Ist Veganismus ein Trend?

Da werden im Sat.1 vegane Fleischprodukte getestet (Test: Vegane Wurst), auf RTL wird mit versteckter Kamera ein Tofu-Test in einem Imbiss gemacht, selbst im BR werden Fleischersatzprodukte auf die Probe gestellt (Faszination Wissen); ProSieben präsentiert zum „Tolerance Day“ einen ganzen Beitrag zu einem Antitierbenutzungshof (Vegan leben) und die Presse übt sich im Namedropping veganer Promis (Die heiligen Kühe Hollywoods). Natürlich pflegt auch Ellen Degeneres auf ihrer Webseite ihre Liste der „famous faces who happen to be vegan“ (44 sind es gegenwärtig). Und über die negativen Auswirkungen des Fleischkonsum gibt es schon wegen der Klimakrise immer wieder umfangreiche Artikel.

Aber auch einflussreiche Bücher wie „Eating Animals“ (2009) und „Anständig essen“ (2010) sind erst in den letzten Jahren erschienen – beides Werke von Schriftstellern, die sonst eher mit Mainstream als mit solchen Themen beschäftigt sind und wohl genau deswegen so viel Resonanz erzeugen. Dazu kommen Szenebücher wie „Wie ich verlernte, Tiere zu essen“ (2011), die deutsche Übersetzung der „China Study“ (2011), das Standardwerk „Vegan!“ sowie Vagedes „Veg up“ (2011) und die deutsche Version von Alicia Silverstones „Kind Diet“ (2011).

Stellt sich die Frage, ist Veganismus zum Trend geworden? Und: ist das überhaupt schlimm? Ich muss nämlich an meine Post von PETA denken, als mir geschrieben wurde, ich solle bloß keiner dieser Lifestyle-Veganer werden und ich dazu meinte, mir wäre völlig egal, warum jemand ursprünglich vegan geworden ist, denn da sich derjenige dadurch mit dem Thema beschäftigt, wird er von selbst drauf kommen, wie viele verdammt gute Gründe es dafür gibt.

Es ist natürlich möglich, dass meine Auswahl zu selektiv ist. Zumindest aus meinem subjektivem Empfinden heraus weist die Anzahl und Qualität der in den jüngsten Jahren erschienenen Publikationen durchaus auf einen Trend hin. Immerhin sieht die Nachrichtenagentur dpa das auch so („Weder Eier noch Fleisch – Veganer sein ist in„), die TAZ  ebenfalls ( „Voll-Öko heißt jetzt Veggie“). Und: Die Vegane Gesellschaft Deutschland wurde im November 2010 gegründet.  PETAs „Darum bin ich vegan“ – Kampagne dürfte etwa im Mai 2011 an den Start gegangen sein. Gerade letztere sind mit Sicherheit nicht ganz unschuldig an der zunehmenden Anzahl der Veganer in Deutschland. Die tatsächliche Zahl vegan lebender Deutscher ist dabei gar nicht so einfach herauszufinden, je nach Quelle sind die Angaben sehr unterschiedlich. Laut Nationaler Verzehrstudie (2008) sollen es gerade mal 80 000 sein, in aktuelleren Medienberichten ist allerdings von 700 000 die Rede. Vermutlich ist die Dunkelziffer sehr hoch und die Fluktuation noch höher.

Denkt man an das sich immer mehr erweiternde Angebot veganer Ersatzprodukte im Handel und die zahlreichen vegane Internetversandshops muss es aber definitv einen wachsenden Markt geben. Ich habe mal ein paar angeschrieben und um die Gründungsdaten gebeten. Dies ist jetzt natürlich keine repräsentative Umfrage und wieder eher selektiv. Für einen kleinen Eindruck reicht es aber, denke ich.

Es gibt auch die schöne Bezeichnung „LOHAS- Lifestyle of Health and Sustainability“ für diejenigen, die möglichst gesund und nachhaltig leben wollen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass „die Ökos“ eine ernstzunehmende Zielgruppe geworden sind – bzw. dass ein Gewissen auch mit Konsum einher gehen kann. Einerseits könnte die „grüne“ Entwicklung auch wirklich was bewirken, da sie vom Rand der Gesellschaft in die Mitte drängt und daher Aufmerksamkeit erhält.

Aber so einfach ist es eben nicht. Denn vieles kann nicht so einfach nachhaltig produziert werden (ist ja auch teuer und umständlich). Also wird es trotzdem als solches dargestellt um es verkaufen zu können, auch „Greenwashing“ genannt. Und es kommen Marketingmaßnahmen in Mode, die (zu Recht) zu so verärgerten Reaktionen wie bei dieser Bloggerin hier führen. Wir sind eben auch eine Käuferschicht. Zwar sehr speziell, aber Nischeninteressen bilden ja das Herz des Internets. Kein Wunder, dass man die Konsumenten genau da abholen will. Wichtig ist nur, wie offen man damit umgeht und wie authentisch man dabei bleibt. Abgesehen von solchen Auswüchsen finde ich die Entwicklung an sich durchaus positiv, denn je mehr vegane Produkte es gibt, desto leichter wird es, vegan zu leben. Und desto mehr Veganer gibt es – zumindest theoretisch. Denn wenn man sich beim Supermarkteinkauf nicht mehr durch sämtliche Zutatenlisten kämpft, weil ein Vegan-Label auf dem Produkt klebt (selbiges gilt für Kleidung und Kosmetika) und in der Menükarte eines normalen Restaurants vegane Gerichte vermerkt sind, so dass man den Kellner nicht verrückt machen braucht, dann können Informationskampagnen und Medienberichte auch weit besser greifen. Reine Information reicht nicht, die meisten Leute sehen es ja ein, dass Massentierhaltung Tierquälerei ist und würden mit Sicherheit auch öfter vegane Optionen wählen, wenn sie überall angeboten würden. Praktikabilität ist der Faktor, der die meisten davon abhält, den Schritt wirklich zu gehen.

Gegenwärtig beginnt man seine vegane Laufbahn wegen der eigenen Unsicherheit mit Recherche, Recherche und nochmals Recherche: Warum überhaupt vegan, was hat das mit Bio-Tieren zu tun, bekomme ich alle Nährstoffe auch in einer rein pflanzlichen Ernährung, welche Inhaltsstoffe sind vegan und welche nicht und so weiter. Außerdem muss man ständig voraus planen, kochen lernen und sich den komischen Fragen seiner Umwelt stellen, weil das Wissen über Veganismus im Gegensatz zum inzwischen gesellschaftsfähigen Vegetarismus wenig verbreitet ist. Hört sich ganz schön aufwändig an, stimmts? Kein Wunder, dass es nicht so viele Veganer gibt und so viele On-off-Veggies, die zum Beispiel auf Reisen „nur noch“ Vegetarier sind, denn die Optionen außerhalb der eigenen Küche sind begrenzt. Ganz anders siehts aus, wenn ein Freund oder Familienmitglied einem quasi vorlebt, dass es gar nicht so kompliziert sein muss. Deswegen finde ich jeden Versuch begrüßenswert, auch wenn es jemand nur macht, weil er Fan von Olivia Wilde ist.😀 Denn er wird vegane Schuhe kaufen, am Imbiss-Stand nach Tofu-Würstchen fragen und in vegane Restaurants gehen. Er steigert die Nachfrage, muss sich informieren und wird andere direkt und indirekt beeinflussten selbst ohne einen einzigen Flyer zu verteilen. Von mir aus darf es gern jede Menge Lifestyle – Veganer geben.🙂

Ergänzung:
„Keine Eier, kein Käse – der vegane Hype“ – DW.de 21.04.2014
„Vegan kochen – der Trend wird Mainstream“ – Manager Magazin 05.11.2013

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

32 Kommentare zu „Ist Veganismus ein Trend?“

  1. Ein interessantes Thema greifst du da auf… und da kann man sicher stundenlang drüber diskutieren😉 Ich sehe das ähnlich wie du: Ob Trend oder nicht – Hauptsache ist, dass es der Sache des Veganismus dienlich ist. Allerdings stehe ich der Kommerzialisierung generell kritisch gegenüber, weil da keiner mehr nach dem Grundgedanken fragt. Das gilt aber nicht nur für vegane Produkte…
    Es gibt sicherlich gewaltige Unterschiede zwischen überzeugten und „Trend“-Veganern. Im Grunde ist das kein Problem, schließlich verzichten beide auf Tierprodukte. Allerdings wird es dann kritisch, wenn „Trend“-Veganer ohne wirkliche Argumente auftauchen, die dann bei einem Gesprächspartner als Spinner in Erinnerung bleiben. Oder wenn sie nicht wirklich an einer Verbreitung der veganen Idee interessiert sind, weil sie sich ja nicht mehr von der Masse absetzen können, wenn die Zahl der Veganer steigt. Auf der anderen Seite bietet der „Trend“ eine Möglichkeit, auch Menschen zu gewinnen, die sich nicht (sofort) mit den harten Fakten der Massentierhaltung auseinandersetzen wollen….
    Wie immer, alles hat irgendwie zwei Seiten….

    1. Interessanter Gedanke, Veganer sein um sich von der Masse abzuheben. Als Individualisierungsmerkmal. Das ist dann wirklich oberflächlich. Solche Leute wirds wohl überall geben…

  2. vegan ist überhaupt nicht „in“. oder hast du mal auf „ich bin vegan“ die antwort „wow, ist das cool“ gehört? meistens kommt doch ablehnung aus diversen gründen.
    ich glaube es wird mehr über vegan geredet, als er tatsächlich praktiziert wird.

    1. Hab ich tatsächlich.🙂
      Aber das ist nicht Inhalt meines Beitrags. Ich habe nur meine Beobachtungen zusammengefasst: Nämlich dass es immer mehr Publikationen und mehr Artikel zum Thema gibt. Und dass es auch immer mehr Shops gibt, die sich ziemlich gut über Wasser halten können. Oder um Tobias Graf, Geschäftsführer vom vegetarischen Großhandel AVE aus dem BR-Report zu zitieren: „In den letzten drei Jahren haben wir uns in jedem Jahr um 100 Prozent gesteigert, d.h. verdoppelt in Sachen Bestellaufkommen und Mitarbeiter. Da ist definitiv eine Marktentwicklung zu beobachten, die steil nach oben geht.“ Das fand ich interessant und mich würde interessieren, ob ihr da auch einen Trend seht oder nicht. Denn es kann ja sein, dass es mir nur so vorkommt, weil ich gerade erst auf den Veganismus gestoßen bin.

      1. Aber ganz Unrecht hat Mausflaus nicht. Es schon sein, dass man das Ganze ein wenig überbewertet, wenn man sich selbst so stark damit auseinandersetzt. Für viele Menschen ist vegan schließlich immer noch ein Fremdwort – ganz abgesehen von den Menschen an Fleisch/Milch/Eiern, die tagtäglich konsumiert werden…

      2. Ja, das ist wahr. Wie gesagt, habe ich den Satz zwar schon gehört, aber öfter ablehnende Worte oder sogar angeekelt verzogene Minen gesehen wenn ich von Soja oder Seitan erzählte.

  3. Ich sehe es ähnlich wie Du. Ob es aus Überzeugung, Trend, Gesundheitsbewusstsein, ethischer Überzeugung oder was auch immer startet – es geht erst mal in die richtige Richtung. Außerdem habe ich selbst (an mir) die Erfahrung gemacht, dass sich die Beweggründe auch ändern bzw. mit der Zeit summieren. Und je mehr Leute kein tierischen Produkte mehr essen, umso einfacher wird es für Veganer, vegan zu leben, weil es – wie Du schon geschrieben hast – überall mehr Auswahl gibt.

    1. Genau, am Anfang gibt es nur einen einzigen individuellen Grund aber im Prinzip muss sich ja jeder, der vegan leben will, ziemlich gut informieren und wird dann auf den Rest der Gründe stoßen…

  4. Ich glaube auch das es ein Trend ist. Da ich mich viel mit dem Thema beschäftige, springen mir jedoch auch viele Sendungen und Artikel in’s Auge. Nur wo kommt das oftmals? Auf dritten Programmen, spät und in Regionalzeitungen. Kommt das alles so beim Durchschnittskonsumenten an?

    Für viele bin ich immer noch ein „Missionar“ oder extrem, egal wie vorsichtig ich mich verhalte. Die Realität weicht immer noch gewaltig von meinen Wunschvorstellungen ab🙂 Aber was Fakt ist, das vegane Angebot in den Supermärkten hat sich verbessert! Vor einem Jahr habe ich noch gebloggt, wie gut die Auswahl doch in Holland ist und heute kann ich vieles hier vor der Haustür einkaufen. Da freue ich mich über so viele neue „Trend-Veganer“, die den Händlern gute Umsätze bescheren und mir ein immer besseres Angebot vor Ort🙂 Und irgendwas von dem ganzen „Trend“ bleibt bei den Leuten hängen … hoffe ich.

    1. Vor einem Jahr war also die Auswahl noch nicht so gut? Gerade in den supermärkten ist es auffällig, aber ich kann da selbst nicht mitreden da ich vor einem Jahr noch nicht umgestiegen war. Umso interessanter, das von dir zu hören🙂

      1. Hey Jane,

        ich wäre glücklich, eine so wohl tuende und motivierende😉 BloggerIn wie Dich als Autorin für veggie-blogger-network gewinnen zu können!

        Möchtest Du?

  5. ich bin sei 1,5 monaten vegan, aus ethischen gründen. ich selber habe mir schon öfter anhören müssen das es ja bestimmt nur so n trend für mich ist. das verletzt mich irgendwo, gerade wenn es von freunden kommt. klar habe ich diesen schritt getan , jetzt wo ne menge berichtet wird und nach nem fleischskandal war es ja auch schon oft so das es thema war…

    im grunde gebe ich dir recht, wieso man jetzt vegan ist ist doch relativ egal. den tieren kommt es zu gute nur frage ich mich nach dem durchhaltevermögen. wie oft habe ich auch gehört, ja ich war auch mal „veganer“. jetzt esse ich aber wieder fleisch.. hää? für mich ist bedingungslose tier und menschenliebe der grund der einem immer wieder zeigt wie richtig die entscheidung war vegan zu werden.

    1. Ja, das verletzt aber da du schon 1,5 Jahre dabei bist, und je länger du das machst, desto mehr wirst du ja beweisen, dass es eben mehr ist als nur eine persönliche Modeerscheinung.

      Ich hab bisher nur einmal gehört: „Ich war mal vegan“ und einmal: „wir haben es mal zwei Wochen versucht und haben dann Käse zu sehr vermisst.“😀 In beiden Fällen sind diejenigen aber langjährige Vegetarier. Wie jemand danach nochmal Fleisch essen kann, ist mir unklar.

      1. 1,5 monate :-DD
        den schritt zurück zum vegetarier kann ich ja so grad noch verstehen, aber zurück zu fleisch? neneneenee^^

      2. Dass Leute es dann darauf schieben, dass man trendy sein will, ist wieder nur ein neues – nicht besonders schlüssiges Argument – das eigene schlechte Gewissen zu verbergen. Aber ich kann verstehen, dass dich das verletzt. So würde es mir auch gehen. Es klammert halt alle ernsthaften Gründe aus -.-

  6. Ich finde es auch nicht so wichtig, aus welchem Grund man vegan lebt – hauptsache man tut es. Je länger man sich nämlich damit befasst, desto mehr erfährt man darüber.

    Die Sache mit dem Urlaub, naja, da kann man drüber streiten.
    Wenn man in westlichen Ländern ist, sollte das kein Problem darstellen. Aber in manchen Ländenr könnte das doch problematischer werden.

  7. Es gibt nichts Gutes, außer mal tut es fällt mir dazu ein😀

    Ja, unterwegs finde ich auch schwierig, trotz allerbester Vorbereitung und Nachfragens bin ich doch zweimal reingefallen und hatte Sahnezeuchs in der Soße. Naja, man tut was man kann.

  8. Lange Zeit war vegetarisch leben als neuer Trend „verschrien“… und Vegetarier gibt es nun doch schon einige; zumindest läuft man eher einem Vegetarier per Zufall über den Weg als einem Veganer.

    Würde vegan leben nun auch so ein Lifestyle werden, spräche in meinen Augen nichts dagegen. Auch die Lifestyle-Vegetarier nützen den Tieren, der Umwelt etc., auch wenn sie es nicht aus ethisch motivierten Gründen tun. Und genauso ist es bei einem allfälligen Lifestyle-Veganer: Besser solche Veganer als keine😉

  9. Trend vielleicht, aber das hat sicherlich auch mit einigen Faktoren zu tun, die Du schon in deinem Artikel genannt hast, und zwar Faktoren, mit denen sich auch immer mehr Menschen beschöftigen: Massentierhaltung, Fleischskandale, Umweltprobleme. Andererseits war das auch schon in den 80ern „Trendthema“ und passiert ist nicht viel…

    Trend oder nicht, es hat sich auf jeden Fall eine Menge geändert, seit ich vor fünf Jahren Veganerin wurde. Zum Beispiel habe ich mich dmals entschlossen, meinen Blog auf Englisch zu schreiben, weil ich dachte, in Deutschland würde den eh keiner lesen. Ich finde auch, das hat alles seine Vor- und Nachteile. Wie schon jemand sagte, früher war Vegetarismus auch ein Trend. Als ich Vegetarierin wurde, gab’s für mich nirgends was zu Essen und jetzt hätte ich nirgendwo mehr Probleme. Vielleicht geht es uns Veganer_innen ja irgendwann auch mal so.

  10. Hallo, ich war gerade dabei, Informationen über Veganismus zu sammeln und wurde von Google unter anderem hierher verwiesen. Da ich schon mal hier bin, möchte ich auch nette Grüße hinterlassen. Eine schöne Seite haben Sie hier übrigens.

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