Gabel statt Skalpell – Forks over Knives

Die meisten von euch haben schon von dieser Doku gehört bzw. sie gesehen, nehme ich an. Auch ich konnte mich dem Reiz des Rezensionsangebotes nicht entziehen. Dabei würde mich am meisten interessieren, was ein „Normalesser“ zu dem Film sagt, jemand für den die Problematik relativ neu ist. Die meisten von uns haben ja die China Study gelesen, oder haben zumindest davon gehört, auch die Namen Esselstyn, Barnard und Campbell sind unter den Hobby-Ernährungswissenschaftlern ziemlich geläufig.😉 Hier haben wir nun also einen Journalisten, der nach einem Bluttest mit horrenden Befunden einen zwölfwöchigen Selbestversuch startet. Gleichzeitig werden die Biographien von Esselstyn und Campbell skizziert. Beide stammen ursprünglich aus Bauernfamilien, die Eier, Milch und Fleisch produzierten, kamen jedoch über ihre wissenschaftliche Laufbahn zu den Vorzügen pflanzlicher Ernährung. Angereichert wird das Ganze durch anschaulich gestaltete Fakten und zahlreiche Experteninterviews. Um die Problematik auf eine persönlichere Ebene zu bringen, begleitet die Doku zudem Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen auf eine pflanzlich-basierte Ernährungsweise umstellen. Es geht also um Gesundheit, nicht um Tiere, nicht um die Umwelt, nicht um ethische Überlegungen. Genau das macht sie so interessant – und massentauglich. Denn während man nur schwer jemanden dazu kriegt, sich „Earthlings“ anzusehen, könnte diese Doku für einige vielleicht den entscheidenen Anstoß geben. Jeder hat in seiner Familie Fälle von Herzkrankheiten, Krebs oder Übergewicht. Man ist damit also ganz nah am Publikum.

Gefällt mir

Besonders gut hat mir gefallen, wie die Veränderungen der Ernährungsgewohnheiten seit der vorletzten Jahrhundertwende verdeutlicht werden. Das Argument, dass Menschen ja schon immer so gegessen haben, und es deshalb nur natürlich sei, ist nicht haltbar. Wir essen heute nicht mehr das, was unsere Urgroßeltern gegessen haben, sondern deutlich mehr Fleisch, wesentlich mehr Zucker und mehr als doppelt so viele Milchprodukte. Die Proportionen haben sich deutlich verschoben, besonders seit dem Ende der 50er mit dem Auftauchen der Supermärkte und der massenhaften Produktion von Fertignahrung. Diese sollten das Leben einfacher machen, aber schon in den 60ern ist von einer starken Zunahme von Herzerkrankungen und Krebsfällen die Rede. Und genau hier ist auch der Hauptgrund für das kollektive Übergewicht zu finden, da Fertigprodukte und Fast Food im Gegensatz zu naturbelassenen Lebensmitteln Kalorien in viel konzentrierterer Form liefern, eine künstliche Energiedichte, die in dieser Form in der Natur selten vorkommt, und das in maximal ansprechender Form (Zucker, Salz, Fett). Das heiß nicht, dass man mit pflanzlicher Nahrung nicht übergewichtig werden kann (wie man am Anfang des Films denken könnte), sondern es wird lediglich eine Verbindung zwischen Fast Food- und Fertignahrung-liebenden Ernährungsgewohnheiten und Fettleibigkeit hergestellt: „Größtmöglicher Nährstoffgehalt mit geringsten Aufwand“, diese Lebensmaxime ist sozusagen evolutionär begründet.😉 Dies aber nur am Rande, an sich geht es – wie auch bei der China Study – vor allem um Studien zum Thema Tierprodukte (insbesondere tierisches Protein) in Relation zur Enstehung und Prävention von Krankheiten. Mit einer Ernährungsumstellung auf naturbelassene, pflanzliche Lebensmittel (Obst, Gemüse Getreide, Hülsenfrüchte) und dem Verzicht auf verarbeitete sowie Tierprodukte können demnach sogar chronische Krankheiten gelindert und Beschwerden geheilt werden. Um das anschaulich zu machen, begleitet die Doku eine Handvoll Menschen bei ihrer Umstellung. Es ist schon beeindruckend zu sehen, wie Joey Acoin, ein Mann im besten Alter, gegen seine schier endlose Liste an Beschwerden  (inklusive Diabetes) täglich eine ganze Batterie an Medikamenten einwerfen muss und ein paar Monate nach der Umstellung weitestgehend ohne auskommt.

Gefällt mir weniger

Was mir noch mehr gefallen hätte, wäre ein bißchen mehr Objektivität. Für die Gegenseite kommt lediglich eine Vertreterin der Milchindustrie zu Wort. Man kann sich keine eigene Meinung bilden, sondern wird direkt auf die eine Schlussfolgerung hingeführt, dass pflanzliche Nahrung gesund ist und Tierprodukte nicht. Dabei bin ich mir sicher, dass es auch andere Stimmen zum Thema gibt. Natürlich ist mir klar, dass man in einen 90-Minüter nicht unendlich viel Information packen kann, ohne den Zuschauer komplett zu überfordern. Eine gewisse Geradlinigkeit ist vom Medium quasi vorgegeben. Und genau wie bei der „China Study“ geht es hier eher um ein Plädoyer für eine pflanzliche Ernährung und eine nahtlose Darstellung aller Fakten, die dafür sprechen und nicht um die Abhandlung von Studien, die selbiges womöglich relativieren. In der Wissenschaft ist nur selten etwas glasklar, deswegen werden Studienergebnisse oft sehr vorsichtig und gern im Konjunktiv formuliert. Zudem werde hier zwei Themenfelder aufgemacht, einmal das Problem Fertigprodukte/Fast Food (in Relation zu Krankheiten und Übergewicht) und andererseits pflanzliche versus ominivore Ernährung (in Relation zu Krankheiten und Übergewicht). Diese werden aber nicht getrennt, sondern als eins behandelt. Wahrscheinlich ist dies auch schwer trennbar, denn z.B. bei der Ankunft der westlichen Ernährungsweise in der asiatischen Welt gehen Tierprodukte und Fertigkram Hand in Hand. Allerdings ist dies eben ein Schwachpunkt, auf den nicht-vegane Vollwertköstler (sowas gibt es doch auch, oder? ;)) genau zielen würden. Das ist wohl auch der Grund dafür, dass im Film an einigen Stellen nicht von einer komplett veganen Ernährung gesprochen wird, sondern einer pflanzenbasierten Ernährung mit sehr geringem Anteil tierischen Produkten. Noch dazu wird durch die Aussage „Öle und industrielle Fette seien zu meiden“ impliziert, dass sie nicht nur pflanzlich sondern auch fettarm sein sollte (die Diabetikerin erwähnt es auch an einer Stelle). Aber was ist mit Nüssen und Avocado? Sind pflanzlich und sehr gesund, warum sollte man die auch nur in geringen Mengen essen? Hat vielleicht auch pflanzliches Fett irgendwelche Nachteile, die hier nicht erwähnt werden (etwa in Bezug auf Herzerkrankungen)? Zu viel des Guten ist eben auch beim Pflanzismus nicht ratsam.

Zugegeben, jetzt gehe ich vielleicht zu sehr ins Detail, wie gesagt, allzuviel Tiefe kann man bei einer 90minütigen Doku nicht erwarten. Wer mehr wissen will, kann im gleichnamigen Buch weiterrecherchieren („Forks Over Knives: The Plant-Based Way to Health“) und mit dem Kochbuch gleich loslegen („Forks Over Knives, the Cookbook: Over 300 Recipes for Plant-Based Eating All Through the Year“). Insgesamt stellt „Gabel statt Skalpell“ anschaulich und unterhaltsam dar, warum wir essen, wie wir essen, wie sehr sich die Lebensweisen im Laufe der Zeit geändert haben und wie Ernährungsempfehlungen gesteuert werden können. Und auch wenn diese Empfehlungen teilweise längst überholt sind, bleiben sie noch lange in den Köpfen der Menschen (ohne Fleisch sterben wir an Proteinmangel, Milch ist der wichtigste Calcium-Lieferant etc.). Untermauert werden die Behauptungen mit wissenschaftlichen Studien zum Thema, die weit über die China Study hinausgehen. Dass die Prävention von Krankheiten durch bewusste Ernährung möglich und sinnvoller ist, als eine Operation (eine Aussage, an der ich nix zu meckern habe ;)) trifft hoffentlich den Nerv vieler Zuschauer.

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Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

14 Kommentare zu „Gabel statt Skalpell – Forks over Knives“

  1. hi
    merci für deinen hinweis… ich hatte es schon lange vor, doch nun habe ich ihn mir endlich angeschaut… ich glaub das thema eigenverantwortung wird immer wichtiger… da wir die verantwortung in der ploitik abgegeben haben, wird sich da wohl keine lobby für die wirklich gesunde ernährung bilden so lange es nicht um profit geht… was die sucht beim essen betrifft, seh ich mich auch… alleine schon die pommes, die mal wieder sein mussten😦
    deine frage zu den allesessern… hmm… da sie immer nur rohes gemüse gezeigt haben, bezweifle ich, dass es zu einen umdenken ohne angst um das eigene leben kommt… selbst ich als vegi/vegan brauch zu dieser jahreszeit was warmes in den bauch… ich hoffe wirklich, dass ganz viele Eltern bei diesem Thema umdenken und den Kindern ein aktuelles Bild der gesunden und tierfreundlichen Ernährung mitgeben…

  2. Ich fand den Film auch gut. Durch die Beschränkung auf das Gesundheitsthema wird der Zuschauer nicht ganz so überfordert😉 Trotzdem befürchte ich, dass sich eh nur wieder die den Film ansehen, die sich sowieso für das Thema interessieren. Ich habe übrigens mitgezählt, das Wort vegan wurde nur 5x genannt🙂

  3. Ich hab den Film auch gesehen und fand ihn kurzweilig und informativ. Im Hinterkopf hab ich allerdings, dass die China Study wissenschaftlich sehr umstritten ist, da wohl nur Fakten genommen wurden, die zu dem gewünschten Ziel der Studie geführt haben. Weißt du da etwas darüber? Ansonsten finde ich es unglaublich, dass man seine Gesundheit durch eine Ernährungsumstellung so verbessern kann! Allerdings muss man auch hier sagen, dass sich die Leute vorher ja wirklich schlecht ernährt haben.
    Dennoch, gelungerner Film🙂

    1. Ja, der China Study wird u.a. ihre Einseitigkeit vorgeworfen. Das ist es was ich meinte, als ich schrieb, der Film ist nicht gerade objektiv sondern promotet die pflanzliche Ernährung, bringt also nur die Pro-Argumente und vermischt außerdem die Fast Food/Fertigprodukte-Problematik damit. Aber das geht vielleicht auch über eine 90-Minuten-Doku hinaus…ihren Zweck erfüllt sie jedenfalls.

  4. Ich finde den Beitrag über diese Doku hier super🙂
    Wusste bis vor ein paar Tagen garnichts davon… bis mir meine Mom sagte, dass sie sich die DVD zu Weihnachten wünscht. Zwar steht sie in Bezug auf meine Ernährung hinter mir und akzeptiert diese, bisher jedoch immer mit kritischem Auge – in der Hoffnung, dass ich irgendwann wieder aufhöre, mich vegan zu ernähren. Deswegen freue ich mich sehr über das Interesse an dieser Doku.
    Darum glaube ich auch, dass sich die breite Masse dadurch eher mit ihrer Ernährungsweise beschäftigt als wie schon genannt durch Earthlings zum Beispiel.
    Es geht nicht um die Tiere, die wir nicht kennen und nicht leiden sehen… es geht nicht um die Umwelt, die wir nicht wahrnehmen… sondern es geht um den Menschen, der uns am wichtigsten ist – um uns selbst.

    1. Cool, gib mal Bescheid, wie deine Mom der Film gefallen hat.
      Genau, man kann die Leute nur dort berühren, wo es etwas mit ihrem persönlichen Leben zu tun hat. Das bedeutet aber natürlich nicht, dass die anderen Problematiken irrelevant wären, nur eben für die Masse weniger wichtig.

      1. Also meiner Mom hat die Doku gefallen… mir auch😛
        Nur dass ja nie von Fisch, sondern nur von Fleisch gesprochen wurde.
        Meine Mom und ihr Mann beharren darauf, dass Fische ja kein Fleisch sind -.-

      2. Das ist ein ganz althergebrachter Glaube, in der Fastenzeit wurde ja das Fleischverbot auch mit Fisch umgangen. Klar ist es an sich auch Fleisch, aber ernährungswissenschaftlich wird meist nur (das rote) Fleisch von Säugetieren als solches bezeichnet, Gefügel wäre also auch kein Fleisch. Alles Quark wenn es ums Tier geht, denn leiden tun sie alle.
        Ich hab den Film auch nach Huuse mitgenommen, wir haben ihn aber noch nicht gesehen, meine Ellis fanden es unpassend, zu Weihnachten sowas anzusehen…

  5. …hab ihn auch meiner mum gezeigt, da sie seit neustem abends nur eiweiss essen will und dabei nur an tierisches denkt… am ende des films hat sie mir gesagt, dass sie der satz… „…man solle nix essen, was augen, eltern hat usw. …“ am meisten beeindruckt… und der satz scheint sie zu begleiten… denn bei der abendessenplanung meinte sie, dass eier ja eltern hatten… 😦
    ich glaub im moment ist sie etwas überfordert, da sie sich fragt was man denn ausser tierprodukten noch essen kann… ist halt ein langer prozess…

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