Neu im Kino: „Hope for All“ oder: Ist Veganismus eine Religion?

"Hope For All - Unsere Nahrung, unsere Hoffnung"- Tiberius Film

Gestern Abend war ich zur Leipziger Premiere des Films „Hope for All – Unsere Nahrung, unsere Hoffnung“. Dieser war schon recht präsent in den sozialen Netzwerken und ich hatte Tickets bei einem Gewinnspiel von Veganz gewonnen, hätte aber sehr wahrscheinlich auch so vorbeigeschaut. Kommt ja nicht so oft vor, dass ein derart themenspezifischer Film in den Kinos läuft und an diesem Termin auch noch in Anwesenheit der Regisseurin. Der Trailer hatte mich allerdings nicht gerade umgehauen, ließ er doch vermuten, dass es sich hierbei um eine Art Wiederauflage von „Forks over Knives“ handelt, schließlich trifft man hier auch auf Interviewpartner wie Dr. Caldwell B. Esselstyn, Jr. sowie Prof. Dr. T. Colin Campbell (bekannt von der „China Study“). Tatsächlich erinnerte der erste Teil des Filmes durchaus an die Doku. Es geht also vor allem um die gesundheitlichen Vorteile pflanzlicher Ernährung in Bezug auf Herzkrankheiten und Diabetes, er porträtiert einige Krankheits(erfolgs-)geschichten und verweist auf nicht allzu nah erläuterte Studien – ein in farbenfrohen HD-Bildern verpackter Werbefilm für die pflanzlich basierte Ernährung.

Über den Tellerrand

Gerade als ich dachte, jetzt wird es mir endgültig zu…äh..bunt…wurden im nächsten Teil Probleme wie Umweltverschmutzung, Welthunger, Regenwaldrodung für Nutztierfutter etc. dargestellt. Jeder interessierte Veganer bekommt diese Aspekte oft genug von PETA, VEBU und Co. serviert, daher gehören diese Infos durchaus zum Vokabular des wohlinformierten Pflanzisten. Wie man persönlich zu einzelnen Argumentationsketten steht, ist eine andere Frage…Veganismus ist ja nun leider nicht wirklich die Lösung für alles Übel der Welt, auch wenn es an den negativen Folgen der Massentierhaltung keine Zweifel gibt. Anyways: ich weiß nicht, wie jemand darauf reagiert, der noch nie mit dem Thema beschäftigt hat, aber ich könnte mir vorstellen, dass das schon ein ziemliches Brett ist. Und es wurde noch sehr viel heftiger…

Für mich ist es schon eine Weile her, dass ich Filmaufnahmen aus Massentierhaltung und Schlachtbetrieben gesehen hatte. Diese industrialisierte Grausamkeit zu erleben ist nie einfach und es wird auch nicht einfacher. Hier trafen sie mich unerwartet, in Überlebensgröße, in all ihrer brachialen Bildergewalt. Tiere, die wie Gegenstände behandelt werden, deren Haltungsbedingungen katastrophal sind, die Probleme der Schlachtung (Fehlerquote bei der Betäubung etc.). Dazu Interviewpartner, ehemalige Schlachter, Milchbauern, Ex-Fleischfabrikanten und Veterinärmediziner, die aus erster Hand berichten, wie es in den Höfen aussieht. Besonders dieser Teil des Films wirkte fundiert und sehr eindrucksvoll, wenn auch auf denkbar schmerzhafte Weise. Ehrlich, man schämt sich in Grund und Boden, dass all das jeden Tag passiert, dass es Alltag ist, gesetzlich abgesicherter Wahnsinn, gesellschaftlicher Konsens. Wenn man das sieht, kann man es schlicht nicht unterstützen.

„You matter!“

Das ist auch die rudimentäre Klammer des Films, in Worte gefasst von Jane Goodall, UN-Friedensbotschafterin, welche die Macht des Einzelnen betont. Jeder Einzelne zählt, auch wenn es sich nicht so anfühlt. Es geht um die Fähigkeit des Einzelnen, etwas zu verändern, vor allem über die Macht als Konsument, die zum Potenzial vieler wird, etwas zu verbessern. Diese Botschaft wollte Regisseurin Nina Messinger mit ihrem ersten Film deutlich machen und ja, das schafft sie. Kann man meiner Meinung nach auch gar nicht oft genug sagen, denn man hat ja immer wieder mal das Gefühl, dass es nichts bringt, gegen den Strom zu schwimmen, dass nichts besser wird – allgemeine Resignation. Doch durchs Aufgeben hat sich bekanntlich noch nie was verändert. Irgendwo muss man anfangen. #schlussmitdenparolen

Und deswegen hat sie sich ein paar Gäste zur Premiere eingeladen, unter anderem den Initiator von „Leipzig 30 Tage Vegan“, der in der anschließenden Gesprächsrunde unprätentiös sein Projekt umriss. Außerdem stellte sich Pfarrer Dr. Ulrich Seidel, Vorsitzender der Aktion Kirche und Tiere e.V. (AKUT) den Fragen des Publikums, nicht ohne Selbstironie. Zum Glück, denn beim Thema Religion im Zusammenhang mit Veganismus stellen sich bei mir immer die Nackenhaare auf, seitdem mir mal ein Arzt sagte, viele Veganer betrieben Veganismus als eine Art Religion. Das widerstrebt mir einfach, weil Religion im Allgemeinen nicht gerade als faktenbasiert angesehen wird, es heißt ja eben auch „Glaube“. Wir reden hier aber nicht von unsichtbaren vielleicht vorhandenen, vielleicht nicht vorhandenen Vorkommnissen, sondern es gibt Fakten und Sachlagen in der diesseitigen Welt, aufgrund derer sich einige Menschen für eine weniger zerstörerische Lebensweise entscheiden. Natürlich ist es auch eine Entscheidung aus Mitgefühl, „kindness“ und Respekt anderen Lebenwesen gegenüber, hier gibt es durchaus gepredigte (nicht immer praktizierte) Überschneidungen mit dem Konzept Religion. Aber ich lasse mich ungern als religiöser Spinner abtun, selbst wenn mir klar sein mag, dass auch das bloß ein weiterer billiger Verdrängungsversuch ist, wie der Artgenosse hier sehr schön erklärt.

„Diese Veganisten! Und sie sind doch ’ne Sekte!“

Die Bildsprache im Film lässt allerdings genau das vermuten. Versinnbildlicht man die Parole „Gemeinsam sind wir stark“ mit Menschen, die auf einer grünen, sonnenbeschienenen Wiese stehen und sich milde lächelnd an den Händen halten, muss ich irgendwie sofort an die Broschüren haustürklingelnder Zeugen bestimmter religiöser Figuren denken. Auch der plakative Zusammenschnitt von Schockbildern und fröhlich kuschelnden Kühen auf der Weide und die Verabsolutierung des Veganismus ist mir zu einseitig und mit zu viel Pathos erzählt, wie man es aus US-amerikanischen Dokus gewöhnt ist. Ihr werdet viele traurige Augen sehen, viele unerträglich leidende Tierbabys im harten Gegensatz zu Bildern von einem Lebenshof (?), wo (vermutlich gerettete) Schweine, Kühe und Ziegen fröhlich herumtollen und mit Jugendlichen schmusen…wobei ich das wiederum echt gut fand, denn wo sieht man denn schon so deutlich, dass sich Schweine kein bißchen anders benehmen als der eigene Hund, was die Haus-versus Nutztier-Problematik wunderbar illustriert (Ja, Sozialpsychologin Dr. Melanie Joy mit ihrer Karnismus-Theorie kommt natürlich auch vor). Für mich bot der Film nicht viel Neues und der Stil ist nicht so ganz mein Fall, aber er verfehlt seine Wirkung nicht und wird sein Publikum sicher finden, selbst wenn ich ihn persönlich nur mit Vorbehalt weniger aufgeschlossenen Menschen empfehlen würde.

Hier übrigens noch etwas, das ich neulich gesehen habe: „Vegan – Die Revolution auf deutschen Tellern“ in der ZDF Mediathek. Lief am Sonntag Nachmittag und behandelt die Evergreen-Themen: wie gesund ist vegan wirklich und was bringt es für die Umwelt? Protagonisten sind unter anderem Patrick Baboumian, der stärkste Mann Deutschlands, Ärztin Barbara (Nährstoffmangel ist weit verbreitet und Veganer sind besonders gefährdet o.O), Rohkost-Ikone Boris Lauser, ein veganer Ernährungscoach und ein Einsteiger.

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(Bilder: Tiberius Film)

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

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