Die Suppe lügt – Hans-Ulrich Grimm

Die Suppe lügt - Hans-Ulrich GrimmMal etwas abseits von jeglichen Veganitäten, aber doch interessant genug, um hier erwähnt zu werden: Grimms Buch „Die Suppe lügt“ dreht sich um die neue Künstlichkeit der modernen Lebensmittel. Analog zum Rest der Gesellschaft geht es auch hier eher um Schein als Sein, da Konkurrenz und Preispolitik dazu führen, dass immer weniger Geld in qualitativ hochwertige Rohstoffe und dafür wesentlich mehr in die Vermarktung des jeweiligen Produkts gesteckt wird. Was bleibt, ist die Illusion. Der Konsument kauft eine hübsche Verpackung mit idealisierter Abbildung eines Gerichts und bekommt auch auf der Zunge das vermeintlich Echte vorgegaukelt. Dass die Erdbeeren dieser Welt den immensen Bedarf auf die roten Früchtchen niemal decken könnten und dass deshalb „natürliches“ Aroma aus Sägespänen herhalten muss, ist eines der bekannteren Beispiele. „Natürlich“ bedeutet nur, dass es aus einer natürlichen Rohstoff, also Holz, gewonnen wird, nicht etwa, dass es von Beeren kommt…

Wie die meisten Veganer lese ich schon lange die Zutatenlisten auf Fertiggerichten & Co. und so war mir einiges schon vor der Lektüre bewusst. Trotzdem war mir nicht klar, was sich hinter dem einfachen Wörtchen „Aroma“ oder „Gewürze“ alles verstecken darf. Dazu gibt es einen ganzen Geschäftszweig, der sich darauf spezialisiert hat, Zutatenlisten „zu reinigen“, also schön kurz zu halten („clean label“-Trend). Als Verbraucher wird man einfach im Dunkeln gelassen. So müssen zwar bestimmte Stoffe als Zusätze deklariert werden, aber fügt man sie während des Produktionsprozesses (Kochen, Erhitzen etc.) hinzu, ist er kein Zusatzstoff mehr und muss nicht mehr angegeben werden. Kontrollen an fertigen Produkt sind unglaublich schwierig, weil sich die Stoffe verbinden und verändern, also weiß eigentlich keiner, was da alles zusammengemischt wird. Nur eine Negativ-Liste mit verbotenen Stoffen existiere, die aber logischerweise immer hinterherhinkt, hier hat die Lebensmittelindustrie immer die Nase vorn. Dass die Aromen nicht nur genutzt werden um alles extra-gut schmecken zu lassen sondern auch um Bitterkeit zu maskieren, macht mich etwas nachdenklich. Wie genau schmeckt dann wohl das Zeug ohne die ganzen Zusatzstoffe? Grimm vermittelt den Eindruck, als wäre es im Prinzip möglich, auch Abfall zu einem leckeren Gericht zu machen, man püriert einfach alles zu einem homogenen Brei, färbt es schön bunt ein, reichert es mit ein paar Vitaminen an und fügt beliebige Geschmacksaromen hinzu, vielleicht backt oder frittiert man das dann noch. Erinnert mich irgendwie an Chicken Nuggets. Bei Tierfutter (ja auch das für Fifi und Miez) ist das mehr oder weniger schon lange der Fall. Schweine lieben laut Grimm das Aroma „Erdbeeren mit Schlagsahne“ ganz besonders. Anders bekommt man die Pampe aus Mais, Soja und Medikamenten wohl auch nicht runter bzw. fressen sie so natürlich viel mehr davon und legen schneller zu.


Dazu passt sehr gut diese Reportage zur Herkunft vermeintlicher „Bäckerbrötchen“…

Nicht ganz klar ist, was das alles genau für Auswirkungen hat – bis auf das kollektive Übergewicht vielleicht und einige allergische Reaktionen. Und diese gehen immer umständlichere Wege. So zitiert Grimm den Fall eines auf Fisch allergischen Mädchens, bei dem Zitronenplätzchen starke Reaktionen hervorriefen. Schließlich stellte sich heraus, dass die Plätzchen Vollei enthielten. Die Legehennen wurden offenbar mit Fischmehl gefüttert. Effekte sind sonst schwer feststellbar, denn man fällt nach dem Genuss nicht sofort um. Aber die kleinen Mengen der Lebensmittelzusätze reichern sich über Jahre im Körper an und in einigen Fällen, wie etwa 4-Dimethylaminoazobenzol (Buttergelb, inzwischen verboten) oder einigen Süßstoffen (z.B. Acesulfam K, Saccharin) wirken sie krebserregend – irreversibel. Grund für Panik gibt es aber trotzdem nicht, denke ich. Auch als Veganer ist man alles andere als sicher vor Geschmacksverstärkern, Zusatzsstoffen und Aromen und es ist sicher vernünftig, seinen Verbrauch an Designer Food nicht übermäßig werden zu lassen. Ich denke da hier zum Beispiel an Fleischersatzprodukte, Käseersatz und anderen veganen Fertigkram. Auf seinen Anteil an „richtiger Nahrung“, also ganz gewöhnliche Kartoffeln, Spinat  und Kichererbsen, zu achten, dürfte völlig ausreichen. Und zu lernen, wie man ohne Maggie /Knorr „Fix für XY“ würzt. Doch so ganz entkommt man der „schönen neuen Welt des Essens“ sowieso nicht…

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

12 Kommentare zu „Die Suppe lügt – Hans-Ulrich Grimm“

  1. kauft ökologische erwirtschaftete und fast ausschließlich unverarbeitete
    Lebensmittel. Tut euch was Gutes, dem Planeten….und schon habt ihr an alle gedacht!

  2. Mehr Schein als Sein, genauso isses😦 Deinem fett hervorgehobenen Satz kann ich voll und ganz zustimmen! Hin und wieder ist OK, aber sonst sollte man sich sein Essen möglichst frisch aus den Grundzutaten selber zubereiten.

  3. Dass Lebensmittelzusatzstoffe nicht immer ganz harmlos ist, ist ja allgemein bekannt. Diese Liste hier zum Beispiel zeigt das recht eindrucksvoll: http://ghg.blogsport.de/images/Zusatzstoffliste.pdf Und Aromen sind tatsächlich noch mal ein ganz eigenes Kapitel, das bisher noch viel zu wenig angegangen wird. Eigentlich kann man sie auch nur vermeiden, indem man nur wenig verarbeitete Produkte kauft. Dabei ist es nicht nur unklar, welche gesundheitlichen Folgen durch das Aroma entstehen können, sondern sogar welches Aroma es eigentlich ist, das da zugesetzt wird und wie es hergestellt wird. Vielleicht auch aus tierlichen Produkten? Ich hoffe, dass die öffentliche Wahrnehmung bald auch mehr in die Richtung geht und nicht nur auf „versteckten Zucker“ fokussiert ist.

    1. Man hat so den Eindruck, was da gerade in der Lebensmittelproduktion passiert, ist unkontrollierter Wildwuchs, keiner weiß, was da passiert und was es für Auswirkungen hat, weiß auch niemand so richtig. Dass sowas überhaupt erlaubt ist….Die Leute denken, sie sind auf Gluten allergisch und dabei liegts vielleicht nur an den Zusatzstoffen, die selbst simplen Backwaren zugesetzt werden (und nicht deklariert werden müssen).

  4. Das ist zwar wirklich „bitter“ (scheinbar ja sogar im wahrsten Sinne des Wortes), aber leider überrascht mich da gar nichts mehr. Da hilft es wohl nur, so viel wie möglich selbst zu machen, denn nur so weiß man annähernd, was man da eigentlich gerade konsumiert.
    Erschreckend finde ich vor allem die Tatsache, dass die Geschmacksnerven so unheimlich auf Geschmacksverstärker konditioniert werden. Kinder, die immer nur Fertiggerichte essen, ziehen diese Studien zufolge auch später noch meistens dem „Original“ vor. Ich persönlich (meine Mutter hat eigentlich seltenst Fertigkram gekocht) finde das meiste Fertigessen viel zu künstlich im Geschmack. Besonders aufgefallen war mir das mal bei so Fertig-Asianudeln.
    Besonders schlimm finde ich immer die Gerichte, die gar nicht komplett „fertig“ sind. Also wenn man z.B. schon selbst gefüllte Zucchini kocht, warum braucht man dann eine Fertig-Tüten-Mischung für gefüllte Zucchini dazu? Man könnte doch auch einfach ein paar frische Kräutern oder eben Gewürze nehmen…Werde ich nie verstehen…

    1. Das liegt wohö daran, dass immer weniger Leute kochen können bzw. wollen. Dann lieber auf ne Fertigpackung vertrauen, auch wenn sie die gleichen Gewürze (und ihne Zusätze) im Regal stehen haben…

  5. Danke, die Doku habe ich mir gestern nach deiner Vorstellung angeschaut. Echt krass und traurig. Besonders krass fand ich, dass die Forscher und Unternehmer das allesamt ganz normal fanden, die ganzen Aromen, Enzyme und Zusatzstoffe darein zu mixen.
    Ich weiß schon, warum ich wenn mein Brot am liebsten selber backe oder beim Bioladen kaufe…

    1. Naja, und es geht hier nur um Brötchen. Weiß der Geier, was in dem ganzen anderen Kram drin ist. Und wie der Typ in dem Video sagt: „Die Entwicklung ist nicht aufzuhalten“.

  6. Das Buch ist klasse, oder!?
    Auch seine anderen Bücher sind wirklich lesenswert. Trotz der echt heftigen Wahrheiten, die er aufdeckt, ist sein Schreibstil sehr unterhaltsam.

      1. Ich hab noch diese beiden hier gelesen:
        „Die Ernährungslüge: Wie uns die Lebensmittelindustrie um den Verstand bringt“
        und
        „Vom Verzehr wird abgeraten: Wie uns die Industrie mit Gesundheitsnahrung krank macht“

        Wobei ich das zweite besser geschrieben fand. Das erste ist aber von der Thematik auch sehr spannend.

        Auf dem Lesestapel liegt noch: „aus Teufels Topf“ und „Die Kalorienlüge: Über die unheimlichen Dickmacher aus dem Supermarkt“ und warten darauf gelesen zu werden.😉

        Und welches ich auch noch lesen will: „Garantiert gesundheitsgefährdend: Wie uns die Zucker-Mafia krank macht“
        Das erscheint erst Ende März… hab ich aber schon vorbestellt.

  7. Nach dem Film ist mein Entschluss noch stärker vermehrt selber zu backen.
    Zum Glück bin ich gelernte Bäcker Konditorin ( habe wegen Allergien auf die Backhilfsstoffe in den Fertigmischungen nicht mehr im Beruf gearbeitet).
    Zu Hause mit simplen einfachen Zutaten ohne Hilfsstoffe habe ich keine Probleme.

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