The #WurstCase: Fleisch erregt Aufsehen und Krebs

Von einer Bratwurst stirbt man ja nicht...gleich.
Von einer Bratwurst stirbt man ja nicht…gleich.

Die Weltgesundheitsorganisation stuft Fleisch als krebserregend ein – es ging ein Freudenschrei der Veganer und Vegetarier rund um den Globus. Sollte man meinen. Tatsächlich ist es durchaus begrüßenswert, dass sich 22 Experten der Internationalen Agentur für Krebsforschung (IARC) über rund 800 Studien hergemacht haben um endlich rauszufinden, was wirklich an der Sache dran ist. Denn neu ist das Thema nicht, höchstens für diejenigen, die für völlig wahllos rechts und links in die Supermarktregale greifen und sich selbst nach einem selbstverordneten Zuckerkoma keine Gedanken um die Wirkung stark verarbeiteter Produkte machen. Neu ist nur die übergreifende Metastudie in diesem Umfang und natürlich die Tatsache, dass eine Organisation wie die WHO gewichtig genug ist, um die Aufmerksamkeit der Medienvertreter zu bekommen. Und diese wissen sehr genau, dass die Headline, Fleisch sei krebserregend, die Klickzahlen ordentlich steigern. Eben weil Pauschalisierungen wie diese so schön polarisieren und für Gesprächsstoff sorgen –  um nicht zu sagen, die blanke Panik unter den Fleischis auslösen, während sich die Gemüsefraktion zur Abwechslung mal entspannt zurücklehnen kann.

Vor allem aber  sorgen sie dafür, dass – in den Versuch, die Berichterstattung „ausgewogen“ zu gestalten, sofort Experten herangekarrt werden, die das Ganze relativieren.  „Leute, hört bloß nicht auf, Fleisch zu essen! Von einer Bratwurst stirbt man nicht gleich“! Wer diese jetzt genau auf den Plan gerufen hat, und warum, ist am Ende auch egal bzw Stoff für Verschwörungstheorien rund um die Fleisch-Mafia. Das Ende des Geduldfadens war für mich bei der Nachricht erreicht, Veggie-Würstchen enthielten menschliche DNA, die nicht zufällig ausgerechnet jetzt im Umfeld der Fleisch/Krebs-Diskurses auftauchte. Zum Hintergrund: Bei der Verarbeitung der Würstchen würden den Würstchenmachern offenbar einige Hautschuppen oder Haare verloren gehen, daher die DNA in der vermeintlich rein pflanzlichen Delikatesse. Wen das jetzt irgendwie kümmern soll, weiß ich auch nicht, zumal auch die Fleischwurst vom Bio-Metzger sicher nicht vollkommen unberührt von Menschenhand in ihre Darmpelle gerutscht ist. Klinisch rein dürften die allerwenigsten Produkte sein und das ist wohl auch gar nicht notwendig oder überhaupt diskussionswürdig. Es sei denn, man sucht gerade einen Grund, den Pflanzisten eins reinzuwürgen. Was allerdings kaum gelingen dürfte, eben weil die meisten sich in Ernährungsthemen dann doch ganz gut auskennen – man möchte sagen: notgedrungen, einfach nur um den „Du wirst an Mangelerscheinungen sterben“- Zeigefingerwedlern etwas entgegensetzen zu können. Insofern begegnet man sowas mit einer Art stoischer Ruhe, die nach ein paar Jahren Training im Omni-Bullshit-Bingo in Fleisch und Blut (oh oh!) übergegangen ist. Einfach, weil man fast jeden Vorwurf schon gehört, jedes Gegenargument für sich längst beantwortet und durchexerziert und man irgendwie langsam auch gecheckt hat, dass nichts, aber auch absolut gar nichts so pauschal zu beantworten ist, schon gar nicht wenn es um Ernährung oder um die Entstehung von Krebs geht…

 Der Wahrheit am nächsten kommt man immerhin, wenn man sich die Original-PM oder den dazugehörigen Q&A mal näher anschaut. Vor allem steht da nichts davon, dass Fleisch generell (jedes und in jedem Zustand) krebserregend sei. Es geht konkret um zwei Aussagen: Erstens, verarbeitetes Fleisch wurde als „carcinogenic to humans“ (krebserregend für Menschen) eingestuft. Das Ganze basierte auf „sufficient evidence“ – die Beweislage ist also ausreichend um sagen zu können, dass der Konsum verarbeiteten Fleisches Darmkrebs verursacht.  „Verarbeitet“ bedeutet Fleisch, das gepökelt, fermentiert, geräuchert oder andere Verarbeitungsprozesse zur Verbesserung des Geschmacks oder der Haltbarkeit hinter sich hat. Als Beispiele werden Hot Dogs und sonstige Würstchen angeführt, Schinken Corned Beef, Trockenfleisch, Dosenfleisch und Soßen oder andere Produkte auf Fleischbasis.

Zweitens, rotes Fleisch ist „probably carcinogenic to humans“, es gibt “limited evidence“ – es gibt also nur eine begrenzte Beweislage, dass der Konsum von rotem Fleisch bei Menschen Krebs verursacht und „strong mechanistic evidence” – starke mechanistische Beweise für eine krebserregende Wirkung hauptsächlich in Bezug auf Darmkrebs, aber auch Prostata- und Pankreaskrebs. Der zweite Punkt ist demnach mehr „Verdacht auf“ als  „ausreichend nachgewiesen“. Rotes Fleisch definieren sie hier als Muskelfleisch aller Säugetiere, also auch von Rind, Schwein, Lamm, Kalb, Schaf, Pferd und Ziege.

No wurst, no risk: Mehr Wurst, mehr Risiko, weniger Wurst, weniger Risiko. Einfach, ne?
No wurst, no risk: Mehr Wurst, mehr Risiko, weniger Wurst, weniger Risiko. Einfach, ne?

 In Zahlen sieht das so aus: 34 000 Krebstote pro Jahr gehen weltweit auf das Konto einer Ernährungsweise, die stark auf verarbeitetem Fleisch basiert, so die Schätzung der unabhängigen Organisation Global Burden of Disease Project. Wäre der Verdacht des Zusammenhangs  von rotem Fleisches mit Krebs nicht nur Assoziationen sondern ebenfalls kausal nachweisbar,  würden etwa 50 000 Krebstote auf eine Ernährung mit viel rotem Fleisch zurückzuführen sein. Zum Vergleich: Tabakkonsum bringt jährlich weltweit etwa 1 Million Menschen durch Krebs um, Alkohol 600 000 und über 200 000 die Luftverschmutzung. Die Einordnung von Fleisch und Wurst in die gleiche Kategorie („carcinogenic to humans“ ) wie auch Alkohol, Tabak, Arsen usw. ist keine Aussage darüber, in welchem Maße krebserregend sie sind, sondern nur dass sie es sind – bewiesenermaßen. Oder, nochmal anders: Nicht alle Stoffe der Gruppe „carcinogenic to humans“ sind gleich stark krebserregend. Sie sind aber alle krebserregend.

 In Zahlen sieht das so aus: Jede 50 Gramm Portion von verarbeitetem Fleisch, die täglich verzehrt wird, erhöht das relative Krebsrisiko um 18 Prozent, heißt es. Wie der Herr Graslutscher schon auseinandergerechnet hat: „Bei 50 Gramm Wurst pro Tag steigt das Risiko demnach für einen 65 Jahre alten Mann von 2,4% auf 2,8%).”   Ja genau, haut mich jetzt nicht vom Hocker. Aber schauen wir weiter!

Was genau ist im Fleisch enthalten, das das Krebsrisiko erhöht? Als erstes nennt die WHO hier (ausgerechnet!) das Haeme-Eisen. (Find ich deswegen so spannend, weil die blutarmen Veganer ja generell unter Eisenmangel leiden, da pflanzliches Eisen dem fleischlichen ja wohl nicht das Wasser reichen kann.😉 ) Dann folgen die verschiedenen chemischen Stoffe, die während des Verarbeitens oder Kochens von Fleisch entstehen, etwa NNitroso-Verbindungen und polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe oder Heterozyklische aromatische Amine, die auch in anderen Nahrungsmitteln und in verschmutzter Luft vorkommen. Von einigen dieser Stoffe ist bekannt, dass sie Krebs erregen oder sie stehen im Verdacht, dies zu tun. Dennoch sei noch nicht ganz klar, auf welche Art und Weise das Krebsrisiko durch rotes oder verarbeitetes Fleisch entsteht, heißt es weiter. Die Empfehlung der WHO lautet: Fleischkonsum einschränken um das Krebsrisiko zu senken. Auf die Frage, ob man sich vegetarisch ernähren sollte, antworten die IARC, dass beide Ernährungsweisen (mit und ohne Fleische) ihre Vor-und Nachteile haben. Die aktuelle Evaluierung prüfte nicht die Gesundheitsrisiken von Vegetariern und Fleischessern. Eine solcher Vergleich sei schwierig, weil diese Gruppen sich neben dem Fleischkonsum noch in anderen Punkten unterscheiden könnten. (Hier haben sie durchaus recht, es heißt immer, dass Veggies außerdem noch weniger Alkohol trinken, weniger rauchten und sich sich mehr bewegten. Daher ist nicht ganz klar, ob der bessere Gesundheitszustand durch die fleischlose Ernährung oder schlicht durch einen allgemein gesünderen Lebenswandel erklären lässt.)

 Die Fleischindustrie läuft inzwischen natürlich Sturm gegen die äußerst medienpräsente Veröffentlichung der WHO. Da wird gleich vor Panikmache und Verbraucherverunsicherung gesprochen und überhaupt ist es ja gar nicht belegt, dass es das Fleisch sei, dass so schädlich ist, sondern vielleicht nur die Stoffe, die bei der Verarbeitung entstehen. (Guter Punkt! In dem Fall Ist Räuchertofu dann auch krebserregend.) Und es überhaupt mache ja die Dosis das Gift. Doch Fakt ist, selbst die DGE enpfiehlt seit Jahren einen sehr gemäßigten Fleischkonsum, nämlich „300 – 600 g Fleisch und Wurst pro Woche“  dem die allerwenigsten hierzulande auch nur nahe kommen! Denn laut der Nationalen Verzehrstudie II, essen Männer mehr als doppelt so viel Fleisch, bei Frauen sind die Zahlen immerhin deutlich gemäßigter.

Insofern fragt man sich, welche Seite hier was verharmlost. Und egal ob nun die Verarbeitung oder das Fleisch selber krank macht (immerhin gibt’s ja auch hier schon einen nicht zu ignorierenden Beweisstand), das Ergebnis ist ja das gleiche. Verarbeitetes Fleisch ist bewiesenermaßen potenziell krebserregend, und da man ja kein Fleisch essen muss, ist es eins der vermeidbaren Krebsrisiken, genau wie Tabak oder Alkohol. Anders als Luftverschmutzung, die sich für den einzelnen schon viel schwerer vermeiden lässt. Das bedeutet aber wiederum nicht, dass man als Fleischesser unumgänglich Krebs bekommen muss, es bekommt ja auch nicht jeder Raucher notwendigerweise Lungenkrebs. (Die meisten sterben vorher an etwas anderem…. Scherz! :P) Es wird also schlicht die Wahrscheinlichkeit um ein paar Punkte erhöht, dieser Krankheit eines Tages erliegen zu müssen (Noch eine Anmerkung: Hier ist immer nur von Todesfällen durch Krebs die Rede – nicht bloße Erkrankungen. Hier wären Zahlen auch mal interessant). Welches Risiko man eingehen will, kann jeder selbst entscheiden, so wie jeder entscheiden darf, ob er trinkt oder raucht. Mit dem Unterschied, dass man beim Fleischessen eben nicht nur über das eigene Leben und Wohlergehen entscheidet, sondern auch über das eines anderen, empfindungsfähigen Lebewesens…

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

8 Kommentare zu „The #WurstCase: Fleisch erregt Aufsehen und Krebs“

  1. Hallo Jane, vielen Dank für den richtig gut gelungenen Kommentar zum WHO-Thema! Das ist einer der besten, die ich dazu gelesen habe – ich war alles in allem ziemlich enttäuscht von der Art und Weise, wie einige Veganer mit der Nachricht umgegangen sind (etwas zu selbstherrlich und herabschauend für meinen Geschmack), und ich werde das Gefühl nicht los, dass wir hier irgendwie unsere „Chance“ nicht richtig genutzt haben …

    Das große Problem an der Sache beschreibst du m.E. mit deinem letzten Satz: „Und welches Risiko man eingehen will, kann natürlich jeder selbst entscheiden, so wie jeder entscheiden darf, ob er trinkt oder raucht.“

    Ich könnte es halt sogar sehr gut nachvollziehen, wenn jemand so argumentiert: „Fleisch und Wurst zu essen bringt mir einen Gewinn an Genuss und Lebensfreude, der für mich mehr Gewicht hat als das geringfügig höhere Krebsrisiko.“ Ich mache es selbst ja nicht anders, wenn ich über all die „zuviel Sport ist ungesund“ Studien lache – ich weiß ja selbst, dass Marathons zu laufen nicht das gesündeste Hobby der Welt ist, aber ich tue es ja nicht für die Gesundheit, sondern weil es mir so viel anderes zurückgibt. Ganz nach dem Motto: Es sind nicht die Jahre in deinem Leben, die zählen. Es ist das Leben in deinen Jahren.

    Von diesem Standpunkt aus stelle ich es mir sehr schwierig vor, Fleischesser mit einem marginalen Anstieg eines Erkrankungsrisikos zu einem veganen Leben zu bewegen. Und da liegen m.E. die Vorteile der ethischen Argumentation – denn hier ist nicht nur das eigene Wohlergehen betroffen (über das jeder natürlich selbst entscheiden kann), sondern eben auch das von anderen Lebewesen.

    Ich würde den WHO-Report also eher als einen weiteren Puzzlestein in der veganen „Argumentations-Werkzeugkiste“ sehen – ein wirklich schlagkräftiges Argument gegen den Fleischkonsum ist er meiner Meinung nach nicht.

    Viele Grüße
    Daniel

    1. Lieber Daniel, das sehe ich ähnlich. Es gibt natürlich viel mehr Gründe, kein Fleisch zu essen als dieser eine kleine Aspekt, der dann doch bei vielen einen empfindlichen Nerv getroffen hat. Neben ökologischen und ethischen gibt’s auch andere gesundheitliche Punkte. Letztlich hätte das den ohnehin schon sehr langen BlogPost noch mehr gesprengt…lg, Jane

      Nachtrag: Lieber Daniel, es geht doch, ich habe den BlogPost nun auf deine Anregung hin doch noch um einen kurzen und doch so entscheidenden Satz ergänzt. Mehr muss man ja dazu an der Stelle auch nicht erklären. Vielen Dank nochmal für deinen Kommentar!

  2. Alles Wurst

    Die Studienlage ist fatal
    das wurmt den Doktor
    .. und den Schlachter
    das Endoskop setzt er rektal
    das kann er gut, das macht er

    Was kümmert uns die WHO
    das sind doch alles Deppen
    wir machen einfach weiter so
    Patient ist leicht zu neppen

    Wurst ist uns, was Gesundheit schafft
    die Krankheit bringt die Kohle
    zur Hölle mit der Wissenschaft
    dass sie der Teufel hole

    So gibt auch ihren Senf Frau Wiener
    zur Wiener Wurst mit Brot
    der Schlachter schleimt „erge‘ mster Diener“
    Das Tier im Darm – schon lange tot

    Wer null Respekt vorm Leben hat
    der redet fast nur Mist
    wenn er die Vögel fliegen sieht
    fragt er doch glatt, wo Schwerkraft ist

    Wurst ist uns unsere Gesundheit
    besonders wenn sie nur den Mund freut
    Wurst frisst uns unsere Gesundheit
    auch wenn sie manchen armen Hund freut

    Alles hat ein Ende,

    nur die Wurst hat zwei.

    Das eine isst der Omnivor
    das andere auch, denkt nichts dabei,

    es kommt ihm nur so vor.

  3. Der massenhafte Konsum von unverarbeitetem Fleisch findet eigentlich nicht statt. Spätestens der Koch brät oder grillt, (zur Verbesserung des Geschmacks – rohes Fleisch schmeckt und riecht nach frischer Leiche, also nach fast nichts) mit den bekannten Folgen. Die Zuführung von Umweltgiften erfolgt zu 90% über tierliche Nahrungsmittel und wird wohl erst durch Tierproteine „scharf geschaltet“. Siehe China Study und pro Vegan.

  4. Hallo Daniel, wie einige Veganer mit der WHO Nachricht umgehen, scheint mir nicht das Problem zu sein, „ihre Chance“ haben sie schon vorher genutzt, Nein die Ignoranz der Carnivoren ist das Problem. Carnismus ist ein Aberglaube, dem kaum mit Studien oder rationalen Argumenten beizukommen ist. Es stimmt leider, das mit der Dummheit und den Göttern.

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