„The Raw Secrets“ – Frédéric Patenaude

Es ist zwar etwas ungewöhnlich, seine Recherche zum Roh-Wahn gleich mit einem Buch zu beginnen, das sich vor allem auf die Probleme statt auf die Vorteile dieser Ernährungsweise konzentriert. Zumal das Cover nicht gerade vertrauenserweckend wirkt, eher wie das Werk eines 14jährigen, der gerade Photoshop entdeckt hat. Aber irgendwo wurde Patenaudes Buch in hohen Tönen gelobt. Zudem verspricht es,  die wichtigsten Fehlerquellen einer Rohkostdiät aufzudecken, die Umstellung zu erleichtern, zu zeigen, wie man preiswert und ohne Spezialprodukte Rohkost praktiziert und die Zeichen erkennt, dass die eigene Ernährungsweise für einen selbst nicht geeignet ist (selbst wenn es sich dabei um Rohkost handelt).

Das Buch beginnt mit Patenaudes eigenen Erfahrungen, wie er Rohkost entdeckte, eine Weile gut damit lebte aber sich dann immer mehr schlapp und müde fühlte, daraufhin wieder Kochkost probierte, diese er aber nicht mehr vertrug. Und dass es selbst in der Rohkost-Bewegung unterschiedliche und widersprüchliche Strömungen gibt, machte es für ihn nicht gerade leichter. Für viele stehe die Frage „Ist das roh?“ weit über den eigentlich wichtigen Fragen wie „Ist es gesund?“ oder „Wie fühlt sich mein Körper damit?“. Also ging er zurück zu den Anfängen. Er zitiert Physiologen des letzten Jahrhunderts, die erklären, der Mensch sei ein Frugivore, also ein Tier das sich hauptsächlich (aber nicht nicht ausschließlich) von Früchten und Gemüse ernährt (25). Dies sieht die Wissenschaft heute anders – soweit ich weiß, gilt der Mensch immernoch als Omnivore, auch wenn wir Pflanzisten das gerne anders hätten.😉 Und obwohl er die Ernährung von Primaten zum Vergleich heranzieht, stellt  er immerhin fest, dass wir Menschen zwar Ähnlichkeiten aufweisen aber natürlich nicht genauso sind und deshalb auch nicht ganz genauso essen sollten. Schimpansen jagen zum Beispiel auch selbst und essen das Fleisch dann roh. Wie viele von uns könnten das? Und Insekten mag Patenaude auch nicht verspeisen.🙂 Dazu bringt er noch unsere Instinkte ins Spiel: Von Natur aus können wir zuträgliche von giftiger Nahrung durch Geruch, bitteren Geschmack oder Aussehen unterscheiden. Entsprechend greifen Kinder auf einem voll gedeckten Tisch mit Naturprodukten instinktiv zu süßen, bunten Früchten und Nüssen und nicht zu Fisch oder Kaninchen.

Wie der Autor selber, bekommen viele Rohköstler früher oder später Probleme mit dieser Ernährungsweise. Der größte Fehler liegt nach Patenaude darin, dass sie zu viel Fett essen. Das liegt ganz einfach daran, dass wir es gewöhnt sind, konzentrierte Nahrung zu uns zu nehmen. Es ist eine Hauptenergiequelle, und wir sind von Natur aus scharf darauf. Um in der Rohkosternährung auf 2000 Kalorien am Tag zu kommen, muss man bergeweise Obst und Gemüse verdrücken – oder man erhöht den Anteil an Fett. Das Ergebnis ist, dass man sich bei so einer high-fat raw-Ernährung nicht besonders gut fühlt, immer müde und schlapp ist. Seine Empfehlung: Fett reduzieren und Fruchtanteil erhöhen – und zwar immens! Reduziert man den Fettanteil, also Nüsse und Avocados, kommt man ziemlich schnell auf die Frage: Ist dann noch genug Protein vorhanden? Nüsse sind ja so ziemlich die größte Eiweißquelle für Raw-sies, oder? Schnelles Beispiel: Feldsalat 1,84 g, Banane 1,15 g und Cashew-Nuss 17,50 g Protein pro 100g. Patenaude sieht das aber nicht als Problem, seiner Ansicht nach braucht der Mensch kaum Protein, nur etwa 5 Prozent der Gesamtkalorien.  Dies entspräche etwa dem Proteingehalt von Muttermilch, was ihm als Argument genügt. Mir reicht das nicht, ich zog das Buch „Becoming Raw“ zu Rate. Hier werden wissenschaftliche Studien zu dem Thema beleuchtet. Es gibt sowohl Argumente für und gegen einen höheren RDA bei Rohköstlern, aber nicht genug Beweise für eine der beiden Seiten, also wird empfohlen, sich vorerst weiter am normalen RDA von 0,8 g pro kg Körpergewicht zu orientieren. Es sei auch in einer kalorienarmen, rohköstlichen Diät möglich, durch das Einbinden von viel Gemüse und gekeimten Hülsenfrüchten und Getreide diesen Richtwert zu erreichen.

Außerdem haben Roh-Fans wohl oft Zahnprobleme, wie auch Patenaude selbst. Die Gründe dafür seien vielfältig, schreibt er: 1. Zu viele Snacks – das verhindert die Neutralisierung des pH-Wertes im Mund. 2. Zu viele getrocknete Früchte/gedörrte Produkte – die sind sehr konzentriert und klebrig, haften am Zahn und erlauben den Baktierien sich zu vermehren 3. Zu viele Zitrusfrüchte  – die Säure ist schlecht für die Zähne, 4. zu viele zuckerhaltige Lebensmittel, auch natürlicher Zucker wie Kokosnusmilch, Honig, Fruchtsaft usw. und 5. Zu wenig basische Mineralien wie Calcium und Magnesium, deswegen ist (besonders blattgrünes) Gemüse so wichtig.
Im Grunde eleminiert Patenaude so lange alle „Fehler“ aus der Rohkost-Ernährung, bis nur noch frisches Obst und Gemüse übrig bleibt. Alles frisch und roh – bis auf eine Ausnahme: Gemüse darf auch mal gedünstet verzehrt werden. Ist man zu streng in seinem Roh-Dogma, führe es zu Heißhunger auf „ungesundes Essen“.  Nüsse und getrocknete Früchte sollen nur in Maßen verzehrt, auf Gewürze verzichtet werden, schließlich töte Salz das Leben und an den meisten anderen Gewürzen lässt er auch kein gutes Haar. Er weist noch darauf hin, dass gewisse Kombinationen wie etwa Zuckerhaltiges mit Fett schwer verdaulich sind und dass es auch hilft, die Abfolge beim Verzehrs zu beachten, also z.B. erst Früchte und erst 20 Minuten später Gemüse.

Außerdem muss die Ernährungsform der Lebensweise entsprechen: „You cannot change one thing without changing everything“. Man kann nicht Rohköstler sein und einen bewegungsarmen Lebensstil haben, es sei nicht kompatibel mit einigen Jobs, nicht mal mit dem Freundeskreis. Das konnte ich ein bißchen nachvollziehen. Bestimmt haben viele von euch diesen anfänglichen Energieschub beim Umstieg auf (normale) pflanzliche Kost empfunden, oder? Ich hatte definitiv viel deutlicher das Bedürfnis mich zu bewegen und an der frischen Luft zu sein. Das meint er wohl damit – nur eben multipliziert um den Faktor „raw“. Auch Karen Duve berichtete in ihrem Buch davon, wie sie in ihrer Fru(k)tarier-Phase auf einmal freiwillig joggen ging und euphorische Zustände hatte (leider nicht von Dauer). Und ja, ich stelle es mir im sozialen Umfeld echt schwierig vor, Rohköstler zu sein. Vegan grenzt einen schon ein bißchen aus, aber roh-vegan?

Am Ende des Buches folgen noch einige Menüpläne, wobei diese so einfach sind, dass sie eigentlich ihren Namen nicht verdienen. Beispiel.

Menü #1:
Frühstück: Früchte, Smoothies oder grüne Smoothies
Mittagessen: Fruchtmahlzeit, Smoothies oder grüne Smoothies
Nachmittagssnack: Fruchtmahlzeit, Smoothies oder grüne Smoothies
Abendessen: Gemüsemahlzeit (mit oder ohne fetthaltigen Speisen wie Nüssen oder Saaten)

Fazit: Ich würde das Buch nicht weiterempfehlen, Patenaudes Ansatz beruht zum Teil auf wissenschaftlich nicht haltbaren Annahmen und heraus kommt eine Ernährungsweise, die ich weder für praktikabel noch für besonders gesund und daher wenig erstrebenswert halte. Auch wenn er nicht in allen Punkten Unrecht hat – es gibt bessere Bücher zum Thema, in denen man nicht mühsam die korrekten von den falschen Fakten trennen muss. Außerdem empfand ich das stetige Anpreisen der eigenen Webseite als störend.

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

14 Kommentare zu „„The Raw Secrets“ – Frédéric Patenaude“

  1. Warum willst du das Thema „vegane Rohkost“ zum xten Mal durchkauen ? Der Käse ist doch längst gegessen.

    VEGANE Rohkost ist AUF DAUER unmöglich. Die liebe „fruchtzahn“ und der Herr Franz Konz haben es doch gerade erst wieder gezeigt. Von den vielen vielen anderen ehemaligen Roh-Veganern ganz zu schweigen…

    Die Einzige Rohkostform, welche DAUERHAFT funktionieren kann, ist nun mal die Omnivore. Das liegt für den Omnivoren Homo Sapiens aber auch in der Natur der Sache.

    Warum also willst du dich überhaupt mit Rohkost beschäftigen, wo doch der Verzehr von Tierischem für dich doch sowieso nicht in Frage kommt ? Mit einer wie auch immer gearteten VEGANEN Rohkost wirst du genauso scheitern, wie tausende vor dir,

    1. Vielleicht erscheint es dir wie die xte Wiederholung. Für mich ist es das nicht. Ich möchte für mich selbst herausfinden, was an dieser Raw-Sache dran ist und kann am Ende sicher einiges daraus für mich mitnehmen. Wie ich aber bereits schrieb, habe ich nicht im mindesten vor, komplett roh-vegan zu werden, nicht mal für ne Weile, sondern experimentiere nur mit den Rezepten.

    2. Ahja, interessant. Mit demselben „Argument“ verurteilt man die vegane Lebensweise doch auch. Was genau soll an Gekochtem nun den „omnivoren“ Faktor ausmerzen? Oder funktioniert eine rein pflanzliche Ernährung ohnehin nie?
      Ich finds herrlich, wenn man irgendwelche Leute heranzieht, die gescheitert sind, nur um sein Weltbild zu verbreiten oder lediglich zu rechtfertigen, wieso man selbst untätig ist.

      Es gibt zahlreiche Beispiele für vegane Rohköstler, die seit Jahrzehnten so leben, es gibt einige bekannte Frutarier, die zugegeben nicht in Deutschland leben, dafür aber seit Jahren ebenfalls gut und gesund leben. Es gibt keinen „Beweis“ für oder gegen diese Lebensweise, mit irgendwelchen Omnivor-Tatsachen zu argumentieren zeugt nur vom Unverständnis der Sache. Der Begriff Omnivor ist erstens viel zu jung und zweitens viel zu schwammig, als dass man irgendetwas daran festmachen könnte. Es beschreibt lediglich die Fähigkeit der Nahrungsaufnahme, nicht die Notwendigkeit.

      Von „tausenden“ Gescheiterten zu reden ist schon recht optimistisch, aber auch heirzu hätte ich gerne Quellen; wie angesprochen hat das nichts mit Fakten zu tun.

      Zum Posting:
      Man merkt deutlich, dass du voreingenommen bist, daher verstehe ich nicht ganz wieso du dich immer mit den Themen auseinandersetzt. Man liest von Anfang an, dass du nur auf deine Meinung hinarbeitest und letztendlich kommt ja auch genau das raus. Ebenso dein Fazit, welches lediglich auf unfundierter Meinung beruht, statt Tatsachen abzuwägen.
      Wenn du es für dich nicht praktikabel findet, Obst und Gemüse zu essen, okay. Das lässt sich aber nicht verallgemeinern und erst recht keinen Schluss auf die Gesundheit zu.

    3. Oder um mal ganz oberflächlich zu bleiben: Was erschließt sich denn bei einer omnivoren „natürlichen“ Rohkost? Honig, der unerheblich ist. Eier? Nur, wenn man ein Auge zudrückt vielleicht, wobei die auch nicht essentiell sind. Milch sowieso nicht. Bleibt also rohes Fleisch, Innereien. Was davon ist deiner Meinung nach wichtig und warum?

  2. Hhmm! Das hast du sehr gut kommentiert. Deinem Bericht nach werde ich mich nicht damit beschäftigen. Ich habe mir heute „Das große Rohkost-Buch“ – Grundlagen und Praxisanleitungen für eine erfolgreiche Ernährungsumstellung – von Angelika Fischer angeschafft und hoffe, daraus größeren Nutzen zu ziehen. Sie ist eine erfahrene Rohköstlerin und Ernährungsexpertin und entwickelte die AllesRoh-Vitalkultur, die das Pure, Naturbelassene und Frische favorisiert und durch richtige Kombinationen optimiert. Ich bin gespannt. Dem Vernehmen nach scheint es interessant zu werden. Allerdings braucht es etwas Zeit, um die knapp 500 Seiten durchzuarbeiten. Im Web: http://www.allesroh.at

      1. Ah, danke. Das bestätigt die 2005-Studie. Demzufolge würde ich mir wegen Acrylamid keine Sorgen machen, so lange ich Chips nur sehr sehr selten esse und Kartoffeln meist koche und nur ab und zu in den Backofen schiebe. Oder hab ich was überlesen?

  3. Ich finde es toll, dass du für uns diese Bücher liest und dein Fazit abgibst – vielen Dank! Ich genieße es sehr, dass auf deinem Blog nicht dogmatisiert, emotionalisiert und subjektiviert wird. Vielen Dank dafür, solche Leute sind eine Wohltat🙂 Daher vertraue ich auch auf dein Urteil. Ich muss auch gestehen, ich finde Rohkost irgendwie kompliziert und es würde mich niemals befriedigen. Abgesehen davon, wie du richtig schreibst, als Veganer ist man ja schon Sonderling, wie ist es dann als Rohveganer? Will ich mir nicht ausmalen… Das ist es mir nicht wert, außerdem gehts mir vegan prima🙂

    1. Erst ist der Blog nicht emotionalisiert und subjektiviert, dann verlässt du dich aber auf subjektive Urteile und Meinungen…merkste selbst, ja?
      Menschen, die Angst vor Dogmen haben, leben selbst stark dogmatisiert, nämlich im Zwang ihrer momentanen Handlungsweisen.
      „Ich finde … kompliziert und unbefriedigend“….kommt dir der Satz nicht irgendwie bekannt vor?
      Sonderling? Hängt vom Selbstbewusstsein ab, wer wen wie sieht, würde ich sagen.
      Ich bin selbst kein Rohköstler, falls der Eindruck aufkommst, aber ich finde diese Psuedoobjektivität echt nervig.
      Zumal dein letzter Satz ebenso aus dem Omnikatalog kommt, welcher mit Ethik mal gar nichts zu tun hat. Letztendlich sind Pflanzen auch nur Lebewesen.

      1. Danke für deinen Beitrag. Lass mich mal erklären:
        ich finde, Jane hat eine sachliche Herangehensweise. Da ich Rohkost an und für sich einfach nicht wahnsinnig interessant und für mich praktikabel und erstrebenswert finde, reicht mir der Einblick, den sie mir hier verschafft. Ihre Herangehensweise ist deutlich objektiver als die vieler anderer Blogger, muss für meine Hobbyleserzwecke aber nicht wirklich wissenschaftlich 100%ig fundiert sein, da es um meine Lebensweise geht und ich damit glücklich sein will, was ich momentan als „normaler Veganer“ bin.
        „“Ich finde … kompliziert und unbefriedigend”….kommt dir der Satz nicht irgendwie bekannt vor?“ Warum? Weil ich den als Veganer auch schon oft gehört haben soll? Ja na und? Darf ich trotzdem nichts mehr kompliziert und kulinarisch unbefriedigend finden? Ich verurteile ja keinen, der sich so ernährt. Das akzeptiere ich auch bei Omnis, ich verurteile keinen, warum sollte ich? Allerdings finde ich nicht, dass man das unbedingt vergleichen kann. Omnis schaden mit ihrem Lebensstil der Umwelt und den Tieren mehr, als ich das tue. Rohkost ist allerdings weniger ethisch motiviert, jedenfalls fasse ich das so auf.
        Ob ich jetzt deiner Meinung nach Selbstbewusstsein hab oder nicht, ist mir egal. Aber wenn man in der Familie der einzige Veganer ist, kommt schon manchmal eine Diskussion auf, in der ich als Sonderling dargestellt werde.
        Wenn du das jetzt pseudoobjektiv nennst, ist das ok, empfinde ich nicht so. Aber danke für deinen Standpunkt. Mich jetzt in meiner Argumentation, dass es mir als veganer gesundheitlich super geht und ich daher keinen Grund darin sehe, Rohköstler zu werden, mit einem Omni zu vergleichen verstehe ich zwar nicht, aber das habe ich ja schon oben angeführt.

    2. Hallo Lisa, danke für die Blumen😉 Natürlich ist es meine Meinung, die ich da schreibe, aber ich versuche schon, auf dem Weg dahin objektiv zu bleiben, Quellen kritisch zu betrachten und auch andere Perspektiven einzubeziehen. Absolute Wahrheiten gibt es nämlich nur selten.
      P.S.: Welche Laus ist denn dem CLaus über die Leber gelaufen? Dein Kommentar war eigentlich kaum falsch zu verstehen, jedenfalls nicht so, dass man jedes Wort auseinanderpflücken müsste…

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