Eintagsküken, Veggie Day und kleine Schritte

Es war für mich die Nachricht des Tages: Nordrhein-Westfahlen verbietet das Töten von „Eintagsküken“. Von den frisch geschlüpften Küken von Legehennen sind nur die weiblichen für die Lebensmittelindustrie von Nutzen. Die männlichen, die keine Eier legen können und durch die auf Eierproduktion ausgelegte Zucht nicht als Masthuhn taugen, werden vergast oder lebendig geschreddert. Abgesehen davon, dass wohl die wenigsten Konsumenten von dieser europaweit gängigen Praxis wissen und die Nachricht vom Verbot entsprechend wenig Niederschlag in der deutschen Medienlandschaft gefunden hat, ist es ein sehr erfreulicher Schritt in die richtige Richtung. Es ist die Anerkennung der Tatsache, dass man Lebewesen nicht wie Gegenstände und schlussendlich wie Müll behandeln darf. „Diese Praxis ist absolut grausam, hier werden Lebewesen zum Abfallprodukt der Landwirtschaft.“ wird Verbraucherschutzminister Johannes Remmel (Grüne) zitiert. Das Töten von Tieren „ohne vernünftigen Grund“ sowie das Zufügen von „Schmerzen oder Leiden“ ist laut Tierschutzgesetz verboten. Bei Nutztieren ist der „vernünftige Grund“ offensichtlich, aber wie jetzt anerkannt wurde, entschuldigt dieser nicht jede Grausamkeit.Küken - Bild: deviantArt-Inki-StockDie Konsumenten nehmen viel in Kauf für ihre Currywurst, sie wissen, dass dafür ein Tier sterben muss. Aber die genauen Umstände kennen sie entweder nicht oder verdrängen die Tatsachen bzw. denken das sind Ausnahmen und eben keine „europaweit gängige Praxis“. Dieser blinde Fleck im Auge der Öffentlichkeit muss entfernt werden. Dann wäre es zwar immernoch vielen egal so lange sie ihre 99 Cent-Wurstscheiben im Supermarkt bekommen, aber ich bin mir sicher, dass es mindestens genauso vielen Menschen nicht egal wäre. Jeder mit etwas Moralgefühl und normalem Menschenverstand weiß doch, dass das Leid der Nutztiermassenproduktion so nicht in Ordnung ist. Und ja, das betrifft eben nicht nur die grausigen Zustände der Fleischproduktion, sondern die ebenso rücksichtslosen Praktiken bei der Milch- und Eierproduktion. Nun stellt sich die Frage, was so ein Verbot am Ende bewirkt. In erster Linie ist es ein Zeichen. Denn in der Praxis, genau wie beim Veganismus, gestaltet sich die Sache dann doch etwas komplizierter. Aber Veränderung muss irgendwo anfangen. Dieses Zeichen bringt Bewegung in die jahrelang mehr oder weniger unbehelligt ablaufenden Prozesse der Lebensmittelindustrie. Der Anfang ist gemacht, aber wirkt sich das Verbot auf die anderen Länder aus und was passiert mit den männlichen Küken passieren? Wird das Zweinutzungshuhn zurückkehren, das – wie in den „guten alten Zeiten“ sowohl für Eier als auch für Fleisch gehalten wurde? Doch 300 Eier pro Jahr wie die modernen Legehennen (die spätestens nach eineinhalb Jahren geschlachtet werden müssen), können auf diese Art nicht produziert werden.

Veggie-TagNeben Aufklärung durch Information sowie politischen und gerichtlichen Entscheidungen läuft es doch immer auch auf das Eine hinaus: der Konsum tierischer Produkte muss weniger werden. Und hierfür ist es wichtig, dass es Leute gibt, die zeigen, dass es auch anders geht. Dass es sogar besser geht! Dass tierische Produkte nicht in dem Maße verzehrt werden müssen, denn in dem Glauben leben immernoch die meisten Menschen. Natürlich wird man die breite Masse nicht zum Veganismus bewegen, wahrscheinlich nicht mal zum Vegetarismus. Aber man wird sie zum Nachdenken bringen, vielleicht nur ein ganz klein wenig, der ein oder andere wird versuchen, wenigstens auf Bio umzusteigen (keine Lösung, aber wiederum ein Zeichen), oder öfter mal vegetarisch essen. Kleine Schritte, ja. Aber im Konzert mit den anderen ein wirksameres Mittel als Gesetze von oben. So halte ich zum Beispiel auch nicht viel vom verordneten „Veggie Day“. Der breite Widerstand, der sich auf den Vorschlag der Grünen hin regte, machte schnell deutlich, dass Druck nur Gegendruck erzeugt. Die Leute fühlen sich bevormundet, ihrer Entscheidungsfreiheit beraubt. Zu Recht. Und das Schlimmste: Daraufhin gehen sie sogar für Würstchen und Schnitzel mit Plakaten auf die Straße. Jetzt erst recht! Schlimmer geht’s eben immer. Selbst wenn das Ganze nur ein Wahlkampfgeplänkel der Parteien gewesen ist.

Natürlich war der „Veggie Day“ nie so gemeint, wie er am Ende verstanden und vor allem BILDlich dargestellt wurde. Und wenn die Grünen mit dem Vorschlag nur beabsichtigten, das Thema wieder auf die Titelseiten zu bringen damit wir mal wieder über Massentierhaltung zu sprechen, dann haben sie dieses Ziel erreicht. Sinnvoller wäre aber, jeden Tag ein vegetarisch/veganes Gericht (oder mehrere) in den Kantinen anzubieten. In vielen Kantinen und Mensen ist das ja auch bereits der Fall. So behandelt man Bürger wie Erwachsene, die selbst jeden Tag entscheiden können. Und wenn das Veggie-Gericht des Kollegen neben einem am Ende immer leckerer aussieht als der eigene Fleischberg, wird man sich vielleicht auch öfter mal dieses aussuchen. Und genau das ist der Punkt. Die Wirtschaft (will wachsen und verkaufen) und am Ende auch die Politik (will gewählt werden) ziehen sich immer auf die breite Masse zurück. „Der Markt entscheidet“, erklärte ein Sprecher des EU-Agrarkommissars in dieser (hervorragenden) ARTE-Doku. Und damit dein Einkaufswagen.

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Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

12 Kommentare zu „Eintagsküken, Veggie Day und kleine Schritte“

  1. ich lebe nicht vegan, bin auch kein vegetarier, stimme dir aber sehr zu! Ich achte darauf woher ich Fleisch und Eier kaufe und esse auch nicht viel, zur Zeit lebe ich tatsächlich bestimmt 5 Tage die Woche vegetarisch, weil es für mich gerade einfach einfacher ist (klingt komisch, aber ich vertrage es besser und die Gerichte gehen schneller außerdem gibts diese tollen Brotaufstriche die sich einfach länger halten als Wurst fürs Brot) und ich denke wenn mehr Menschen so denken würden wär schon was bewegt🙂 und auch bei Kosmetik drauf achten, aber das finde ich recht schwierig.

    1. Find ich gut🙂 Ja, Kosmetika sind ein anderes Thema. Immerhin gibt es bei einigen Marken schon das Vegan-Label drauf, das macht es etwas einfacher.

    1. Genau, das ist das gleiche Problem wie immer, wir Deutsche verbieten dieses und jenes, aber da die Nachfrage nunmal hierzulande hoch ist, wird selbige eben anderweitig gestillt…

  2. Hi, Ich wollte nur sagen, dass die grünen da nicht „aufs titelbild“ wollten. Ihr ziemlich sachlicher Vorschlag steht seit Jahren im Wahlprogram und niemanden wird irgendwas aufgedrungen. Das war schlichtweg ein von Bild gemachter Skandal. Geklappt hat es ja auch, wie man an der Wahl sehen kann.

    1. Ja, das ist mir schon klar. Falsch verstanden, falsch zitiert und so umformuliert, dass sich die breite Masse schön drüber aufregen kann. Nur so macht man Schlagzeilen.

  3. Danke für deinen guten Artikel….
    Ich habe mich über diese Nachricht auch gefreut, und hoffe sehr, das alle anderen Bundesländer bald noch nachziehen werden.
    Hab auf meinem Blog auch ein paar Worte dazu geschrieben und dich verlinkt…

    Grüßle, Jessi

  4. Hallo Jane
    ich finde es schon eine gute Idee, wenigstens mal mit einem Veggietag anzufangen. Sicher ist es besser jeden Tag ein vegetarisches Gericht anzubieten, aber das wird sich vielleicht genau daraus ergeben, dass erst mal damit angefangen wird uns die Leute dann auf den Geschmack kommen, mehr davon zu haben.
    Was den Willen der Leute betrifft , die ihr Fleisch oder ihre Wurst in Gefahr sehen, bzw. dass ihnen etwas genommen wird: Viele merken gar nicht wie sie Tag für Tag und Jahr für Jahr schon von der Fleisch-und Milchindustrie bzw. Werbung beeinflusst werden, so dass sie eben irgdenwann denken, dass es ihr eigener Wunsch wäre Fleisch,Wurst etc. zu essen….Viele Kinder werden ja dazu gezwungen Fleisch zu essen oder Milch zu trinken(also es wird ihnen als Kleinkind eingeflösst und sie haben keine andere Wahl- war bei mir auch so) und irgendwann gewöhnen sie sich daran…

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