Über Doppelmoral, Luxusprobleme und bessere Menschen

„Krass, wie du dich angegriffen fühlst.“ durfte ich mir anhören als ich meinen Kommentar unter dem folgenden Post hinterließ. Werde ich doch noch zum Wutveganer?😉
Ich lebe vegan aus ethischen Gründen veganNatürlich soll der Tweet nur ein Witz sein, eine pointierte Beobachtung. Aber es steckt doch noch einiges mehr darin als das Offensichtliche. Erstmal sehen wir hier den augenscheinlichen Widerspruch zwischen dem veganen Gutmenschentum, das durch den Konsum von Produkten aus menschenverachtenden Herstellungspraktiken vermeintlich negiert wird. Veganesentum als hohle Modeerscheinung, das hatten wir schonmal, das wissen wir und ich persönlich finde es erstmal nicht mal besonders schlimm (siehe auch Ist Veganismus ein Trend?).

Veganer und Vegetarier mögen keine Menschen

Außerdem haben wir hier den impliziten Vorwurf, Vegetarier/Veganer würden sich mehr für Tiere als für Menschen interessieren.  Hm, ich kann da jetzt nur für mich sprechen: Was für ein Unsinn. Natürlich tut mir menschliches Leid auch in der Seele weh. Natürlich muss auch da was getan werden. Nur sind hungernde Kinder, Flutopfer u.s.w. mehr im Fokus der Öffentlichkeit als leidende Tiere, gerade sogenannte „Nutztiere“. Weinende Kinder bekommen einfach mehr Presse als ein Schnitzel. Umso beherzter, engagierter und vielleicht auch aggressiver versuchen Tierschützer deshalb, dieses Leid mehr in den Mittelpunkt zu stellen und Missstände anzuprangern. Das Mitgefühl von Vegetariern ist deshalb aber nicht eingeschränkt, sondern eher erweitert, wie sich offenbar auch wissenschaftlich feststellen lässt.

Luxusproblem Veganismus?

In unserer Welt, in der alles immer verfügbar ist und besonders Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen zu haben sind, muss derjenige, der auf mindestens 50 Prozent davon freiwillig verzichtet, wie ein undankbarer Schnösel wirken. Wir sollten froh sein, dass wir uns so schön satt essen können, hungernde Kinder anderswo wären froh darüber, wie kann man denn nur das gute Fleisch verweigern oder gar Eier oder Milch. Hochpreisige Bio-Lebensmittel, Ersatzprodukte und „teure“ Öko-Klamotten lassen den veganen Lebensstil zusätzlich wie verdeckten Luxus wirken, den wir uns nur leisten können, weil wir eben die Auswahl haben und im Überfluss leben. Würden wir in einem sehr armen Land leben, wo es nur alle zwei Wochen mal ein Schnitzel gibt, wären wir alle wohl keine Veggies mehr, wird uns gern vorgehalten. Aber wenn dem so wäre, gäbe es auch die ganzen Probleme gar nicht, die aufgrund zu hohen Konsums von tierischen Produkten auftreten. Und wie der Graslutscher hier schon geschrieben hat, ist dieses Scheinargument schlicht irrelevanter Nonsens. Teurer ist es als Veganer  nicht (siehe auch „Mir ist das zu teuer“), sogar mit Hartz IV lässt sich prima damit leben. Lasst uns nicht vergessen, dass Milch und Fleisch hoffnungslos subventioniert werden und deswegen preislich so niedrig liegen, was mit ihrem eigentlichen Wert nichts zu tun hat. Denn wenn man genau hinschaut, ist Veganismus genau das Gegenteil von Luxus, von Verschwendung. Veganismus ist ja der Protest gegen die Verschwendung, also die 15.000 Liter Wasser und bis zu 49 Quadratmeter Fläche zum Beispiel, die für ein Kilo Rindfleisch verbraucht werden. Der wahre Luxus ist es doch, etwas zu verkonsumieren, das immens viele Ressourcen verbraucht, die Umwelt zerstört und ja, auch einen Beitrag zum Welthunger leistet. Die armen, hungernden Kinder hätten viel mehr davon, wenn wir weniger Fleisch essen würden, als wenn wir es tun.

Veganer und Vegetarier halten sich für was Besseres

Das nächste Vorurteil, das ich aus dem Spruch herauslese, ist das Gutmenschentum der Veganer/Vegetarier. Ich lebe vegan, zeige also ein gewisses Engagement für meine Umwelt und bin daher ein besserer Mensch oder so. Komischerweise kommt dieser Vorwurf aber eher der Seite der Fleischesser/Omnis. Denn die meisten Vegetarier/Veganer, die ich kenne, sind sich geradezu schmerzlich bewusst, dass sie eben keine perfekten Menschen sind, dass man nie genug Gutes tun kann, dass es viele Baustellen gibt. Sie sind sich der Probleme durchaus bewusst, die Iphones und Billigklamotten verursachen, aber nicht jeder ist den Schritt gegangen, auch dagegen was zu tun. Ich hab auch ein Smartphone, meine Klamotten sind zwar nicht von Primark aber auch nicht gerade Fair Trade. Immerhin kaufe ich nicht ständig neue, sondern trage sie buchstäblich, bis sie Löcher haben. Was in unserer Wegwerfgesellschaft auch nicht mehr selbstverständlich ist. Ich weiß, dass Plastikmüll ein Riesenproblem ist und dass die schlechten Arbeitsbedingungen in anderen Ländern für die günstigen Preise hierzulande verantwortlich sind. Ich bin also kein besonders guter Mensch nur weil ich Pflanzismus betreibe. Ich bin nicht „besser“ als andere (wie will man das vergleichen?) und ich weiß das auch. Der Weg ist für mich aber klar. Mir sind die Probleme bewusst und ich versuche, Stück für Stück mein Handeln meinem Problembewusstsein anzupassen. Und das mache ich nicht, um besser als andere zu sein, sondern um selbst besser zu sein bzw. besser zu handeln also bessere Entscheidungen zu treffen.


Möglicherweise ist es so, wie der Artgenosse hier so schön erklärt: Ich bin nur eine besser handelnde Version von mir selbst im Vergleich zu der, die ich wäre, wenn ich Fleisch essen würde. Er betont hier mehr das Handeln im Gegensatz zum (schlecht vergleichbaren) Sein oder Nichtsein. Und wem nützt denn auch ein solcher Wettbewerb, wer hier der bessere Mensch ist? Eigentlich ganz einfach. Er dient dazu, das eigene Handeln zu relativieren…

Wie man Veganer/Vegetarier von ihrem hohen Ross holt

Erwischt! Die ach so bewusste Veganerin, der bloße Anwesenheit, ja Existenz wie ein ständiges Ausrufezeichen wirkt, weil sie verdeutlicht, was man nicht wahr haben will; dass es auch ohne geht! Genau diese Person ist gar nicht so großartig, denn sie hat ja ein Smartphone und kauft Billigklamotten, die möglicherweise von Kinderhänden gestrickt wurden. Sie hat zwar vielleicht nie behauptet, was Besseres zu sein, aber das muss sie auch gar nicht. Sie weiß dafür sonst immer alles besser, und konfrontiert einen schonmal mit unangenehmen Fakten. Was tun wir also? Wir nehmen sie mal genau unter die Lupe und siehe da, sie ist auch nur ein Mensch und alles andere als perfekt. Und weil das so ist, muss ich es auch nicht sein. Schon kann ich mich zurücklehnen und die Welt weiter schlecht sein lassen, denn man kann ja eh nichts dagegen tun. Dieser Tweet ist schlicht die Zusammenfassung aller dieser Hintergründe und zielt darauf ab, die Angeprochene ins Lächerliche zu ziehen, damit das eigene Weltbild wieder stimmt. Diese Form der Distanzierung ist eine Art des Selbstschutzes: Attacken auf ihr positives Selbstbild wehren Menschen ab, indem sie Angreifer lächerlich machen. Doch wenn alle so denken, passiert am Ende rein gar nichts und alles bleibt für immer so, wie es ist. Denn das eigentliche Problem ist, dass zu wenige etwas machen. Die sich überhaupt mal aus ihrer Comfort Zone erheben und beschließen, mal über den Tellerrand zu schauen. Zu verwöhnt von dem Glauben, dass alles so bleiben wird, wie es ist, owohl wir jetzt schon so viele Ressourcen verbrauchen als hätten wir drei Erden, und deshalb schon der Weltuntergang prophezeiht wird. Und das ist der Grund, warum ich dafür bin, jeden noch so kleinen Schritt zu unterstützen und zu fördern statt ihn kleinzureden. Positive Verstärkung statt Spott. Und irgendwo muss man doch anfangen, oder?

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Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

26 Kommentare zu „Über Doppelmoral, Luxusprobleme und bessere Menschen“

  1. sehr gut geschrieben! die dikussionen zwischen veganern und allesfressern sind oft schon so absurd und agressiv (und ja – fast immer von seiten der allesfresser), dass ich besonders deinen schlußsatz sehr schön finde.
    lg, antonia

    1. Hey Antonia, meist sind sie sich gar nicht bewusst, wie absurd ihre Ausreden sind…weil das Absurde ja leider Normalität ist. Liebe Grüße!

  2. Schöner Text, gefällt mir sehr gut! Dieses beknackte Aufrechnen von falsch gemachtem, damit dann am Ende alle ihre falschen Handlungen legitimiert bekommen, nervt mich oft am meisten. Hatte dazu schon vor einem halben Jahr mal was geschrieben – http://graslutscher.de/das-plastiktuten-paradoxon/ – die Reaktionen waren damals schon voller Unverständnis.

    Lustigerweise schreibt keiner Tweets wie

    „Ich trenne Müll“ sagte sie während sie ihren Q7 in die EInfahr fuhr

    oder

    „Ich beziehe Ökostrom“ sagte er beim Checkin für den Transatlantik-Flug.

    Erst wenn Veganer auf den Plan treten wird damit argumentiert, dass sie gar nicht perfekt seien. Dabei ist das mal komplett egal!

    1. Haha, sehr schön, der Text mit den Plastiktüten. Tja, ist halt echt dieses typische „Du meinst wohl, du wärst mit deinem Veganesentum was Besseres, ha! Bist du nicht, bist du nicht, bist du nicht! Ätsch!“🙂 Liebe Grüße!

  3. Viel Lärm um nichts, wenn man mich fragt – was den Tweet angeht. Ich stimme aber zu, wenn es um die vorhandene Aufrechnungsmentalität gegenüber Veganern geht. Nirgendwo sonst wird so schnell das Gutmenschensyndrom attestiert. Und es gibt wenig, was andere so sehr aufregt, wie den eigenen Lebenswandel infrage zu stellen – was vegane Lebensweise wohl auf besonders unangenehme Art tun kann. Zugegebenermaßen will ich auch nicht autark auf dem Land leben und mit der Natur im Einklang sein, was wahrscheinlich die komsequenteste Form der Erkenntnis wäre (was aber imho auch keine Lösung für die Gesamtheit aller Menschen wäre). Ich bin aber ein Stadtmensch, der gewisse Bequemlichkeiten schätzt (und allergosch gegen Gräser ist ^^ ). Entsprechend mache ich mein Ding im Kleinen. Das wird nicht allen ausreichen, aber ich will es ja auch nicht allen recht machen.

    1. Ja, das stimmt wohl. Wenn man für alle Lebewesen auf der Welt ein gewisses Maß an Gleichberechtigung und Wohlstand will, dann wäre die Konsequenz natürlich auch, den eigenen Komfort aufzugeben. Abgesehen davon, dass die Vorstellung eh völlig illusorisch ist, will und kann das sicher nicht jeder. Aber wie gesagt, irgendwo muss man doch anfangen und warum nicht erstmal bei dem Gemetzel vor der eigenen Haustür? Also einen Schritt nach dem anderen gehen, irgendwo muss man anfangen, wie gesagt.

      1. Ja, kann sein. Allerdings gibt es bestimmt Studien, die genau das Gegenteil behaupten. Es kommt immer auf das Maß an und ich meinte ein ziemlich Extremes (bisweilen völlig unrealistisch autarkes) mit dem Rückzug aufs Land. Ich bin da allerdings raus und versuche eher mein Stadtleben etwas ökologisch verträglicher zu gestalten, wenngleich ich vieles nicht verhindern kann. Muss mein Online-Anbieter Ökostrom verwenden? Was ist weniger schädlich – Schuhe aus Leder oder tierfreie Plastiktreter? Meine Oma züchtet ziemlich glückliche Hühner und isst deren Eier – ist das vertretbar? Jede Menge kleine Fallen, für die ich keine Antwort habe und sie inzwischen auf der eigenen Prioritätenliste weit nach hinten verlegt habe.

        Ich glaube unsere Schwierigkeiten liegen mitunter in dieser Priorisierung. Wen wir auf jemanden treffen, der andere Prioritäten hat, fühlen wir uns oft nicht ernst genommen und der/die missachtet wichtige Sachverhalte. Warum verlangen wir immer das Gesamtpaket von Menschen? Also am besten Veganer, sozialpolitisch engagiert, gegen Krieg, Pharmazie, Kohleabbau und Stromleitungen durch den Harz? Ich kann das nicht. Also Schritt für Schritt ist schon richtig,

  4. Ich bin erstaunt, dass der obige Tweet Dich zu so einem langen Post getrieben hat, denn ich habe ihn spontan ganz anders aufgefasst: Nämlich, dass nicht die Veganer damit angegriffen werden, sondern dass die Dummen lächerlich gemacht werden sollen, die Nicht-Denker und Kurz-Denker.
    Vegan essen ist „in“, iPhone sowieso, und hier in Köln schlägt auch Primark Wellen – die im Tweet karikierte Person kann das Wort ethisch wahrscheinlich nicht mal buchstabieren…, hält Primark für eine prima Marke – sagt doch schon der Name…
    Ich vermute, dass Du in Deinem Veganer-Leben schon so häufig aggressiv angegangen wurdest, dass Du nun besonders empfindlich reagierst. Verständlich.

    Ich habe Deinen Blog abonniert, lese ihn immer gerne und er ist/war mir oft eine Recherche-Hilfe.
    Sei bedankt für die viele Arbeit und dass Du Dich so in die Öffentlichkeit wagst.
    Keep cool and carry on.

    1. Hallo Christa, keine Sorge! Der Tweet war nur der Aufhänger für die eigentliche Frage, ob sich Veganer für bessere Menschen halten oder sind. Darüber wollte ich ohnehin gern schreiben, und der Post hat es nur hochgebracht. Ich habe darauf nicht besonders aggressiv reagiert sondern (ihr kennt mich ja), sondern so ziemlich das geschrieben wie im letzten Absatz (nur kürzer).😉 Liebe Grüße!

      1. Hallo Jane, ich meinte auch überhaupt nicht, dass Du aggressiv reagiert hast (ich glaube, Aggressivität liegt Dir ziemlich fern), sodern dass Du im Laufe Deines Veganer-Lebens empfindlicher geworden bist.
        Leider ist das Wort empfindlich hierzulande negativ besetzt. Also lieber empfindsam! (Als HSP reagiere ich bei vielem so.)
        Liebe Grüße

  5. 1. Ich habe über den Tweet herzlich gelacht (als Veganer).
    2. Menschliches Leid berührt mich mindestens genauso wie Tierleid.
    3. Ich bin nicht besser als andere.

    Liebe Grüße
    Noyan

  6. Danke für diesen tollen Post!
    Eine kleine Anmerkung: Du schreibst: „Sogar mit Hartz IV kann
    man prima vegan leben.“ – Ich denke auch, daß mensch mit Hartz IV vegan leben kann – „prima“ aber nicht. Halbwegs ausgewogenes Essen mit so einem kleinen Budget setzt harte Planung voraus, egal ob vegan, vegetarisch oder sonstwie… klang mir jetzt ein bißchen zu leicht-fluffig…
    Ansonsten wirklich nur danke, auch auf meine Leseliste kommst Du ab heute🙂

    1. Hallo Ada, ich glaube, nicht nur Hartz IV, sondern auch andere Lebensumstände können dazu führen, dass man sehr genau planen muss, es war nicht leicht-fluffig gemeint, es ist kompliziert aber nicht unbedingt teurer wenn man vegan futtert, darauf sollte bei mir die Betonung liegen. Ich denke, wir verstehen uns😉 Freut mich sehr, wenn du hier öfter vorbeischaust.🙂

  7. Normalerweise würde ich als „Nicht-Veganer-Mit-Vegan-Lebender-Freundin“ nicht auf einen Blogpost reagieren (oder sogar kommentieren!), der mir als „gut argumentiert“ angetragen wurde. Das ist etwas, was wir eigentlich untereinander ausmachen und dann ist es gut (oder anders …). Letztlich bleibt es bei Meinungen.

    Jetzt hab ich das allerdings gelesen (und auch ein paar der verlinkten posts) und mir Deinen Blog etwas angeschaut. Ich muss sagen, ich mag Deine moderate und (relativ) offene Einstellung zum Verhältnis zwischen vegan lebenden Menschen und dem Rest (ich hab das auch schon ganz anders erlebt und gelesen). Zudem möchte ich vorweg schicken (und betonen), dass von mir aus jeder Mensch so leben kann, wie er möchte und Veganismus tatsächlich (wieder nur meine Meinung) eine der besseren Varianten darstellt.

    Wenn auch ein „Daumen hoch“ schon reichen würde einen Kommentar zu rechtfertigen, möchte ich dennoch auch ein paar Deiner Argumente in Frage stellen (oder zumindest meine Perspekive dazu teilen). Hier also meine Gedanken.

    Als erstes ist es wichtig darauf hinzuweisen, dass die Tendenz jemanden ins Lächerliche zu ziehen, der das eigene Selbstbild angreift, zwar eine wichtige und richtige Beobachtung ist, aber eben auch ein zweischneidiges Schwert. So ist es nicht nur grundsätzlich falsch es so aussehen zu lassen, als wäre es die einzige Motivation (nicht mal ein „Grund“, was es nur schlimmer macht …) Veganismus zu kritisieren, sondern auch fragwürdig, sich als denkenden Menschen auszugeben und anderen, die anderer Meinung sind, diese Fähigkeit abzusprechen. Wenn also von Beiden Seiten Spiegelfechterei betrieben wird, bleibt es zwar wichtig auf das Phänomen hinzuweisen, aber eben nur um aufzuzeigen wie sinnlos es ist zu behaupten man hätte unbedingt recht, weil der andere ja ein größerer Idiot ist. Wie gesagt, das gilt immer für beide Seiten und funktioniert nicht als Rechtfertigung.

    Zum „Luxusproblem“ möchte ich nur anmerken, dass auch hier die aufgeführten Argumente (pro UND Contra) nicht das eigentliche Problem besprechen. Wir leben in einer kapitalistisch gesteuerten Wegwerfgesellschaft und so lange es als angemessen betrachtet wird Tonnen an Nahrung zu vernichten, weil es ja trotzdem noch mehr Profit generiert, als es zu verschenken (was ja nur die Bedarfstrukturen aufweichen würde, denn wenn gigantische Mengen Butter verschenkt werden können, muss ja niemand mehr Butter kaufen, etc.). In Anbetracht dessen zu behaupten, ein in einem Industrieland lebender Veganer helfe auf irgendeine Art und Weise mit seinem Verzicht auf Fleisch irgendwelchen hungernden Kindern (oder das ein genereller Verzicht auf Fleischprodukte etwas derartiges bewirken könne …), kann also eigentlich nur als Fehlschluss betrachtet werden. Das Problem (und auch die Lösung) liegt eher in der Gesellschaft, der individuelle Ansatz muss also anders gelagert sein. Als Beleg dafür könnte man die zynische Reaktion des Marktes auf den „Trend“ Veganismus anführen. Wenn man es aus dieser Perspektive sieht, scheint es naheliegend eine vegane Lebensweise „nur“ als Resultat einer im Luxus lebenden Gesellschaft zu betrachten. Es ist genauso bigott wie alles andere, was wir uns so gerne einreden um nicht an der Welt zu verzweifeln.

    Was uns schließlich zum „gut und bewußt handelnden“ Individuum führt. Dabei scheint es in solchen Diskussionen immer wieder notwendig zu betonen, dass man auch ein guter Mensch sein kann, ohne gleich vegan leben zu müssen. Anders ausgedrückt halte ich es sogar für extrem wichtig da eine klare Trennung zu sehen. Ein guter Mensch muss nicht Veganer sein und ein Veganer ist nicht unbedingt geich auch ein guter Mensch. Wo diese allgemeine Betrachtung erst einmal hohl und offensichtlich wirkt, weißt sie dennoch auf ein tiefgreifendes Problem hin, denn ausschließlich (!) individuelles und bewußt gesteuertes Konsumverhalten hat für sich selbst genommen NICHTS mit ethischem Handeln zu tun.

    Das mag ersteinmal harsch wirken, wird aber, glaube ich, verständlich, wenn man Veganismus eben nicht als die Antwort auf jene die Ethik definierende Frage sieht „Was soll ich tun?“. Man muss eben nicht, um nur einen Aspekt zu nennen, Veganer sein um gegen Massentierhaltung zu sein, denn man kann jederzeit argumentieren, dass ein Phänomen wie die Massentierhaltung nur noch wenig mit Nachfrage zu tun hat, sondern vielmehr von einer an Profit orientierten Gier gesteuert wird (was, so meine ich, ganz gut mit den ganzen Lebensmittelbergen, die wir produzieren lassen, belegt werden kann …). Der Verzicht auf Fleisch wird nichts am System ändern ausser neue Absatzmärkte zu schaffen.

    An dieser Stelle wird nun gern auf die moralische Dimension des Veganismus hingewiesen (was es ja unmittelbar in die Nähe des ethischen Handelns rückt). So einfach ist es aber nicht, denn keine Definition von Moral kann einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit geltend machen. Da hilft es auch nicht, zu behaupten, man habe mehr recht als Andere. Es kann nur zu Streit führen und zeigt, dass über gutes Handeln zu predigen weitaus weniger effektiv ist als Gutes zu tun. Jetzt kann man natürlich behaupten, dass ein Diskurs nur Erkenntnisfördernd sein kann, aber das stimmt nur an der Oberfläche. Denn wenn Erkenntnis eine möglichst objektive Betrachtung der Realität bedeutet, muss der Prozess der Erkenntnisgewinnung an einer ganz anderen Stelle anfangen, als beim Konsumverhalten. So gesehen kann man Veganismus, und das hört sicher niemand gern, auch als Wegschauen interpretieren. Die ultimative Rechtfertigung sich abzuwenden, weil man ja selbst „verstanden“ hat, was richtig ist. Aber wer sich nicht ständig reflektiert und in Frage stellt, hat meiner Meinung nach den ersten Schritt getan sich durch Selbstverleugnung jede Art von Erkenntnisgewinn zu verwehren. Man hört nur noch, was man hören will. Aber das bezieht sich nicht nur auf Aspekte veganer Politikmache, sondern ist ziemlich Allgemeingültig.

    Unterm Strich bleibt vielleicht einfach zu sagen, dass die Bewegung hin zum veganen Leben durchaus positive Aspekte hat und es wichtig ist, sich darüber Gedanken zu machen, was man is(s)t und warum. Aber es ist eben auch wichtig, sich die Möglichkeit zu wahren, zu sehen, dass hinter dem Tellerrand, den man überwinden konnte, manchmal schon der nächste lauert. Also auch wenn ich die Argumentation in Deinem Post nicht als stichhaltig erachte, stimme ich Dir doch gerne zu, dass jeder Schritt in die richtige Richtung positive Impulse verdient. Was ich geschrieben habe, will ich auch nicht als Angriff verstehen lassen, sondern vielmehr als ein (bescheidener) Versuch zur Diskussion beizutragen. Tut mir leid, dass es so ein massiver Text geworden ist, aber es ist ein Thema, zu dem es viel zu sagen gibt …

    Liebe Grüße, Jens

    1. Hallos Jens, es freut mich wirklich sehr, dass du mir geschrieben hast🙂 Ich freue mich sehr über jede Meinung, egal ob Veganer oder Fleischfresser, so lange sie so wunderbar durchdacht ist, wie deine. Sonst wirds ja langweilig😉 Und bevor ich in Länge auf deinen Kommentar eingehe, möchte ich noch auf meinen Blog-Post „Wie theoretisch ist Veganismus“ hinweisen, der schon auf einige Probleme hinweist: https://achtungpflanzenfresser.wordpress.com/2012/09/02/wie-theoretisch-ist-veganismus/

    2. Ok, nun zur längeren Antwort. Wie bereits angedeutet, ist mir bewusst, dass Veganismus eher eine theoretische Wirkung und im Hier und Jetzt kaum direkte Auswirkungen hat, wie sich leicht an Zahlen der Fleisch- und sonstigen Lebensmittelindustrie belegen lässt. Das Problem ist system-inherent. Trotzdem bin ich der Meinung, dass vegan leben im Konzert mit anderen Aktionen wie Petitionen, Aufklärung etc. durchaus wirkt. Ohne Veganer würden alle glauben, dass man ohne den Verzehr von Tierprodukten an Mangelerscheinungen stirbt. Es ist durchaus von Belang, dass am besten jeder in seinem erweiterten Bekanntschafts- und Freundeskreis einen Veganer hat, damit dieser Irrglaube sichtlich und erlebbar widerlegt wird. Das schafft dann wiederum Raum und mehr Verständnis für alle anderen Aktionen, schafft Gehör. Denn wenn man weiß, dass es einem nicht gleich an Kopf und Kragen geht, nur weil es ne Woche lang kein Schnitzel gab, hat man ein Ohr dafür, warum die verrückten Tierschützer sich eigentlich so vehement für die Kuh next door einsetzen. Das heißt NICHT, dass ich an sowas wie eine veganisierte Welt glaube oder durchsetzen will oder sonst irgendwas. Ein bißchen Bodenhaftung habe ich durchaus. Es gibt sehr wahrscheinlich eine verträglichere Lösung und die Welt wird sich nicht über Nacht ändern.

      1. Hm, ich weiß nicht, wie der Eindruck entstehen kann, ich würde glauben, der Angriff auf das Selbstbild > Lächerlich machen sei die einzige Motivation. Allein der Umfang des Blogeintrags zu diesem Tweet zeigt doch die Komplexität dieses „Witzes“ und wie viel dahintersteckt, denkbar sind also zahlreiche Gründe. Der Witz selbst ist vielleicht nicht mal als Angriff auf den Veganismus gedacht, sondern vielleicht eher generell auf die Oberflächlichkeit mancher Zielgruppen. Dabei bietet der Veganismus selbst unheimlich viel Angriffsfläche. Wir sind ja die Spinner und Träumer, die ständig gegen den Strom schwimmen müssen. Die sich einbilden, man könne was ändern. Die sich immer wieder erklären und rechtfertigen müssen. Dabei ist das Vermeiden von Tierprodukten doch eigentlich eine ganz normale Reaktion, wenn man sich erstmal mit der Thematik beschäftigt hat, oder nicht? Wenn man die Bilder gesehen, die Fakten nachrecherchiert hat. Es ist die unmittelbare Umsetzung des Gefühls von „ich will das nicht unterstützen, ich will daran nicht teilhaben“. Das ist zwar illusorisch, denn 100pro vegan geht nicht in unserer Welt, aber bis zu einem gewissen Punkt geht es schon. Und ob man damit die Welt rettet, nee, erstmal nicht. Aber man kann vielleicht in den Spiegel gucken. Also – Veganismus ist gar nicht so altruistisch, wie viele glauben machen wollen😉

      2. Luxusproblem: Wie gesagt, system-inherent, keine unmittelbare Wirkung etc. Mir schon klar, wie es eigentlich gemeint ist, wenn gesagt wird, dass Veganismus ein Luxusproblem ist. Nur in einem Land, in dem alles im Überfluss vorhanden ist und sogar weggeschmissen wird, kann man es sich leisten, auf einiges zu verzichten. Um den hungernden Kindern zu helfen. Ja, hanebüchen. Aber es geht Veganern ja genau darum, auf die Verrücktheit unseres Systems (das die hungernden Kinder verursacht) hinzuweisen. Darum geht es doch. Den RTL-Zuschauer zum Nachdenken zu bewegen.😉

      3. Den Punkt verstehe ich nicht so richtig. Liegt womöglich daran, dass ich Kategorien wie „richtig“ und „falsch“, ja sogar „Wahrheit“ und „Lüge“ und „gut“ und „schlecht“ eher relativ als absolut ansehe. Allgemeingültigkeit gibt sooo es eigentlich nicht, es kommt auf die Perspektive an, auf die Situation, auf andere bestimmende Faktoren. Deswegen bin ich auch immer gern bereit, mir andere Standpunkte anzuhören. Soll heißen: Ich halte Tiere essen zum Beispiel nicht grundsätzlich für falsch oder unethisch oder unmoralisch und auch nicht die Menschen die es tun/nicht tun (alles relativ, wie gesagt) Wenn es ums Überleben geht, esse ich vermutlich alles. Selbst wenn ich in meiner Recherche irgendwo drauf gestoßen wäre, dass Tierprodukte für meine Gesundheit unabdinglich wären, würde ich selbige wieder essen. Point is: Das war eben nicht so. Umso schlimmer. Der ganze Mist auch noch umsonst, die ganze Qual für nichts.Tiere einzusperren ist in den meisten Fällen nicht ok, in anderen nicht anders machbar bzw. vielleicht sogar eine bessere Idee, als sie aussterben zu lassen. Sowas muss man im Kontext betrachten, Dogmatismus bringt einen nicht weiter. Das bedeutet alles nicht, dass man sich drauf ausruhen soll. In einigen Fällen ist und bleibt es nicht ok, auch nach ausführlicher Betrachtung der Datenlage und Situation. Ich denke schon, dass es für jeden Einzelnen gesünder wäre, so zu leben, wie es sein Gewissen verlangt. Aber auch das kann man keinem vorschreiben und das will ich auch gar nicht. Leben und leben lassen, steht nicht umsonst über meinem Blog. Ich denke, wir sollten mehr an den Punkten arbeiten, an denen wir ein gemeinsames Interesse haben, als uns an unseren Unterschieden aufzureiben.🙂

      1. Okay, da muss ich doch gleich mal vorweg schicken, dass ich Deine Einstellung mag und mir wünschen würde, dass mehr Menschen (egal ob vegan oder nicht) sie an den Tag legen🙂 Idealismus kann ich respektieren und kritische Distanz find ich generell klasse. Nur so kann ein Dialog entstehen! Und ich finds auch klasse, dass Du Dir Zeit für eine so ausführliche Antwort genommen hast.

        Zudem hilft es (mir zumindest) den Konflikt zu verstehen, den eine Bewegung, wie der Veganismus nun mal eine ist, auszufechten hat. Während ein extremes Beharren auf einer Meinung, wie es z.B. die PETA an den Tag legt, jede Diskussion zur Schreierei werden läßt, droht ein zu liberaler Ansatz jeden Diskurs in harmloser Gleichgültigkeit versinken zu lassen. Auf ihre Art funktionieren beide Extreme wohl nur in so fern, dass sie vielleicht Aufmerksamkeit erregen (PETA, z.B.) und gleichzeitig Schnittstellen schaffen (wie Dein Blog, offensichtlich), müssen aber an ihren Ansichten festhalten, weil sie sonst tatsächlich keinen Effekt haben. Über Idioten und schwarze Schafe brauchen wir da erst gar nicht reden. Die gibt es überall.

        Größtenteils sind wir uns, denke ich, doch recht einig. Du hast recht, was richtig oder falsch angeht (ha!) und erst recht mit der Einschränkung, dass es darauf ankommt zu handeln. Was ich im 3. Teil zum Ausdruck bringen wollte, war, dass mir eine moralische oder ethische Instanz in Allen Dingen erst mal übel aufstößt. Wer das braucht, um sich selbst noch „im Spiegel betrachten“ zu können, meinetwegen. Aber es ist vielleicht nicht unbedingt der beste Grund etwas zu tun (oder besser: es führt zu fehlgeleiteten Reaktionen und Argumenten). Oft genug reicht eine Änderung des Verhaltens eben nicht aus, um ein Bewußtsein für bestehende Probleme zu schaffen, sondern endet einfach nur in einem zufriedenen Verharren. Es ist also vielleicht besser, so zu handeln, aber das irgendwie moralisch zu verpacken kann nur Kummer bereiten, wie es eben immer der Fall ist, wenn man sich auf Dinge bezieht, die bestenfalls schwammig definiert werden. Mit dem, was wir für Gewissen halten, ist es übrigens das selbe🙂 Wenn ich Deinen Kommentar richtig lese, hast Du da so wie so ein gesundes Verhältnis zu (nicht, dass es an mir ist, das zu bewerten …).

        Na ja gut, jetzt hab ich mich vielleicht erstmal genug aufgedrängt. Ist ne gute Sache, die Du hier laufen hast. So kann man’s echt machen🙂

  8. Also ich bin schon so erzogen worden das man kein Fleisch essen darf rein aus religiöser Sicht . Fünftes Gebot[ du darfts nicht töten ] und mein Vater sagte das auch die Ägypter kein Fleisch aßen…… der Weltweite trend Fleisch zu verzerren kam mit der Kirche[Konstantin]…….. you are a low 6▲ Hor.. or a powerful 7△ Sute..? XIII

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