse Übersichtsarbeit hat nun gezeigt, dass es keine Unterschiede gibt zwischen Kindern, die mit Soja-Säuglingsnahrung aufgezogen wurden und jenen, die Säuglingsnahrung auf Tierproduktebasis erhalten haben. (2) Auf keinen Fall sollte Säuglingsnahrung mit Pflanzenmilch selbst hergestellt werden, diese sind für die Bedürfnisse von Säuglinen komplett ungeeignet. (1)

Vegane Ernährung in der Schwangerschaft

Kindheit

Wir empfehlen eine tägliche Aufnahme von mindestens 10 Mikrogramm Vitamin B12 aus einer sicheren Quelle pro Tag. (5) Da überflüssiges Vitamin B12 schadlos ausgeschieden wird, empfehlen wir auch hochdosierte Varianten (z.B. von BetterYou).

Für alle Kinder, unabhängig von der Ernährung, ist Vitamin D– Supplementation Pflicht. Veganen Kindern empfehlen wir eine leicht höhere Dosis, da pflanzliche Nahrung praktisch kein Vitamin D enthält. (6)

Sowohl bei Erwachsenen wie auch bei Kindern zeigt sich häufig eine zu tiefe Aufnahme von Calcium. Es ist unklar, ob und welche Relevanz diese hat. Bei Kindern sollten aber keine Experimente gemacht werden. Und da bei einer veganen Ernährung die Kuhmilch als Calciumlieferant Nummer 1 in der Schweiz fehlt, empfehlen wir mit Calcium versehene Pflanzenmilch zu verwenden. Diese enthalten in der Regel ebenfalls 120mg/dl. Mineralwasser können bis zu 50mg/dl enthalten. Überschlagen Sie in regelmässigen Abständen, ob Ihr Kind die empfohlene Zufuhr erreicht. Nicht empfohlen werden Calcium-Supplemente.

Vegane Erwachsene sind in Studien tendenziell schlechter mit Jod versorgt, wobei unklar ist, ob dies von Bedeutung ist. Zur Jodversorgung von vegan ernährten Kindern gibt es keine Untersuchungen. Die wichtigste Quelle für Jod in der Schweiz ist angereichertes Speisesalz. Zusätzlich empfehlen wir die Supplementation von 100mcg Jod pro Tag, da ein Jodmangel ernsthafte Konsequenzen haben kann. (1)

DHA ist eine Fettsäure, die hauptsächlich in Fisch enthalten ist. Vegane sind in Studien entsprechend schlechter damit versorgt. Der menschliche Körper kann zIMG_5857_1war DHA selbst herstellen, allerdings nur in einer offenbar zu kleinen Menge. Die Studienlage zur Supplementation ist dürftig, trotzdem empfehlen wir diese in der Wachstumsphase, um kein Risiko einzugehen. Unabhängig von der Ernährungsweise.

Es gibt viele gute pflanzliche Proteinquellen. Dennoch zeigt sich in Studien, dass Veganer sich oft unter den Empfehlungen befinden. Gerade in der Kindheit ist eine ausreichende Proteinzufuhr wichtig. Schätzen Sie in regelmässigen Abständen, ob Ihr Kind in etwa die Empfehlungen erreicht. Sehr gute Proteinquellen sind Sojamilch, Nüsse, Tofu, aber auch Pasta, Linsen uvw. Und keine Sorge wegen Phytoöstrogengehalt im Soja. Es gibt zahlreiche Studien zur Auswirkung von Sojakonsum in der Kindheit. So scheint der Sojakonsum z.B. keinen Einfluss auf den Zeitpunkt der ersten Menstruation zu haben. (7) Dafür zeigte sich bei höherem Sojakonsum in der Jugend ein tieferes Risiko für Brustkrebs in fortgeschrittenem Alter. (8) Phytoöstrogene haben also einen sehr beschränkten Effekt auf das Hormonsystem, und in bisherigen Studien scheint dies eher ein Vorteil als ein Nachteil zu sein.

Diverse Studien haben die Eisenversorgung von veganen und omnivoren Kindern verglichen, allerdings nur mit wenig Teilnehmenden. Die Ergebnisse entsprechen jenen der Erwachsenenwelt: Ein Eisenmangel kommt in allen Gruppen gleich häufig vor, es findet sich aber ein tieferer Eisenspeicher bei veganer/vegetarischer Ernährung. Es gibt also keine Rechtfertigung für eine Eisensupplementation oder Bluttests an veganen Kindern, die sich wohl fühlen. Es ist aber wichtig, ein paar gute Eisenquellen in den Alltag einzubauen, z.B. Nüsse.

Eine Blutentnahme ist für Kinder ein deutlich traumatischeres Ereignis als für Erwachsene. Entsprechend muss diese gut begründet sein. Wer die oben genannten Empfehlungen befolgt, sollte die empfohlenen kinderärztlichen Termine wahrnehmen und anhand des Gewichts und der Grösse überprüfen, ob sich das Kind entsprechend den Erwartungen entwickelt. Sollte dies nicht der Fall sein, oder fühlt sich das Kind generell nicht wohl, ist die Überprüfung der obengenannten Nährstoffe sinnvoll. Reine Routinekontrollen sind aber aus unserer Sicht nicht gerechtfertigt.

Vegane Ernährung in der Kindheit

Quellenverzeichnis:
1 Empfehlungen zur Jodversorgung in der Schweiz Datum: Oktober 2013

2 British Journal of Nutrition (2014), 111, 1340–1360. Systematic Review with Meta-Analysis. Safety of soya- based infant formulas in children. Yvan Vandenplas et al.

3 Eur J Nutr ORIGINAL CONTRIBUTION Micronutrient status and intake in omnivores, vegetarians and vegans in Switzerland R. Schüpbach et al.

4 Eisensupplemente in der Schwangerschaft

5 Vegetarian diets in children and adolescents M Amit; Canadian Paediatric Society, Community Paediatrics Committee

6 Empfehlungen des Bundesamtes für Gesundheit zur Vitamin-D-Versorgung in der Schweiz – was bedeuten sie für den Pädiater?

7 Nutr J. 2014 Jun 3;13:54. Is soy intake related to age at onset of menarche? A cross-sectional study among adolescents with a wide range of soy food consumption. Segovia-Siapco G et al.

8 Adolescent and adult soy food intake and breast cancer risk: results from the Shanghai Women’s Health Study. Sang-Ah Lee et al.

9 J Clin Endocrinol Metab. 2008 Mar; 93(3): 677–681. Published online 2007 Dec 18. PMCID: PMC2266966
Vitamin D2 Is as Effective as Vitamin D3 in Maintaining Circulating Concentrations of 25-Hydroxyvitamin D. Michael F. Holick et al.

10 Severe nutritional deficiencies in young infants with inappropriate plant milk consumption. B. Le Louer et al.

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

11 Kommentare zu „Kinder vegan ernähren – geht das?“

      1. Folsäure schafft aber leider niemand egal wie du es machst, ausreichend zu sich zu nehmen. So wurde mir das erklärt. Kann natürlich auch wieder nur dazu da sein, um reichlich überteuerte Produkte zu verkaufen. Ich habe das bei meiner Mama im Bauch nämlich nicht bekommen…

  1. Interessanter und informativer Artikel. Ich würde mein Kind auf jdenen Fall selbst entscheiden lassen, ob es tierische Produke konsumieren will oder nicht. Also, sobald das Kind in der Lage ist, eine solche Entscheidungg selbst zu treffen. Ich habe einen kleinen Neffen (8) und er interessiert sich total für den veganen Lifestyle, stellt mir immer Fragen dazu und will alles ganz genau wissen. Echt süß❤

  2. Gibt es denn mittlerweile vegane B12 Präparate? Wenn nicht ist das Ganze natürlich ein bisschen scheinheilig… Ich finde vegane Ernährung für Erwachsene gut, warum den Kindern nicht 1-2x die Woche tierische Produkte „gönnen“, das reicht ja für eine ausgewogene Ernährung und weil wenig kann es auch richtig hochwertig sein…

    1. Sicher gibt es die. Vitamin B12 für Vitamin-B12-Präparate wird heutzutage biochemisch mit der Hilfe von Mikroorganismen hergestellt und nicht aus tierischen Produkten extrahiert. Vitamin B12 als Wirkstoff ist also vegan. Es gilt lediglich, auf die Zusatzstoffe zu achten, Gelatine oder Laktose, die manchmal auch in Tabletten gemischt werden.🙂

  3. Vegan und Kinder geht wunderbar. Verzicht auf Milchprodukte ist per se gesünder. Greenpeace warnt inzwischen vor zu häufigem Fischverzehr. Und auf Fleisch kann man wunderbar verzichten. Ich fand es anfangs zwar eine Herausforderung meinen an „Omni“-Geschmack gewöhnten Kinder abwechslungsreiches, gesundes und veganes Essen zu zubereiten. Aber auch das geht. In meinem Blog schreibe mich (leider eher selten) über unsere vegane kindertaugliche Alltagsküche.
    Liebe Grüße, Martin

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