The Omnivore’s Dilemma – Michael Pollan

Pollans Idee zu diesem Buch stammt von dem, was er Amerikas „nationale Essstörung“ nennt. Ein Volk, das keine tief verwurzelte einheitliche Esskultur hat, sondern aus vielen verschiedenen Einwandererkochtöpfen nascht, ist geradezu prädestiniert für Verwirrung und Angst in Bezug auf Lebensmittel. Hatte man zuerst Fett für die zunehmenden Gesundheitsprobleme beschuldigt, schlug die Furcht mit der Jahrhundertwende zu Ungunsten der Kohlenhydrate um. Fortan sollten die Brotkörbchen im Restaurant unangetastet bleiben. Wenigstens nach 16 Uhr. Und unzählige Bücher, Magazine und TV-Sendungen über Diäten, Kochen und Ernährung zeugen vom amerikanischen Paradoxon: „a notably unhealthy people obsessed by the idea of eating healthily“. Pollan will der Nahrungskette selbst auf den Grund gehen, oder besser, drei Nahrungsketten: der industriellen, der öko/biologischen und der des Jägers und Sammlers. Dabei spielen auch wirtschaftliche, historische und kulturelle Zusammenhänge eine Rolle.

Die industrielle Mahlzeit

Seine Suche beginnt mit der industriellen Nahrungserzeugung, und damit auf riesigen Maisfeldern. Dieses höchst effektive Getreide ist in seinen unterschiedlichen Verarbeitungsstufen fast universell einsetzbar und hat daher (und dank der Subventionen) schon in den Fünfzigern seinen Siegeszug angetreten und andere Arten verdrängt. Zusammen mit der Entdeckung von künstlichem Stickstoffdünger explodierte die Maisproduktion geradezu. Von da an wurden auch Nutztiere mit billigem Mais gefüttert, statt sie auf die rar gewordenen Weideflächen zu schicken um sich von ihrem natürlichen Buffet an Grasssorten zu nähren. Und wohin gehen die Berge an Mais? Nicht nur in den berühmten „High Fructose Corn Syrup (HFCS)“, auch andere Geschmacks- und Zusatzstoffe können aus Mais hergestellt werden. Fertigprodukte sind voll davon. Und seine Reise durch die Maismonokultur, ihre Verabeitungsindustrie und Massentierhaltungsställe mündet in der ultimativen industriellen Mahlzeit – Fast Food! Er bat einen Biologen ander Berkeley Universität, ein McDonalds-Menü durch seinen Massenspektrometer zu jagen und auszurechnen, wie viel des enthaltenen Kohlenstoffs ursprünglich von Mais stammte. (Die atomare Signatur von Kohlenstoffisotopen ist unzerstörbar und daher mit dem Massenspektrometer nachvollziehbar – S. 116) Das Ergebnis: Limonade (100 Prozent), Milchshake (78 Prozent), Salatdressing (65 Prozent), Chicken Nuggets (56 Prozent), Cheeseburger (52 Prozent) und Pommes Frites (23 Prozent). Vielfalt sieht anders aus.  Hier können sich Vegetarier/Veganer aber bestimmt keinen großen Vorteil versprechen. (Zumindest bei denen, die nicht speziell auf Abwechslung achten). Die Analyse eines veganen Tagesmenüs besteht wahrscheinlich zu mindestens 50 Prozent aus Soja, die andere in Massen angebaute Pflanze, die äußerst variabel einsetzbar ist.

Die Bio-Mahlzeit: industruell-bio versus bio-ökologisch

Vom Fast Food zum Extreme Slow Food: Auch auf der Öko-Schiene beginnt die Suche auf dem Feld – Pollan macht sich auf einem Bio-Hof  nützlich. Die“Polyface Farm“ beherbergt verschiedene Tierarten, übt sich im Gemüse und Obstanbau und schließt in seinen Flächen auch ein paar Hektar Wald ein. Der Inhaber der Farm sieht sich selbst aber als „Grass Farmer“- denn Gras ist der Grundstein der gesamten Nahrungskette. Das Vieh grast auf einer Weide, wird dann auf die nächste geschickt, denn auch in der Natur macht es sich eine Vieherde nicht dauerhaft auf einem Platz gemütlich bis sie im eigenen Dung stehen. Danach kommen die Hühner um hinter ihnen aufzuräumen, eliminieren Parasiten und verstreuen den Mist, was jedes chemische Ungeziefermittel überflüssig macht. Und während die Hühner vor sich hinpicken, verteilen sie ganz nebenbei natürlichen Stickstoffdünger auf die Grasfläche und legen ungewöhnlich schmackhafte Eier (126). Nach ein paar Wochen kann diese Fläche wieder beweidet werden. Aber das ist nur die eine Seite der biologischen Landwirtschaft. Die andere Seite ist die industrielle Variante, das „neue Bio“ sozusagen, mit seinen ebenso riesigen Monokulturfeldern mit dem einzigen Unterschied, auf chemische Pestizide zu verzichten. Den Regeln der Marktwirtschaft unterlegen, wird von dort importiert, wo die Preise am günstigsten sind und in großen Bio-Supermarktketten verkauft. Und hier stehen sich die beiden Welten gegenüber: das alte Ideal des ökologischen Landwirtschaftens, das mit Vielfalt eine symbiotischen Kreislauf schafft und für Nachhaltigkeit steht, und das neue Bio, das billig produziert und dabei unterm Strich genauso von den Ressourcen zehrt wie die Produktion ohne Bio-Label. Das klassische, industrielle Fertiggericht gibt es jetzt auch mit Inhalten aus biologischem Anbau, verfeinert mit einer Reihe zugelassener Zusatzsstoffe. Sehr weit sind wir nicht gekommen…

Auch die Regeln für die Bio-Haltung von Nutztieren sind zu vage formuliert und haben zu viele Schlupflöcher um einen echten Unterschied zu machen. So mag der eine Bio-Hof aussehen wie im Bilderbuch und der andere ist eine Halle mit tausenden Tieren, mit der  vorgeschriebenen Tür zu einem grünen Außenbereich, der in keinem Verhältnis zur Anzahl der Tiere steht. Dabei liegt es nicht mal daran, dass kleine Farmen nicht genauso viel produzieren könnten wie die industriellen Großen, in der Tat sind die Mengen an Nahrung, die pro Morgen Land produziert werden, bei kleinen Farmen sogar verhältnismäßig höher. Das Problem liegt in den höheren Kosten für die Transaktionen und die Tatsache, dass sie von einem Produkt keine großen Mengen anbieten, sondern von vielen Produkten kleinere Mengen (161). Die Supermarkterwartungen kann man so nicht erfüllen, die Logik der Marktwirtschaft funktioniert nicht mit einer nachhaltigen, also langfristig denkenden Produktionsweise.

Die „Jäger und Sammler“- Mahlzeit

Im letzten Teil des Buches gehts für die letzte Mahlzeit in den Wald, erst um zu Jagen und dann um Pilze zu sammeln. Ich kann nicht behaupten dass mich die detaillierten Beschreibungen des Ausweidens begeistert hätten, trotzdem wäre es schade gewesen, das Buch an dieser Stelle wegzulegen, denn erst hier setzt sich Pollan mit Ethik und Tierrechten auseinander (vor allem Peter Singers „Animal Liberation“) – und wird währenddessen erstmal Vegetarier, bis er zu einer eigenen Meinung zu dem Thema gekommen ist. Seiner Ansicht nach ist es unnatürlich und schlecht für die Umwelt, kein Fleisch zu essen. Denn in vielen Regionen der Erde, wo man nichts anbauen kann, müsste alles importiert werden, statt die einfachere Lösung zu wählen, also auf den steinigem Gelände Vieh grasen zu lassen und dann diese konzentrierte Nahrungsquelle zu nutzen. Außerdem würde man auch beim Ernten von Getreide Tiere töten, Millionen von Feldmäusen etwa, die in die Erntemaschinen geraten. Ohne Nutztiere hätten wir außerdem einen Mangel an natürlichem Düngemittel. Insgesamt sei es zweifelhaft ob  nachhaltige Landwirtschaft auf lokaler Ebene ohne Nutztierhaltung funktionieren würde. Für Pollan ist Fleischessen nicht prinzipiell falsch, nur die Praxis sei es. Er meint, Tierliebhaber sollten sich lieber darum kümmern, dass es Tieren gut geht und sie einen schnellen, schmerzfreien Tod erleiden statt um Tierrechte (328). Er verurteilt die Industrialsierung und Brutalisierung der Fleischproduktion und spricht sich für eine bessere Haltungsweise aus. Natürlich würde Fleisch dann teurer und man würde weniger davon essen. Aber wenn, dann ganz bewusst, mit Respekt, geradezu feierlich (333).

Fazit

Egal wie man zu Pollans Argumenten steht, sein Buch ist auf jeden Fall lesenswert. Allerdings hat es wirklich einige Längen durch seine äußerst detaillierten Ausführungen und philosophischen Betrachtungen. Ich war mehrmals drauf und dran, das Buch wegzulegen, aber es hat mich immer wieder eingefangen, da es gut recherchiert ist und viel Neues auf den Tisch bringt, das man in dieser Genauigkeit noch nicht gelesen hat. Es zeigt einem die ungeheure Komplexität unserer heutigen Nahrungsketten, und auch wenn man sich angesichts dessen etwas hilflos fühlt, findet sich doch ein optimistisches Statement bei Pollan, das ich euch nicht vorenthalten möchte:

„We can still decide, every day, what we’re going to put into our bodies.(…) This might not sound like a big deal, but it could be the beginning of one. Already the desire on the part of the consumers to put something different into their bodies, has created an 11 billion market in organic food. That marketplace was built by consumers and farmers working together outside the system, with exactly no help from the government.“ (257)

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

12 Kommentare zu „The Omnivore’s Dilemma – Michael Pollan“

  1. Hi Jane, das Buch gehört zu meinen absoluten Favoriten in der „Ernährungs-Literatur“. Insbesondere das Kapitel über Polyface und die Bio-Industrie hat mich beeindruckt und zum Nachdenken angeregt. Da steckt viel Wahrheit drin: Je größer die Nachfrage nach Bio, desto eher werden Bio-Produzenten die Methoden der industriellen Massenproduktion übernehmen, und desto stärker nähert sich Bio wieder an das an, wovon es sich ursprünglich mal abgrenzen wollte. Schwierig…

    1. Hi Daniel, das stimmt. Regional ist vielleicht das künftige Bio…darauf zu achten, dass man eben keine Kartoffeln aus Ägypten kauft, sondern aus der Umgebung. Aber zugegeben, das klingt einfacher, als es ist…

      1. Ich habe nicht gesagt, dass du unkritisch bist, aber ich denke die vielen logischen Fehlschlüsse die er macht und die vielen statistischen Fehler sind etwas auf das man als normaler Leser nicht stößt, und die ja auch bei dir keine Erwähnung gefunden haben. Du schreibst ja beispielsweise es sei „gut recherchiert“ und das ist es eben nicht.

      2. Ich habe mir deinen Link angesehen, vielen Dank dafür. Es war mir sofort klar, dass dieses Buch unter den Pflanzisten diskutiert werden wird, da sich Pollan trotz seiner Recherchen nicht zum Vegetarismus, geschweige denn zum Veganismus bekennt, sondern statt dessen Argumente sucht um Fleischkonsum zu rechtfertigen, manche davon sind nicht gerade stichhaltig. Das habe ich auch in der Rezi angedeutet ohne zu suggestiv zu werden. Außerdem spricht er sich FÜR Nutztierhatung aus, er glaubt es könne eine Art symbiotischer Beziehung zwischen Mensch und Tier geben (Polyface Farm), von der am Ende beide etwas haben.
        Du hast recht, als „normaler Leser“ kann ich die Validität einiger Einzelheiten oder Bezüge auf Studien nicht wirklich einschätzen. Das „gut recherchiert“ bezog sich auf seine durchaus umfassenden Nachforschungen bezüglich moderner Nahrungsketten, die ich in diesem Detailreichtum so noch nicht gelesen habe. Er hat für dieses Buch viele Leute getroffen, Schauplätze besucht und selbst mitgearbeitet, gesammelt, gejagt und gegessen. Die Ergebnisse dieser Recherche aus erster Hand sind allein schon lesenswert. Und selbst dein verlinkter Kritiker gesteht Pollan zu, dass er das Meiste dann doch richtig dargestellt hat. Die Kritik bezieht sich doch vor allem darauf, dass Pollan eine Art „zurück zur Natur/zur Vergangenheit“-Einstellung vertritt und die moderne Wissenschaft – egal ob zuträglich oder schädlich – über einen Kamm schert. Und natürlich stoßen die Argumente gegen den Veganismus/Vegetarismus und Nutztierhaltung bei deinem Kritiker auf Gegenwehr, zum Teil durchaus zu Recht.

  2. Danke für die lange Antwort. Ich glaube nicht, dass der Hauptkritikpunkt des Blogs seine Ablehnung der veganen Ernährung ist, sondern seine Art des Schreibens: Erst eine These und dann nach Belegen dazu suchen. Das ist unwissenschaftlich aber für ein populistisches Buch zum Thema Ernährung natürlich total okay. Das Problem ist nur, dass das Buch von vielen als wissenschaftliche Quelle genutzt wird, und das ist sehr problematisch. Für mich nicht ein mal hauptsächlich weil es „antivegan“ ist.

    1. Was du schreibst, passt eigentlich 1:1 auf die China Study (mehr dazu bald), bei dem Buch hier sehe ich das Problem eigentlich nicht. Aber ich hab auch noch keinen gefunden der das Buch als wissenschaftliche Quelle nutzt, wir werden sehen😉

      1. Ja, bei der Chinastudie ist das natürlich noch stärker so. Auch, da das Buch als direktes Ergebnis der eigentlichen Studie gehandelt wird, während es das ja gar nicht (nur) ist. Freue mich auf deinen Beitrag zu diesem Thema.

        Pollans Thesen werden in den USA beispielsweise an Universitäten unterrichtet, er hält auch selbst dazu an Universitäten ( er arbeitet ja selbst auch einer) Vorträge. Das würde ich schon als wissenschaftliches Arbeiten bezeichnen.

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