Paleo Convention: Vegan unter Urmenschen

Was genau bewegt einen Pflanzisten zu einer Reise in die Steinzeit, genauer: zur ersten Paleo Convention in Berlin, einer Zusammenkunft von Anhängern der urzeitlichen Ernährungsphilosphie? Zumal diese dem Klischee zufolge auf lendenbeschürzte und grunzende Laute ausstoßende Zausel mit Holzkeule in der einen, und dickem Fleischbatzen in der anderen Hand hindeutet? War mir der Veganismus am Ende doch zum Verhängnis geworden, so dass ich mich todesmutig in die Höhle der wilden Urstromtalbewohner wagte um neue…pardon…mächtig alte Lebensweisen zu erkunden? Oder hatte ich einen spontanen Anfall von Streitlust, wie sie uns militanten Heiligen in veganer Mission gelegentlich überfällt, sobald dem Supermarkt das Schoko-Soja-Eis ausgegangen ist? Nicht! Die Antwort nicht an dieser Stelle…sondern ganz unten.😀Paleo ConventionIrgendwo in Berlin Friedrichshain hatten die Feuersteins also für einen Samstag ihr Lager aufgeschlagen. Dazu gehörten neben steinzeitlichen Fressständen auch Workshops und Vorträge, wie es sich für eine Convention gehört. Soll heißen, verirrte Passanten, die hier einen der üblichen Street Food Markets erwarteten, wurden nicht enttäuscht: Alles von Burger bis 5-Sterne-Küche, Snacks und Getränke jeder Art, Stände zum Durchprobieren und crossfitte Jungs und Mädels, die sich an den Stangen präsentierten, dazu der passende Soundtrack vom jeweiligen DJ an den Plattentellern – man muss kein Urmensch sein, um das gut zu finden. Und die echten Paleo-Fans konnten sich auf sportliche Betätigung (Primal Play, Kettle Bell, Animal Walk, Calisthenics etc) und Infos rund um die Umsetzung der urzeitlichen Verköstigung freuen. Unter den Vorträgen gab es so vielversprechende Titel wie „Artgerechte Ernährung“, „Vitamin D – Das Sonnenhormon“, „Paläo-Brainfood“, „Back on Track – Das r)evolutionäre Steinzeitprogramm gegen die Killer-Erkrankungen der zivilisierten Welt“, oder „Paläo und Leistungssport“ im Programm zu lesen. Bin ich die Einzige, der hier was auffällt? So ziemlich jede Ernährungsphilosophie wird begleitet von Heilsversprechen und dem Glauben, dies sei die „einzig richtige“ Weise sich zu ernähren (auch der Veganismus). Sowas stößt mir immer ein bißchen auf…aber sehen wir mal weiter…

Paleo <> vegan?!

Ich kannte das Paleo-Konzept vorher eher als diametral entgegengesetzt zum Veganismus. Schließlich basiert es wesentlich auf tierischen Produkten, wie Eiern, Fleisch und Fisch. Getreide mögen die Steinzeitler gar nicht, denn sie orientieren sich am Jäger- und Sammlertum von vor etwa 10 000 Jahren, also vor der Seßhaftigkeit mit Ackerbau und Viehzucht. Milch darf auch nicht sein, was gern mit Kokosprodukten ausgeglichen wird. Jut, so ’n Joghurt auf Kokosbasis ist ja auch lecker. Und Nussmilch geht eh immer. Da sind wir auch schon bei den Gemeinsamkeiten. Versucht man den Pflanzismus halbwegs vernünftig umzusetzen, legt man viel Wert auf unverarbeitete Nahrungsmittel, vor allem Gemüse und Obst. Und möglichst kein raffinierter Zucker, künstliche Zusatzstoffe oder überhaupt alles was Oma nicht als Lebensmittel erkannt hätte. Das sehen die Paleos genauso. Allerdings sind Hülsenfrüchte, also auch etwa Soja, absolut tabu. Erstens seien sie vom Proteingehalt nicht so gut verfügbar. Zu dem Thema hatte ich bereits hier (Woher bekomme ich mein Protein?) geschrieben: „Es stimmt, dass im Gegensatz zu einigen tierischen Produkten die pflanzlichen nicht immer alle benötigten Aminosäuren in gleichen Verhältnissen enthalten. Deshalb haben sie eine geringere “biologische Wertigkeit”. Das macht aber gar nichts, es sei denn, wir würden ausschließlich eine einzige Pflanze essen. Wird an einem Tag Gemüse und Getreide aufgetischt, ist man schon auf der sicheren Seite (mehr lesen). Denn die Pflanzengruppen gleichen ihre unterschiedlichen Mengen an Aminosäuren aus.“ Dann wäre aber noch das Problem der gefährlichen Lektine und Phytinsäuren, die der Paleo-Philosophie zufolge den Rest auch noch so gut wie unverfügbar machen. Dazu nur kurz: Jo, die gibts, Nope, du musst jetzt nicht deine ganzen schwarzen, roten und bunten Bohnen wegschmeißen. Durch Einweichen und langes Kochen (oder auch keimen lassen), wie es bei den harten kleinen Kerlchen ohnehin nötig ist, werden diese Stoffe unschädlich gemacht. Und roh verzehrt knirschen sie eh immer so zwischen den Zähnen. Nicht empfehlenswert!😉 Noch ein Wort zu Soja: Wieder das alte Isoflavonoide-Argument, auf das ich hier (Ist Soja gesund?) schon einmal eingegangen bin. Nichtsdestotrotz gibt es bereis Versuche, paleo und vegan zu vereinen: „Pegan“ soll der Spaß dann heißen, ist aber dank des Verzichts auf vorhergenannte Proteinquellen und wohl auch wegen dem (unnötigen) Meiden von Getreide nicht ganz so einfach umzusetzen. Wer es dennoch möchte, findet ihr bei No Meat Athlete einen Einstieg.

Ihr ahnt es schon: ich finde es gut, dass viel Wert auf naturbelassene Zutaten und einen hohen Anteil an Gemüse, Kräutern und Obst, sowie Nüssen und Samen gelegt wird. Auch der Milchverzicht ist cool (wobei das wohl etwas umstritten ist unter den Paleos) Fragt man sie nach dem Verzehr von Tieren, wird sich gern auf das Weidetierargument zurückgezogen: betont wird der Genuss von „hochwertigem Fleisch“ von „grasgefütterten Weidetieren“, also natürlich gehaltenen und ernährten Tieren und das Engagement gegen Massentierhaltung. Auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung, wie überhaupt die Auseinandersetzung mit dem was auf dem Teller liegt. Nur eben leider noch ein Schritt zu wenig. Ethik und Umweltprobleme spielen scheinbar keine allzu große Rolle. Okay, es sind laut Veranstalter vielleicht 5000 Paleos in Deutschland. Die kriegt man vielleicht noch versorgt mit Weidetierfleisch. Aber würden mehr Menschen ernsthaft auf Bio-Weidetiere umsteigen (wie sie es so gern behaupten), gäbs ein Platzproblem. Den immensen Bedarf der Deutschen zu decken, wäre kaum möglich, braucht man doch für derart extensive Haltung im Gegensatz zur „bequemen“ unsichtbaren Massenabfertigung in Hallen viermal so viel Platz. Der einzig logische Weg wäre eine Reduktion des Konsums insgesamt. Und zwar eine erhebliche! Und eine weltweite, denn das, was hier nicht gegessen wird, landet dann gern mal in neu erschlossenen Märkten. Hier wurde mir teilweise recht gegeben, wobei gleichzeitig drauf verwiesen wurde, dass der Fleischanteil bei Paleo ja nicht sooo groß sei. Und wenn, dann eben bewusst. Na gut, so sah die Pyramide für mich nicht aus. Hier fehlt der Paleo – Idee irgendwie der erweiterte Horizont. oder anders ausgedrückt: Ich halte die Steinzeiternährung nicht für zeitgemäß! (Ha! Hahaha! Pun intended! :D) Ich verstehe zum Beispiel auch nicht, warum man sich unbedingt für etwas entscheiden möchte, das vor 10000 und mehr Jahren mal ne gute Idee gewesen ist, aber mit unserer heutigen Lebenswelt nichts mehr zu tun hat. Wir jagen und sammeln nicht mehr den ganzen Tag, wir sitzen uns die meiste Zeit im Büro am Computer den Hintern platt. Gut, der Ausgangspunkt der Paleo-Idee liegt offenbar im Sport, speziell im Crossfit, und dem Willen, die beste Ernährung für die höchste Leistung zu finden – also ist es wohl nicht sonderlich verwunderlich, wenn Umweltbewusstsein und Ethik möglicherweise nicht ganz so hoch im Kurs stehen, wie ich es beim Veganesentum gewöhnt bin (falls Paleos mitlesen, ihr dürft mich gern korrigieren, ich verdeutliche nur meine Eindrücke, bin aber immer offen ;)). Und sich mit Urvölkern oder den Innuit zu vergleichen bringt irgendwie auch keine Punkte, denn wir sind keine Urvölker oder Innuit, die sich schlicht an ihre jeweilige Umgebung angepasst haben, sondern wir leben hier in einer hochindustrialisierten Umgebung, in der jederzeit alles verfügbar ist. Abgesehen davon, dass das zusammengezüchtete und optimierte Obst und Gemüse von heute nicht nur dank EU-Richtlinien wahrscheinlich recht wenig mit dem von vor 10 000 Jahren zu tun hat. Selbiges gillt für alles andere, selbst fürs Fleisch, selbst wenn es von der Weide hoppelt. Wie ihr seht, hab ich da so meine Zweifel an der Paleo-Philosophie, gerade wenn man mal genauer hinschaut. Natürlich ist es gut, sich von den allzu gut gemeinten (*hüstel*) Freuden der Fertigprodukte-Industrie kritisch zu distanzieren. Und zu sporteln, Ja, Leute, bewegt euch, ist besser so! Früher war alles besser, meinetwegen. Vielleicht nur nicht so früh. Und vielleicht sollte man auch mal an die Zukunft denken.

Jetzt wäre ich euch beinahe die Erklärung schuldig geblieben: Ich sage nur: vierstündige Reportage über moderne Ernährung, Spiegel TV für VOX .. an irgendeinem einem Samstag Abend im Herbst (edit: Sendetermin verschoben). Einige von uns sind gespannt. Oder so.

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

4 Kommentare zu „Paleo Convention: Vegan unter Urmenschen“

  1. Hallo Jane,

    gab es denn keinen Stand mit köstlichen Maden oder Baumrinde? Das stand doch auch auf dem Speiseplan unserer Steinzeitvorfahren und sollte daher auf dem von Paleo-Köstlern auch keinesfalls fehlen. Hingegen bezweifle ich, dass unsere urzeitlichen Vorfahren ständig Zugang zu Kokosnüssen hatten, deren Fett die vermeintlichen Paleo-Köstler ja bei jeder Gelegenheit verwenden.

    Wie die Menschen in der Steinzeit auf 30 Prozent Nahrungsenergie aus Fett gekommen sein sollen, müsste mir auch mal jemand erklären, wenn doch bei Wildfleisch höchstens 10 Prozent der Nahrungsenergie aus Fett kommen, und es bei pflanzlichen Nahrungsmitteln mit wenigen Ausnahmen (Nüsse und Samen, Avocados) natürlich noch viel weniger sind. Selbst mit Fisch und Eiern lässt sich das kaum aufwiegen.

    Wer auf Hülsenfrüchte verzichtet ist zudem selber schuld, denn es gibt wohl kaum eine andere Lebensmittelgruppe, für die über alle epidemiologischen Studien in sämtlichen Kulturen hinweg derart konsistent nur gesundheitliche Vorteile belegt sind. In allen „Blue Zones“, in denen ein besonders hoher Anteil von Menschen besonders alt wird und dabei besonders fit bleibt, stehen Hülsenfrüchte auf dem Speiseplan.

    Zusammen mit den ganzen weiteren Mythen und Widersprüchen die in dieser Szene kursieren (von denen Du hier dankenswerterweise ja gleich ein paar aufgezeigt hast), geht es wohl offenbar doch meist nur darum, eine scheinbar wissenschaftliche Rechtfertigung für den Fleischkonsum zu finden.

    Viele Grüße
    Hauke

  2. Allein die Tatsache, dass 92% der Umweltgifte über tierliche Nahrung aufgenommen werden http://www.provegan.info/de/infothek/detailseite-infothek/umweltschadstoffe-fast-nur-in-tierprodukten/ macht schon nachdenklich. Dazu kommt, dass tierliche Eiweisse die Wirkung der mitgelieferten Gifte noch potenzieren (China Study u.a.) Ausserdem scheint das Ganze noch in Richtung low carb zu laufen. Interssant auch Ötzis Krankenakte: Artheriosklerose, Gallensteine usw. Mageninhalt: Steinbockfleisch.

  3. http://www.urgeschmack.de/verursachen-vegetarier-mehr-blutvergiessen-als-fleischesser/ Kommentare hierzu wurden natürlich alle(!) gesperrt. Abgesehen davon, dass Vegetarier und Veganer dauernd in einen Topf geworfen werden, zeigt es die nebulöse Logik eines Steinzeitromantikers, der gerne auslässt, dass eben für Weideland Regenwälder platt gemacht werden, Fische aus überfischten Ozeanen oder fragwürdigen Aqukulturen stammen und die Zustände in der Legehühnerhaltung katastophal sind. Weideland kann sehr wohl in Ackerland umgewandelt werden. Wie naiv muss man eigentlich sein zu glauben, dass bei der Weidehaltung keine Hormone, Antibiotika und Co. zum Einsatz kommen. Dass die beklagten Erntekollateralschäden in diesem Umfang mehrheitlich dem Fleischkonsum zuzuschreiben sind, ist wohl auch ein eher lästiges Detail. Und hier kommt die moralische Bankrotterklärung in dieser Abhandlung: „Das ist das Leben, der Kreislauf aus Gedeih und Verderb, Fressen und gefressen werden, Leben und Tod. Die Realität.“

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