Die Vitamin B12-Frage

Pflanzenfresser auf Facebook-Diskussion// Prolog: Wer Achtung, Pflanzenfresser auf Facebook folgt, hat es schon gesehen: es gibt einen neuen Aufreger: den ARD-Beitrag Plusminus „Boom Geschäft vegane Produkte“. Während sich die erste Hälfte um vegane Produkte dreht und sich die gleiche Problematik ergibt, wie hier bereits besprochen, wird es gegen Ende immer ärgerlicher, als ein Experte erst in einem veganen Backbuch (5:27 min) blättert und dann etwas von Mangelerscheinungen faselt und eine Ärztin gar von Körperverletzung bei veganer Kinderernährung spricht. Letztere erhielt dann auch umgehend Post von Herrn Vagedes (vegane gesellschaft) und relativierte in ihrer Antwort ihre dort gemachten Aussagen. Es ginge ihr nur darum, dass man eine Ernährungsform richtig durchführt: „Wenn man mich gefragt hätte, was ich davon halte wenn jemand ein Kilo Fleisch in der Woche isst, hätte ich Ähnliches geantwortet.(…) natürlich kann man eine vegane Ernährung durchführen, Mängel ausgleichen und dann gibt es auch keine Probleme.Auf welche Nährstoffe man als Veganer achten sollte, habe ich ja bereits hier zusammengefasst. Hier will ich jetzt nochmal genauer auf das ominöse Vitamin B12 eingehen – denn je stärker unser Nervenkostüm, desto besser können wir mit objektiver Berichterstattung wie dieser umgehen…😉 Ende //

Ein Teil meines Selbstversuchs vor fast drei Jahren, der im Veganertum mündete, war die Recherche dazu, ob man auch über pflanzliche Ernährung alle notwendigen Nährstoffe bekommen kann, ob es also „gesund ist“, sich rein pflanzlich zu ernähren. Stück für Stück habe ich mich da durchgearbeitet, habe tierische und pflanzliche Nahrungsmittel verglichen, Ernährungsratgeber gelesen und Tabellen studiert. Es musste doch eine Rechtfertigung dafür geben, warum wir Tiere mästen, überzüchten, schwängern,  schlachten und essen. Haben wir ja schon immer gemacht, nur inzwischen in  industrieller Entfremdung. Ganz bestimmt gibt es dafür einen triftigen Grund. Alles andere wäre sinnlose Grausamkeit.

Take it!

Wie ihr euch denken könnt, ist diese Recherche anders ausgegangen. Allerdings nicht ganz so eindeutig. Soll heißen, ja, vegane Ernährung ist möglich, sie kann sogar vorteilhaft sein, es gibt keine Probleme mit Proteinen, Fetten, Vitaminen oder Mineralien, wenn man auf Abwechslung und vollwertige Produkte achtet – mit einer einzigen Ausnahme. Vitamin B12. Das ist sie also, die Achillesferse des Veganers. Der Fakt, der vom logischen Standpunkt aus betrachtet das ganze Experiment beenden sollte. Aber wie so oft, ist es nicht ganz so simpel. Klar, Vitamin B12 wird von Mikroorganismen im Darm von Vitamin B12 - SupplementeLebenwesen produziert, daher kommt es nunmal nur in tierischen Produkten vor und manchmal auch auf ungewaschenem Gemüse (Erdreich, Dünger). Und auch wenn wir unheimlich wenig davon brauchen (3 Mikrogramm tgl.) und in der Leber ganze Jahresvorräte gespeichert sind, ist es ein absolut unverzichtbares Vitamin. Bei einem Mangel drohen irreversible Nervenschäden und Schlimmeres. Es gibt absolut keinen Weg daran vorbei. Und es gibt bis dato keine zuverlässige rein pflanzliche Quelle von Vitamin B12 – hier stimmen alle glaubwürdigen Quellen überein. Es ist zwar immer mal von Algen oder fermentierten Lebensmitteln die Rede: Diese enthalten aber bestensfalls nur Spuren oder B12-Analoga, die nicht wie das von uns benötigte Vitamin B12 wirken, und dieses sogar blockieren können. Wie zum Beispiel in der Vegan-Studie von der Uni Hannover (2008) nachgewiesen wurde, sinkt die Vitamin B12- Konzentration im Blut mit zunehmender Dauer der veganen Ernährung. Supplementierung ist also unumgänglich, wenn man auf der sicheren Seite sein will. Wie ihr das macht, ist euch überlassen, ob ihr euch die Zähne damit putzt, angereicherte Produkte futtert, Tropfen oder Tabletten nehmt (ja, da gibts auch was von rationpharm :D), Hauptsache, ihr tut es! Detailliertere Empfehlungen zur Einnahme von Cyanocobalamin, der Standard-Vitamin B12 Supplementierungsform (nein, nicht giftig!), findet ihr hier. Manche schwören hingegen auf die biologisch wirksamen Coenzym-Formen des Vitamins, etwa Methylcobalamin, das vom Körper nicht mehr umgewandelt werden muss, empfohlen werden hier 1.000µg tgl.Dosierung Vitamin B12

Check it!

Nun hat sich das Argument, wegen Vitamin B12 keine vegane Ernährung verfolgen zu wollen, bei meiner Recherche ziemlich schnell als Scheinargument herausgestellt. Denn Vitamin B12-Mangel betrifft keineswegs nur Veganer. Auch bei anderen Teilen der Bevölkerung, vor allem Menschen ab 50 Jahren kann es zu einer Unterversorgung kommen. Das liegt bei denjenigen dann meist nicht an der geringen Aufnahme, sondern am fehlenden Instrinct Faktor, also aufgrund eines Rezeptormangels. Mit zunehmenden Alter kann das passieren oder auch bei Krankheiten, wie entzündeter Magenschleimhaut. Zudem könnte unter Umständen auch für Normalesser die ausreichende Versorgung nicht gesichert sein, da in der industriellen Massentierhaltung großflächig mit Antibiotika  behandelt wird, was die Darmbakterien der Nutztiere tötet, so dass darin möglicherweise kein Vitamin mehr synthetisiert wird. Deswegen wird auch in der Nutztierhaltung B12 ins Futter gemischt. (Und nicht nur das). Eine sehr gute Freundin von mir erwähnte ganz nebenbei, dass sie mal einen Vitamin B12-Mangel hatte und eine Weile daher Spritzen bekam. Sie ist und war Normalesser und ist genauso alt wie ich. Es ist daher für jeden empfehlenswert, sich regelmäßig checken zu lassen. Und zwar nicht nur den vom Arzt gern angebotenen Vitamin B12 Blutserumstest, dieser misst auch Analoga und ist deswegen allein nicht aussagekräftig. Die VGÖ empfiehlt daher, den B 12 Blutserumsstatus gemeinsam mit Homocystein testen zu lassen. Homocystein ist ein Indikator im Blut, der von Vitamin B6, B9 und B12 gesteuert wird. Außerdem ist Homocystein ein Risikofakor für Herzkreislauferkrankungen.  Der Vebu empfiehlt die Untersuchung weiterer Zusatzindikatoren, besonders Holo-Transcobalamin II (Holo-TC), da dieser frühester Indikator für einen Mangel ist. Leider wird nur der Blutserumstest von der Krankenkasse übernommen.
Blutmarker zur Bestimmung der Vitamin-B12-Versorgung Pillen statt natürlicher Ernährung?

Ich kann es zwar verstehen, wenn es abschreckend und unnatürlich wirkt, dass Veganern empfohlen wird, zu supplementieren. Wie gesund wirkt eine Ernährungsform, bei der man gezwungen ist, Pillen einzuwerfen? Aber erstens ist dies, wie gesagt, kein exklusives Problem der Pflanzisten. Und zweitens, wie natürlich leben wir denn heutztage überhaupt noch in unseren klimatisierten Hochhäusern mit Fahrstuhl, Fernseher und Standmixer? Oder, wie Kollege Graslutscher es so schön treffen formulert: „Heizungen, Antibiotika, Verhütung, Unfallchirurgie und Aspirin sind auch unnatürlich. Ohne die unnatürlichen Annehmlichkeiten der Zivilisation wird ein Mensch im Durchschnitt 30 Jahre alt, ich sehe nicht, wieso dann alle wegen B12 so ein Fass aufmachen.“ Es geht doch darum, die Ernährungsform zu verfolgen, die einen am besten gesund erhält, angepasst an unsere Gegenwart und Umwelt. Zu Urzeiten in der Wildnis hatten wir schlicht und einfach andere Bedürfnisse als in unserer jetzigen technoiden, durchkomponierten Urbankultur. Wenn pflanzlicher Ernährung die meisten Vorteile bietet, am besten in unsere bequeme Büro- und Computerlebenswelt passt, und man das Weitere effektiv ergänzen kann, wieso nicht? Ich persönlich kann mit übertriebener Naturverbundenheit nach dem Motto „Zurück in die Steinzeit“ nicht so viel anfangen wie womöglich z.B. die Anhänger der Paleo-Bewegung. Ich hätte nach drei Tagen in der Wildnis verdammt viel Hunger und ziemlich schlechte Laune; ich weiß es, ich war schon oft zelten😀. Es bleibt also dabei: Wenn es um Vitamin B12 geht: Take it, check it – end of story.

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Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

18 Kommentare zu „Die Vitamin B12-Frage“

  1. Danke für die Erläuterung des Fernsehbeitrages. Habe es nicht gesehen, wurde nur von einem Nachbarn angeprochen und schon fast zum Tode verurteilt, wie ich mir und meinem Mann sowas antun kann.
    Vielen Dank für die super Seite und die vielen sehr guten Informationen
    Mach bitte weiter sooooooo

  2. also…. irgendwie ist das ja schon bisschen schizo: ich brauche keine medikamente gegen diabetis und bluthochdruck. ich bin (nicht mehr!) übergewichtig und herz-kreislaufprobleme habe ich auch keine (u.a. WEIL ich vegan lebe!). ich supplementiere (lediglich!) B12 und dennoch wird genau dieses (fadenscheinige!) argument am allerliebsten gegen (auch meine) vegane ernährung benutzt (wegen mangelerscheinungen, die – wie du oben schriebst – keineswegs nur veganer betreffen!). oh mann. ist das hohl.😀
    liebe grüße,
    em

    1. Ja, schizo…Bzw. Brauchen Menschen Schubladen, um die (zu komplexe) Realität auf ein erträgliches Maß zu reduzieren. Und eben nicht über alles genauer nachdenken zu müssen. Entweder vegan ist gesund und natürlich und ohne Pillen möglich, oder nicht. Ganz oder gar nicht! Die Wirklichkeit ist aber nicht schwarz und weiß und passt auch nicht in Schubladen. Beschäftigt man sich also einem Thema länger, stellt man das auch schnell fest und akzeptiert die Grautöne auch. Oder irgendwie so😉 Liebe Grüße!

  3. Ich finde es toll, dass ich durch diesen Artikel endlich mal ausschlagkräftige Argumente gegen die „Anti-Veganer“ in der Hand habe. Wie oft habe ich schon das Argument gehört, dass sich Veganer nicht physiologisch ernähren und deshalb zwangsläufig mit den daraus resultierenden Mangelerscheinungen kämpfen müssen. Aber die negativen Folgen der typischen „Fast-Food-Ernährung“ werden verharmlost und schön geredet. Als wenn künstlich erzeugte Smoothies und Cheeseburger keine Nebenwirkungen hätten – da ist eine naturnahe, biologische Ernährungsweise doch tausend Mal besser!
    Ist dieses Vitamin B12 eigentlich auch in Johanniskraut enthalten? Da steht auf der Verpackung glaub ich auch „mit Vitamin-B-Komplex“ oder so…

    1. Da hast du recht, die Schere ist schon ziemlich groß – zwischen Selbsterkenntnus und Vorurteilen gegenüber Neuem…
      Das mag sein, dass es da mit drin ist, schau mal ob es hoch genug dosiert ist. Von Kombi-Präparaten halte ich aber an sich nicht viel. Dazu schreib ich bald auch noch was auf meinem Blog.

  4. Bedenkt man, wievielen Nahrungsmitteln heutzutage Vitamine und andere Zusatzstoffe beigemischt wird, und einen wie hohen Absatz diese Produkte haben, dürfte wohl kaum einer mit dem Finger auf die ‚bösen‘ B12-Tabletten-Lutscher zeigen. Vielen ist vermutlich gar nicht bewusst, wieviel sie ungefragt supplementieren.

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