Wasser und Meer: Trübe Aussichten

Am Dienstag war der Weltwassertag. (Mal wieder) Zeit, darauf hinzuweisen, dass auch etwas so Grundlegendes wie Wasser nicht selbstverständlich ist. Genaugenommen sind die Aussichten wirklich entmutigend. „Bis 2070 wird die Wasserknappheit auch in Mittel- und Südeuropa zu spüren sein“, heißt es im Weltwasserbericht der Unesco. Das wäre dann in weniger als 60 Jahren. Und es ist nicht irgendwo, es beträfe umgehend auch uns. Schon jetzt haben elf Prozent der Menschheit – 783 Millionen Menschen – keinen Zugang zu einer sauberen Quelle, so Unicef-Direktor Anthony Lake (Quelle). Worauf keiner von alleine kommen würde: das Problem ist – zumindest in Deutschland – nicht mal das sparsame Verwenden der Klospülung, sondern die Wassermengen, die für die Produktion von Waren (wie Kaffee) in Regionen auf der Erde verbraucht werden, in denen Wasser bereits kostbar geworden ist (mehr). „Wir sind mittlerweile bei einem Wasserverbrauch pro Kopf und Tag von 123 Litern. Das ist mit der niedrigste in Europa“, so ein Sprecher des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (Quelle). Der direkte Wasserverbrauch ist in Deutschland kein Problem. Es ist das Wasser in all den Dingen, die wir konsumieren. Ob Milch, Baumwoll-Shirts, Atomstrom, Gold, Kartoffeln, und ja, gerade Fleisch bringt eine unglaublich hohe Wasserrechnung mit sich.

Es ist der eine Satz, der mich wirklich sprachlos machte: Ein Kilo Fleisch verbraucht mehr Wasser als ein Jahr täglich Duschen! Wie kann das sein? Der WWF rechnet es vor:

In der Regel dauert es drei Jahre, bis ein Rind schlachtreif ist und etwa 200 Kilogramm knochenloses Fleisch liefert.
In diesem Zeitraum hat jedes Tier fast 1.300 Kilogramm
Getreide und 7.200 Kilogramm Raufutter wie Heu
oder Silage gefressen. Dazu kommen etwa 24 m³ an
Trinkwasser und weitere 7 m³ Wasser für die Reinigung
der Ställe und anderes. Umgerechnet heißt das, dass in
jedem Kilogramm Rindfleisch 6,5 Kilogramm Getreide,
36 Kilogramm Raufutter und 155 Liter Wasser stecken.
Alleine für die Produktion der Futtermengen werden
bereits 15.300 Liter Wasser benötigt. Und in dieser Rechnung ist noch nicht die Wassermenge berücksichtigt, die möglicherweise im Laufe der Aufzucht der Tiere oder während des Anbaus der Futterpflanzen verschmutzt wurde (Quelle).

Das nennt man dann den „virtuellen Wasserfußabdruck„, denn der zeigt nicht nur den direkten sondern auch den indirekten Wasserverbrauch auf: der Wasserverbrauch am Ort des Konsums und der Wasserverbrauch am Produktionsstandort zusammengenommen. Seinen eigenen wässrigen Fußabdruck kann man auf www.waterfootprint.org ausrechnen. Wenn man keine Milchprodukte und Fleisch isst und kein Haus oder Auto hat, kommt man ganz gut weg.😉 Es ist ohnehin eine sehr theoretische Rechnung, denn wer schert sich denn bitte um den Wasserverbrauch, der jenseits der eigenen Betriebskostenabrechnung liegt? Vielleicht ist es die Menge, die dann doch beeindruckt:

Die massenhafte Nutztierhaltung schadet uns nicht nur in Sachen Umweltverschmutzung, CO2-Ausstoß und dem notwendigen aber für uns schädlichen übermäßigen Gebrauch von Hormonen und Medikamenten, auch was das Wasser angeht, macht genau dies den Unterschied. Und die Zeit wird immer knapper, Wasser wird „das Öl von morgen“ sein, allein darum werden Kriege geführt werden, so lauten schon heute die ersten düsteren Prognosen. Das ist zwar bloße Rhetorik um mehr Aufmerksamkeit für dieses Thema zu erzeugen, denn bisher rauften sich selbst die verstrittensten Völker in Wasserfragen wieder zusammen (Quelle). Dennoch macht dies deutlich, wie extrem sich die Situation künftig verschärfen könnte.

Und da wir gerade bei Wasser sind: Bei der Produktion und dem Verbrauch von Lebensmitteln, Industrie- und Konsumgütern entstehen riesige Mengen Abfall. Davon landet ein Großteil früher oder später im Ozean. Dazu kommt die zunehmende Verschmutzung der Küstengewässer mit Nähr- und Schadstoffen. Und diese reichern sich in Meerestieren an (Quelle). Auch die Fischbestände in unseren Meeren geben Grund zur Sorge. Rund 80 Prozent der Fischbestände in den Weltmeeren sind überfischt oder an der Grenze dazu. Schon etwa um 2050 steht uns der komplette Zusammenbruch der Fischerei bevor – weltweit (Quelle). Und wie kann das sein, wo wir doch brav Fisch aus Fischfarmen kaufen, die mit bunten Siegeln Nachhaltigkeit versprechen? Für die  Zuchtfische werden kleinere Wildfische massenhaft aus dem Meer gezogen. Und auch die Fischfarmen sind letztendlich Massentierhaltung mit viel zu hohem Besatz, dem damit verbundenen, notwendigem Einsatz von Medikamenten, Leben in den eigenen Exkrementen und bereits toten Artgenossen. Dazu kommt noch das Beifang – Problem: Laut dem WWF sind mindestens 40 Prozent der Meerestiere, die in die Netze der weltweiten Fischindustrie gehen, unerwünschter Beifang und werden als toter Müll über Bord geworfen. (Zum Beifangrechner). In diesem Videoclip eines Hallenser Kunststudenten werden die Zusammenhänge eindrucksvoll illustriert:

Die Überfischung der Meere from Lilli Green on Vimeo.

Auch wenn das logische Schlussfolgerungen aus den derzeit erhältlichen Daten sein mögen, klingen sie nicht anders als die Schwarzmalerei von vor zehn, zwanzig Jahren. Nur eins hat sich verändert. 2070 oder 2050, das ist nicht irgendwann. Das ist fast schon greifbar. Für die, die Kinder haben, auf jeden Fall. Kleiner Mensch, was nun?

UN prognostizieren Wassermangel in Europa – ZEIT.de
Waterfootprint – www.waterfootprint.org
Was ihr Fisch noch auf die Waage bringt – Beifang-Rechner des WWF

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

8 Kommentare zu „Wasser und Meer: Trübe Aussichten“

  1. Mal wieder ein toller Artikel! Besonders die Grafik ist toll! Ich wusste ja, dass Fleisch & Co. viel Wasser verbrauchen, und auch für Jeans hatte ich das schon mal gehört, aber das es dann doch so viel ist, erschreckt mich sehr!

    1. Ging mir auch so. So viel – das ist kaum zu glauben. Aber ganz logisch, wenn man erstmal drüber nachdenkt. Und diesmal ist es was, dessen direkte Auswirkungen wir wohl selbst noch miterleben werden.

  2. Die Infografiken sind echt super, danke!

    Man könnte jede Woche, wenn nicht jeden Tag über so etwas berichten. Das gleiche gilt ja auch für die vielen Lebensmittel, die jeden Tag im Müll landen. Ging letzte Woche durch die Medien. Das Problem ist einfach, dass die Folgen unseres Handelns nicht direkt sichtbar werden für den Verbraucher. Sie sind so abstrakt. Wer denkt schon an Wasser, wenn er ein Stück Fleisch isst. Und leider kümmern sich viele Menschen erst um Missstände, wenn sie selbst betroffen sind.

    Deswegen muss man immer wieder daran erinnern und aufklären. Damit die Folgen endlich bewusst werden, ehe es zu spät ist…

    Skandal ist jeden Tag: http://schlachtreif.com/2012/03/16/skandal-ist-jeden-tag/

  3. Super Artikel. Ich finds immer wieder beeindruckend, wie gut recherchiert, sprachlich top und informativ deine Posts sind. Großes Lob!

    Wirklich erschreckend, wie viel Wasser man wirklich, jeden Tag, verbraucht.

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