Heißhunger und die Frostschutzschicht

Verbiete mir etwas und sofort tropft mein Zahn. Oder – je nachdem wie fest der Vorsatz ist – zwei Wochen später halte ich es nicht mehr ohne genau das aus, was ich mir versagt habe. Beim Veganismus ist das nicht so, denn die Fakten und nicht zuletzt die Videos haben sich tief in mein Bewusstsein gebrannt. (Außer vielleicht wenn es um Käse geht, da tropft der Zahn trotzdem manchmal). Aber zum Beispiel pünktlich zu meiner „Ich -will-mal-Rohkost-ausprobieren“-Phase meldete sich der Rebell in mir und verlangte lautstark nach den restlichen Seitan-Würstchen und Soja-Hühnerbeinen im Kühlschrank, die bis dahin seit Monaten unbeachtet ihr Dasein gefristet hatten (zum Glück ist das Zeug lange haltbar). Und Kartoffeln mussten es auf einmal auch sein. Nix mit Verbot. Was bei mir schon besser funktioniert, ist umgekehrte Psychologie. Ich sage mir, ich darf grundsätzlich alles. Ich darf zu spät zur Arbeit kommen, ich darf zu lange aufbleiben, ich darf das machen worauf ich Bock habe. Ich darf schlechte Laune haben, ich darf nur schwarz tragen, ich darf „nein“ sagen. Und wenn mich spätnachts auf einmal die Gummitiere aus dem Bahnhofs-Snackautomaten angucken, sage ich mir, iss es, wenn du willst. Und siehe da, mein Verlangen ist wie weggeblasen. (Zumindest vorerst.) Ich weiß, warum ich gewisse Sachen nicht haben/machen möchte. Ich weiß es und entscheide mich bewusst dagegen. Aber verbiete ich es mir, werde ich zum Opfer. Mann, war es auf Arbeit wieder stressig, zu wenig Freizeit, dies und jenes und alles muss noch erledigt werden, ich muss jetzt einfach mal ein bißchen ausbrechen. Oder mich dafür belohnen, dass ich wieder einen Tag überlebt habe.

Experten sagen, dass besonders Frauen aus emotionalen Gründen essen. Essen ist für uns nicht nur Nahrung. Es ist der Zuckerrausch, der uns von unseren Problemen erlöst und sei es nur für 15 Minuten. Es beruhigt und wärmt von innen – und später auch von außen. Es ist der Füllstoff für das Loch in unserer Seele, das eigentlich durch mehr Zeit für sich oder mehr Mitgefühl oder ähnliches gefüllt werden will. Es bringt buchstäblich mehr Abstand zwischen die Welt und sich selbst, wenn es sich schließlich äußerlich manifestiert. Und hält im Winter schön warm.😉 Es ist immer und überall verfügbarer Genuss und Ablenkung in einem. Und das alles kommt nicht von ungefähr. Essverhalten ist nicht nur kulturell geprägt, wie etwa Italiener bis tief in die Nacht ihr Abendessen zelebrieren, sondern auch vom sozialen Umfeld beeinflusst.

Ein heißer Kakao und dazu ein kühles Butterbrötchen werden mich immer an meine Oma erinnern, denn das war unsere erklärte Lieblingszusammenstellung. Bei jedem Familienfest bildet vor allem die gefüllte Festtafel den Mittelpunkt des Geschehens. Im Urlaub gibts am liebsten täglich ein leckeres Eis. Und mit Freunden zu grillen gehört einfach zum Sommer. Für eine Verabredung trifft man sich für gewöhnlich auf einen Kaffee oder ein Glas Wein, zum Essen, zum gemeinsam Kochen. Soziales Verhalten ist eng verknüpft mit Essverhalten. So  entwickeln wir Assoziationen und Gewohnheiten. Es ist so vielschichtig, dass es eigentlich nicht verwundert, wie schwer es für viele ist, daran etwas zu ändern. Ich kann nicht gegen mich selbst kämpfen, ganz klar muss beim Versuch ein kleiner Rebell erwachen und die Fäuste schütteln. Ich kämpfe also nicht gegen ihn, denn er will mich nur beschützen. Ich stelle ihm einfach keine Grenzen auf, gegen die er vorgehen kann. Wenn da keine Regel ist, kann er nichts überschreiten, es verliert seinen symbolischen Wert. Praktisch mache ich dann immer alles, was ich will. Aber eigentlich ermöglicht mir diese so geschaffene Freiheit nur, mich jedes Mal neu zu entscheiden, was ich wirklich möchte. Funktioniert zwar nicht immer, aber oft.😉
Aber Heißhunger kann auch andere Gründe haben. Zum Beispiel bekomme ich Appetit auf Hühnchen, wenn eine Erkältung im Anzug ist. Ich vermute, dass es zB. am Zink liegt, das im Hühnchenfleisch steckt und die Abwehrkräfte stärken soll. (Oder an den Antibiotika die man bei Geflügelfleisch kostenlos dazubekommt – haha!) Der Mangel würde dann theoretisch den Appetit auslösen um selbigen zu beheben. In dem Fall wär mein Körper ziemlich clever.🙂 Und das hat auch mit dem Veganismus nicht aufgehört, scheint sich nur zu verlagern. So hatte ich kürzliche eine Phase, in der ich etwas kränkelte, und auf einmal Linsen total lecker fand. Linsen! Of all things. Nein, keine edlen Chateau- oder Beluga-Linsen (das hab ich probiert). Es mussten die ganz gewöhnlichen braunen Tellerlinsen sein. Sie haben mir noch nie so gut geschmeckt wie in diesen zwei Wochen! Einfach wundervoll herzhaft und vollmundig. Keine Ahnung ob es an Vitamin B6, Zink oder Eisen mangelte, aber der Heißhunger – oder sagen wir mal, verstärkter Appetit – hörte dann jedenfalls wieder auf. Schwangere kriegen manchmal auch merkwürdige Essgelüste, was vielleicht auch ein Indiz dafür ist, dass der Körper seine Bedürfnisse deutlich machen will und den Appetit entsprechend steuert. So essen Kinder ja angeblich manchmal Erde wenn sie Eisenmangel haben. Hundertprozentig wissenschaftlich belegt ist das aber nicht (jedenfalls kann ich dazu nicht viel Glaubwürdiges finden). Vermutlich sind wir dazu heutzutage auch zu verwöhnt – zu durcheinander von Fertigprodukten, die in Laboren perfekt auf unsere Geschmacksknospen abgestimmt wurden, aber vergleichsweise wenig Nährstoffe enthalten. Etwa so wie Heißhungeranfälle auf Süßes durch gewohnheitsmäßiges Verzehren von Weißmehl- und Einfachzuckerproddukte begünstigt werden. Heißhunger durch simple Unterzuckerung – her mit dem Schokoriegel!  Glucosespiegel hoch, Glucospiegel runter und schon muss noch einer her.

Richtiger Hunger hingegen ist logischerweise zur Behebung von Mangel da (mehr). Aber Appetit ist nicht Hunger. Hunger ist ungleich unangenehmer. Soll heißen, wenn man den Punkt erreicht hat, an dem man so ziemlich alles essen würde, hat man Hunger. Appetit ist viel wählerischer. Womit wir wieder bei der Wahl wären. Entscheidungen. Wenn ich zu hören bekomme:  „Dieses und jenes darfst du als Veganer ja gar nicht essen“, antworte ich gern „Ich darf alles essen (wie jeder andere auch), ich möchte nur dieses und jenes nicht essen.“ Der Unterschied ist für den anderen vielleicht marginal, für mich aber immens. Außerdem kann man so unterstreichen, dass Veganismus keine Diät oder Krankenkost ist, wo einem Dinge verboten werden. Sondern dass es aktive und bewusste Entscheidungen beinhaltet. Manchmal erfordern aber auch die eine gehörige Portion Disziplin…

Na, und ihr? Wie geht ihr mit dem Rebellen in euch um?

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

9 Kommentare zu „Heißhunger und die Frostschutzschicht“

  1. Ich bin froh, dass meine Disziplin bisher über die Rebellen gesiegt hat, mir hilft bei Gelüsten eigentlich auch immer der Verstand. Je nach dem worum es geht, weiß ich auch, warum ich es nicht esse…und das vernichtet quasi alle Versuchungen😀
    Ich knall mich aber auch täglich mit Smoothies und Kohlenhydraten in Form von Früchten zu, das hilft ebenso irgendwelchen Mängeln oder launischen Tiefs entgegenzuwirken.
    Wenn ich mich mono ernähre, sind die ersten Tage aber auch so wie du beschreibst: auf einmal fällt einem alles ein, was man ewig nicht gegessen hat oder sonst irgendwie verbannt wurde….spielt sich dann alles nur im Kopf ab, gleichzeitig bin ich nämlich papsatt😀

    1. Gute Strategie: Wenn man satt ist, macht einem das alles nicht mehr so viel aus. Merk ich immer beim Einkaufen. Geh ich hungrig in den Supermarkt, hab ich am Ende mehr im Wagen.

  2. Ich esse seit 5 Monaten vegan – von einem auf den anderen Tag, vorher hab ich alles gegessen aber ich konnte Qual und Tod nicht mehr mit tragen. In der ersten Zeit dachte ich, dass ich meinem Schweinehund wohl ein Leben lang immer wieder würde sagen müssen: „Denk an die Filme und Bilder, die Du gesehen hast, die Dich tief berührt haben. Möchtest Du trotzdem das Stück Käse, die Wurst oder die Milch im Kaffee? Dann greif zu! Du darfst alles!“

    Aber es ist etwas passiert, mit dem ich nie gerechnet hätte: Wenn ich Kuchen oder Pfannkuchen esse, in dem Eier verarbeitet wurden, kann ich es nicht essen, weil es so widerlich penetrant nach Ei schmeckt, dass es alles andere, das Obst im Kuchen oder die Marmelade auf dem Pfannkuchen, übertüncht. Ich schmecke gar nichts anderes mehr, als Ei. Und wenn ich einen Auflauf mit Käse esse, ekel ich mich vor diesem zudringlichen Käsegeschmack. Ich mag es einfach nicht.

    So einfach ging das! So schnell! Ich brauche keinen Käse, keine Eier, keine Milch. Fleisch sowieso nicht. Nach nur fünf Monaten.

  3. Wenn es um Veganismus geht fällt mir der „Verzicht“ überhaupt nicht schwer, da geht es mir so wie dir: ich weiß ja warum ich bestimmte Dinge nicht essen möchte.
    Schwierig ist es dann in Phasen in denen ich gerne Diät machen würde, das funktioniert auf keinen Fall mit Verboten. Das einzige was dann klappt ist viel Sport (reduziert bei mir schon mal netterweise den Appetit auf ungesundes), raue Mengen an leckerem Gemüse und auch Schoki, wenn die Seele es verlangt. Ansonsten würde ich mich nur noch mehr deprimieren.
    Dass man in Zeiten erhöhter Bedürfnisse (bei mir Schwangerschaft) bestimmte Dinge bevorzugt, kann ich bestätigen. Ich habe plötzlich noch viel mehr Zuckerrübensirup gegessen (das hat sich jetzt wieder normalisiert), viel mehr Sojamilch (vorher eher sporadisch) und irgendwann war ich total scharf auf Salz…
    Aber Fleisch war nicht bei den Gelüsten dabei🙂
    Lg,
    Flauschtrud

  4. Da ich aus gesundheitlichen Gründen auf vegane Ernährung gekommen bin, habe ich kaum Gelüste. Allerdings muß immer etwas zu knabbern im Haus sein! Ich bin so ein Andauerndesser und nehme eher ab. Daher muß ich mir immer anhören, dass vegan gleich Mangel ist haha Doch das trifft mich schon und manchmal lasse ich mich verunsichern und muß essen! Dann ist es gut wenn vegane Snacks im Hause sind, dann wird der Bauch aufgepumpt bis er platzen könnte und beim nächsten „Gang“ wiege ich weniger wie vorher🙂 doch gesundheitlich geht es mir so viel besser (also wegen der generellen vegane Ernährung)…. und das ist mir das wichtigste! Daher keine Gelüste mehr auf Käse und so…

  5. Also das mit den braunen Linsen klingt verdamt lecker. Da liegt sicher der Gedanke zur Veganbockwurst nicht fern🙂. Wie Du schon andeutest, ist der Appetit von vielen Faktoren gesteuert, nicht zuletzt vom Klima. Ich bekomme bei kühlem Herbstwetter zum Beispiel schlagartig Appetit auf Kartoffelgerichte und zellulosehaltige Nahrung wie eben auch Bohnen oder Linsen. Naja und Knoblauch ist sowieso das ganze Jahr dabei :-))).

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