Alles Gute unterm Tannenbaum

Ein friedliches und möglichst diskussionsfreies Weihnachtsfest wünsche ich allen, auch wenn das gerade bei solchen Familienzusammenkünften trotz erstklassiger Vorbereitung nicht immer so ganz einfach ist, wie es klingt. Während andere große Vögel, Kleinnager und ähnliches als Braten auftischen, begnügt man sich friedlich mit dem eigens mitgebrachten Würstchen, Nussbraten oder Burger. Natürlich werden Fragen gestellt und es wird gekostet, oder gleich das Gesicht verzogen. Ich finds immer ziemlich unfair, dass beim Kosten der veganen Produkte seitens der Normalesserschaft immer ganz genau „hingeschmeckt“ wird und detailreiche Urteile gefällt werden, während die „normalen“ Wurstscheiben kaum Beachtung erhalten und sich nach dem Motto „Kenn ich, ess ich“ keinerlei erneuten, strengen Geschmacksprüfungen unterziehen müssen. Dabei dürfte es ja auch da Schwankungen geben, oder? Klar, Geschmacksnerven sind bei jedem ein bißchen unterschiedlich, aber es ist doch auffällig, wenn die gleichen seit Jahren aufgetischten Kekse auf einmal nicht mehr schmecken, weil man dieses Jahr darauf hingewiesen hat, dass da keine Butter drin ist.

Auch der Weihnachtsmann liebt Tiere! ;)Auch auf Weihnachtsfeiern mit Freunden oder Kollegen gibt es immer wieder die merkwürdigsten Gespräche. Die meisten Argumente (die ich möglichst nicht ungefragt verbreite) kommen ja durchaus an, aber hintenraus kommt immer der Satz „Ich könnte nie auf Fleisch verzichten“ oder “ Ja, du hast ja recht, aber die Leute werden trotzdem nie aufhören Fleisch zu essen“ etc.. Und ich erkläre auch gerne, dass etwas mehr Bewusstsein vielleicht schon reichen würde und so weiter…Nur wenn man dann sagt, dass Fleisch und sonstige tierische Produkte schlicht gar nicht notwendig sind, schließlich lebe ich ja nach einem Jahr immernoch und sehe noch genauso „gesund“ aus wie vorher (auch der Bluttest ergab das), dann kommt nicht mehr viel. Und was heißt das „Ich könnte nie…“ eigentlich? Ich kann einfach keinen Handstand machen. Aber wenn ich täglich üben würde, könnte ich es eines Tages eben doch. Häufig ist das „Ich kann nicht..:“ eben doch eher ein „Ich will nicht“, denn natürlich könnte man, es fehlt nur irgendwie die Motivation, mal loszulegen. Und es ist bei dem meisten auch schwierig, ihnen diese Motivation zu geben, denn sie haben richtiggehend Angst davor, sich wirklich mit dem Thema auseinanderzusetzen, mal was zu lesen oder ein Video zu sehen. Man könnte durchaus – nicht unbedingt von 0 auf 100, sondern meinetwegen mit einem einzigen fleischfreien Tag in der Woche. Oder mit dem Lesen eines Buches zum Thema. Nicht jeder kann so einfach von einem Tag auf den anderen umstellen, selbst bei mir hat es schon so zwei, drei Monate gedauert und das obwohl ich ideale Umstände habe, da sich in meinem Kühlschrank nämlich nicht das Essen eines Omni-Mitbewohners tummelt (wie viel schwerer würde mir sonst der Käseverzicht fallen) – Respekt für alle, die ihre Fingerchen davon lassen können!

Alles Gute unterm TannenbaumSich zu strenge Regeln aufzuerlegen, kann manchmal genau das Gegenteil vom Gewünschten bewirken. Soll heißen, wenn man umstellt und dann doch irgendwann aus irgendwelchen Gründen in ein Stück Käse beißt, fällt das schöne neue Selbstbild wieder in sich zusammen und die Gefahr ist groß, dass man es gleich komplett sein lässt. Ganz wichtig zu verstehen ist wohl, dass man deswegen kein schlechter(er) Mensch ist, auch wenn die Normalesser einen Heidenspaß daran zu haben scheinen, einen auf mögliche „Verfehlungen“ hinzuweisen. Aber Veganismus ist keine Religion, es gibt keine Verfehlungen, es gibt nur das Leben und Menschen, die ihr Bestes versuchen, einen Tag nach dem anderen, jeden Tag aufs Neue. Im Leben gibt es immer mal Auf und Abs, es wird mal super laufen, mal nicht so super, weil Lebensumstände sich ändern, anderes in den Mittelpunkt rückt und so weiter. Das ist kein Grund aufzugeben, im Gegenteil. Es ist ein guter Grund, weiterzumachen, sich selbst nicht zu verurteilen. Denn egal wieviele irrsinnige Diskussionen und Blicke man geduldig ertragen muss, und wie theoretisch die unmittelbaren Auswirkungen sein mögen – wie soll es sonst gehen? Wenn keiner versucht, vegan zu leben, wenn also keiner zeigen kann, dass es auch ohne geht. Wenn alle brav den Status Quo der Massentierquälerei akzeptieren, wegschauen und weiter mitfinanzieren –  das kann bestimmt nicht der Weg sein.

In diesem Sinne wünsche ich euch ein vrohes Fest  – seid nett zu anderen und zu euch selbst!🙂

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

16 Kommentare zu „Alles Gute unterm Tannenbaum“

  1. Danke für deinen wertvollen Beitrag, der mir und sicher vielen anderen Mut macht. Übrigens: mich stört es nicht, was andere bei derartigen Anlässen für Kommentare über die vegane Ernährung abgeben. Darüber kann ich nur lächeln und mir meinen Teil denken. Auf derartige Diskussionen lasse ich mich gar nicht erst ein, weil es sinnlos ist zu versuchen, andere zu überzeugen. Im Gegenteil, ich habe oft erlebt, dass man recht nachdenklich wird und mir wegen meiner konsequenten Haltung Respekt zollt. Auf die Frage, wie ich das bloß mache? Gibt’s nur eine Antwort: man muss es nur wollen. Das ist nicht anders wie bei einem Raucher, der sich das rauchen abgewöhnen möchte. Wenn er es wirklich will, dann schafft er es auch. Wenn er labil ist, dann bleibt er dabei.
    Euch allen ein friedvolles Weihnachtsfest und das nötige Durchhaltevermögen im neuen Jahr!

    1. Stimmt, man muss es nur wollen, das trifft immer zu. Deswegen sag ich ja, das „Ich kann nicht“ ist eher ein „ich will nicht“, auch wenn man das so deutlich macht.

  2. Ein wunderbarer Artikel!

    Ich vermute,. dass viele nicht experimentieren und ausprobieren wollen, weil sie sich vor die Forderung „ganz oder gar nicht“ gestellt sehen, die von der Veggie-Szene mehrheitlich promotet wird. Dazu PASST dann auch punktgenau, dass jegliche Ausnahmen von Veganern als Sünde und Versagen bewertet werden, im eigenen Fall sogar als Irritation der persönlichen Identität.

    „Ich könnte auf Fleisch nicht verzichten“ ist eine ziemlich uninformierte Aussage. Wer so redet, hat noch keine eigene Erfahrung mit Fleisch-Alternativen, bzw. diese sind evtl. beschränkt auf einmaliges Probieren irgendwelcher nicht gerade vom Hocker reissender Fertigprodukte.
    Würden sie im übrigen NUR auf ihr Steak nicht verzichten (oder einen „Sonntagsbraten“), ansonsten aber alles ersetzen, was sich ohne große Verzichtsgefühle und mit einigem Gesundheitsgewinn ersetzen lässt, hätte die Fleischwirtschaft schon ein richtig großes Problem!

    Vom massiven Milchkonsum auf massiven Sojadrink-Konsum umzusteigen, ist z,B. vergleichsweise leicht. Aber an sowas denken sie nicht mal, solange sie „auf Fleisch nicht verzichten“ können/wollen – auch DAS ist ein Fehler, der u.A. durch die WIRKUNG veganer Propaganda zustande kommt. Dafür gibts ja nicht mal eine Schublade: entweder du bist Veganer, Vegetarier oder Omnivore – und entweder verläuft die Grenze zwischen gut und böse zwischen Veganern und dem großen Rest ODER Vegetarier werden als „auf dem Weg“ noch halbwegs unter „besser als nichts“ einsortiert.

    So verbleiben viele Normalköstler in einer emotionalen Verweigerungshaltung, denn sie gehen davon aus, dass jegliches „Zugeständnis“ an Machbarkeit und Wohlgeschmack veganer Ernährung sie fordert, selber auch gleich 100%ig zu werden, bzw. sich im andern Fall als Versager fühlen zu müssen.

  3. Ich finde deine Einstellung schön – man muss ja nicht gleich der Superveggie werden, etwas weniger Fleischkonsum ist schon ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, und auch ein fleischfreier Tag kann Tierleid schon verringern. Jeder kleine Erfolg ist gut und sollte auch gelobt werden, denn jeder muss klein anfangen.

    Gerade zu Weihnachten stelle ich mir auch schwierig vor, auf Fleisch und tierische Produkte vollkommen zu verzichten oder zu diskutieren, denn viele verbinden eben mit Festessen einen ordentlichen Braten. Und wenn man dann nichts davon will, fühlen sich die Verwandten angegriffen und sind beleidigt, weil man ihr gutes Essen verschmäht. Zu Weihnachten (Fest der Liebe und des Friedens) brauch ich persönlich ja so einen moralischen Druck gar nicht, da bin ich zu schwach und mag nicht streiten. Nächstes Jahr versuche ich dann einen erneuten Vorstoß ins Veggie-Land – vielleicht bekomm ich ja 2013 meinen Nussbraten zu Weihnachten🙂

    Das mit dem „Nicht-Können“ ist so eine Sache: Viele wollen einfach nicht ohne Fleisch oder Tierprodukte leben, so wie eben ein Veganer nicht mit tierischen Produkten leben will. Dieses „Nicht-Wollen“ finde ich aber auch okay, denn jeder muss mit den Konsequenzen seines Handelns selbst leben und fertig werden, und vielleicht ändern sich gewisse Einstellungen ja auch bei den überzeugtesten Omnivoren, wenn man sie nur richtig verführt.

    Für mich ist jeder einzelne Kuchen, der von Freunden und Bekannten begeistert verschlungen wird und den ich dann als vegan entlarve, ein kleiner Gewinn, auch wenn ich selbst noch weit davon entfernt bin, vegan zu leben. Auch dass mein Freund mittlerweile schon Gemüsegerichte ohne Speck isst, finde ich einen Riesenfortschritt, selbst wenn er noch jeden Tag seine Portion Fleisch braucht. Manche Dinge müssen eben langsam wachsen.

    Liebe Grüße
    Nadja

    1. Jupp, auch wenn ich niemanden, der das alles gut hinbekommt, zu Ausnahmen ermutigen will (denn das macht alles schwieriger), gibt es doch genügend, die gerne würden, aber Angst vor der kompletten Umsetzung (auch wenn es sowas nicht gibt) haben und meiner Meinung nach ein warmes Willkommen für jeden Schritt verdienen, den sie in die richtige Richtung tun.

  4. Ich bin glücklich, daß ich vor einiger Zeit auf dieses Blogg gestoßen bin. Er gibt mir Freude, Genuß, Information und vor allem auch Rückhalt, wenn ich draußen auf der Straße manchmal etwas nachdenklich werde, weil ich das gefühl habe, dass so viele Menschen unreflektiert reden und handeln. Deine Beiträge sind voll von Interessantem und ebenso Güte und Verständnis für Dich und Andere. Bist ne Pfunds-Frau!
    Vielen Dank und eine wundervolle Zeit Euch Allen! Karsten Boris

  5. Ich finde auch, dass der Beitrag sehr gelungen ist. Nachdem ich die letzten 2 Weihnachten vegetarisch verbracht habe, bin ich dieser Jahr leider „rückfällig“ geworden. Obwohl man das ja so auch nicht sagen kann. Ich habe meiner Familie ausführlich erklärt, welche Gründe mich bewegen und das ich mich weiterhin bemühen werde vegetarisch/vegan zu leben. Ich denke, dass es sogar authentischer ist und vielleicht die Vorurteile/Ängste in Bezug auf einen eigenen Lebenswandel abmildert, wenn sie sehen, dass auch diese seltsamen „Pflanzenfresser“ nicht perfekt sind. Es ist nunmal ein Prozess der sich über sehr lange Zeiträume hinzieht, aber jeder kleine Teilerfolg freut mich. Ich biete zum Beispiel auch seit 2 Jahren an meinem Geburtstag immer vegetarisches Essen an, welches dieses Jahr zum ersten Mal probiert wurde. In Gesprächen ist die vegetarische Ernährung immer wieder Thema und ich freue mich, wenn dann Sätze zu hören sind wie: „Naja, man braucht ja nicht jeden Tag Fleisch.“ Oder: „Heute habe ich mal einen Gemüseauflauf gemacht.“

    1. Also es gibt Leute, die kriegen das alles recht schnell auf die Reihe, weil sie irgendwie eine persönliche Motivation dazu haben. Aber der Mehrheit geht es nicht so. Der ist es unangenehm, überhaupt auch nur über einen Bruchteil der Fakten nachzudenken, deswegen ist, wie du sagst, jedes bißchen praktische Umsetzung wirklich wertvoll.

  6. Ein sehr schöner Blogpost!
    Ich frage mich auch, warum die Leute so unnachgiebig sind. Mir hat beim ersten Versuch auch kein Räuchertofu und keine Sojamilch geschmeckt. heißt das, dass ich direkt wieder zu Milch und Wurst greifen muss? Nein! Manchmal muss man den Dingen auch eine zweite Chance geben.
    Das mit dem Übern hast du sehr schön geschrieben, und ich kann auch keinen Handstand, aber ich hoffe ihn mit regelmäßigem Yoga bald hinzubekommen😉
    Ich finde auch, man muss sich jeden Tag wieder von Neuem sagen, dass man vegan leben will, eigentlich sogar vor jeder Mahlzeit, bei jedem Einkaufen, jedem Cafebesuch. Wie einfach wäre es, einen Cappuccino statt einem Espresso zu bestellen. Und eigentlich mag ich Cappuccino doch viel lieber😦

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