Tiere essen – Jonathan Safran Foer

„It’s always possible to wake someone from sleep, but no amount of noise will wake someone who is pretending to be asleep.“

Neben „Anständig essen“ von Karen Duve hat „Eating Animals“ von J.S. Foer wohl den höchsten Bekanntheitsgrad in dieser Sparte. Wenn ich erkläre, dass mich meine Lektüre auf die Idee gebracht hat, vegan leben zu wollen, dann wird sofort vermutet, dass es sich dabei um dieses Buch gehandelt haben muss. Dabei habe ich mich dem Buch erst später gewidmet, da ich detaillierte Beschreibungen von  Grausamkeiten an Tieren befürchtete – denn das Werk hat den Ruf, selbst Fleischliebhaber bekehren zu können,  glaubt man den Rezensionen im Netz. Tatsächlich war die Vorsicht (fast) unbegründet, denn bei Foers Buch dreht es sich nicht nur um die von ihm zusammengetragenen Fakten, sondern auch um die linguistischen und psychologischen Aspekte bis hin zu philosophischen Implikationen, die das Thema mit sich bringt. Es geht um Traditionen, um Kultur –  und um das Erzählen von  Geschichten. Angefangen bei Foers Großmutter, die ihm schon zu Kinderzeiten zum Essen immer ein paar Lektionen servierte. Welche Nahrungsmittel gesund sind, welche nicht. Wie sie im Krieg überlebte, was Essen damals bedeutete. Nahrung ist nicht einfach nur Nahrung, die reine Notwendigkeit wird überlagert von kulturellem Wissen, von Erziehung und vor allem auch von Emotionen. Großmutters Hühnchen, ein hochgelobtes Familiengericht, bedeutet Liebe und Fürsorge. Es ist nicht in erster Linie ein Tier. Foers Hund George, ein ausgesetzter Welpe, wurde hingegen schnell zum Familienmitglied – und würde nie auf dem Teller landen. Woher kommt diese Unterscheidung? Zumal in anderen Teilen der Welt durchaus Hunde gegessen werden, aber zum Beispiel keine Kühe. Auch halten manche Leute Schweine genau wie Hunde, da sie genauso clever, freundlich und anhänglich sind. Und was unterscheidet Tiere von uns? Was wiederum die Frage aufwirft, was genau einen Menschen ausmacht.

Foer baut einen autobiografischen Rahmen um seine Rechercheergebnisse über Nutztierhaltung in den USA, konzentriert sich dabei nicht nur auf Massentierhaltung (99 Prozent der Gesamthaltung) sondern auch um einige Beispiele alternativer Tierwirtschaft (1 Prozent). Auslöser sei die Geburt seines Sohnes gewesen die seinem vorherigen On-Off-Vegetariertum den neuen Antrieb gab, herauszufinden, was er ihm künftig zu essen geben sollte. Er trägt Daten der UN, des Worldwatch Instituts, des  Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaveränderungen und weiteren Institutionen zusammen um die Auswirkungen des massenhaften Fleischproduktion auf die Umwelt zu eruieren und kommt zu dem Schluss, dass man kein Umweltschützer sein kann ohne sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen – ohne der  Bezeichnung „Umweltschützer“ seinem Sinn zu berauben. (59)

Das Ausmaß der systematischen Grausamkeiten zur Produktionssteigerung hat mich dann doch überrascht, und dabei meine ich nicht einmal die absichtlichen Misshandlungen, die in Schlachtbetrieben dokumentiert wurden. Allein, dass zum Beispiel Geflügel nicht einfach nur aus Platzgründen in riesigen Hallen gehalten werden, sondern dass hier die künstliche Beleuchtung (bzw. das Fehlen derselben) eine wichtige Rolle spielt um den Tieren noch mehr Eier abzuringen. Dazu kommt die genaueste Abstimmung ihrer Nahrung, soll heißen, das periodische (fast schon) Aushungern der Tiere. Krankheiten gehörern dazu – es geht nicht um Gesundheit, es geht darum, wie lange sie auch krank noch weiterlegen können. Logischerweise sind die Hennen nach einem Jahr völlig fertig und können den Soll von bis zu 300 Eiern pro Jahr nicht mehr erfüllen. Also geht’s zum Schlachter. Es gibt neben Foers auch andere Stimmen im Buch, etwa von Aktivisten und von Bauern. Die einen stellen in Frage, die anderen erklären das System. Die Forderung der Leute nach freilaufenden glücklichen Hühnern und nach kleinen Bauernhöfen statt Massentierhaltung ist ehrenwert. Aber es könne die Leute nicht ernähren. Milliarden Menschen können nicht mit Eiern aus Freilandhaltung ernährt werden, erklärt ein Landwirt. Massentierhaltung habe das erst ermöglicht. Klar könne man weniger Fleisch essen. Aber die Leute wollen nicht weniger Fleisch essen. Sie wollen billige Produkte und beschweren sich dann über die Umstände, unter denen ihr Wunsch erfüllt wird, lautet seine Argumentation. Und eine Aktivistin formuliert: Den Menschen seien Tiere nicht egal. Sie wollen nur nicht dafür zahlen und nichts davon wissen. Tiere in Massentierhaltung haben Knochenfrakturen – wegen Stress. Sie sehen nie die Sonne, sind dicht an dicht gepackt und können ihrem eigenen Kot nicht entkommen. Ihre Nägel wachsen um den Käfigdraht herum. Sie erleben ihre eigene Schlachtung bewusst mit. Das ist falsch. Die Leute wüssten, dass das falsch ist. Sie wolle die Menschen nicht von ihren Prinzipien überzeugen. Sie wolle sie von ihren eigenen überzeugen. (114)

Meine erste Begegnung mit einem Bio-Schwein. Erst entspannte es sich im Schatten, dann bemerkte es meine Gegenwart und kam neugierig angelaufen, steckte sogar seine Nase durch den Zaun.
Meine erste Begegnung mit einem Bio-Schwein. Erst entspannte es sich im Schatten, dann bemerkte es meine Gegenwart und kam neugierig angelaufen, steckte sogar seine Nase durch den Zaun.

Nichts wissen und verdrängen – wie ein Versteckspiel. Wer sich am besten verstecken kann, gewinnt. Alles passiert hinter hohen Mauern, die Hallen sind abgeschlossen und bewacht, ebenso wie Schlachthäuser. Ganz ehrlich, da will auch keiner freiwillig gern reinsehen. Und was am Ende da herauskommt, bietet kein visuelle Verbindung zu dem, was es mal gewesen ist. Schöne, runde Wurstscheiben. Grausamkeit bevorzugt die Abstraktion.

Ein besonders interessantes Kapitel ist das über Pandemien, prominentes Beispiel ist die Spanische Grippe von 1918 – eine unglaublich tödliche Influenza, die sich (entgegen ihrer Bezeichnung) auf der ganzen Welt ausbreitete und vor allem gesunde Menschen im besten Alter befiel, nicht wie gewöhnlich Kinder, Ältere und Geschwächte. Und laut der Weltgesundheitsorganisation wird die nächste Pandemie kommen – sie sei fast schon überfällig (125). „Alle Länder werden betroffen sein. Es wird zahlreiche Tote geben. Medizinische Versorgung wird nicht ausreichend sein.“ (Kann man in diesem Statement der WHO auch online nachlesen!) Es geht hier um den berühmten H5N1-Virus bzw. alle Formen der Schweine-, Vogel- und weiteren Grippevirusmutationen, die uns bevorstehen. Und dreimal darf man raten, woher diese Mutationen kommen. Massentierhaltung sorgt für großartige Bedingungen für die Entwicklung von Krankheiten. Neben Deformitäten, Blindheit, bakterieller Infektionen von Knochen, Anämie (und vielen weiteren Krankheiten, siehe vierzeilige Aufzählung auf Seite 131) sind 95 Prozent der Hühner in Massentierhaltung mit E-coli infiziert (was daran liegt, dass sie in ihren Fäkalien stehen müssen), und wenn sie im Laden liegen, sind immernoch 39-75 Prozent kontaminiert (deswegen immer richtig erhitzen und schön das Schneidebrett waschen) (ibid.). Acht Prozent sind mit Salmonellen infiziert. 70-90 Prozent mit Camylobacter. Wieso merkt das keiner? Es hat durchaus Folgen, nur bleiben sie unerkannt. Der berühmte 24-Stunden-Virus oder eine Nacht lang Durchfall könnten darauf zurückgeführt werden, wäre die Ursache wegen der Inkubationszeit nicht sp schwierig nachweisbar. Bewiesen ist aber beispielsweise, dass der primäre Vorfahre des H1N1 -Schweinegrippe-Virus aus einer Schweinefarm in North Carolina stammt. In solchen Farmen wird das Vermischen der Virusgene von Schweinen, Vögeln und Menschen in hohem Maße begünstigt (142).

Massentierhaltung wird sich selbst abschaffen, stellt Foer klar. Denn sie ist nicht nachhaltig, sie beraubt sich in extremen Maße selbst ihrer Ressourcen und ist daher nicht zukunftsfähig. Die Erde werde das System Massentierhaltung abschütteln wie ein Hund seine Fliegen, schreibt er. Die Frage sei nur, ob wir mit abgeschüttelt werden. „If nothing matters, there is nothing to save.“

Das Buch ist auch in Deutsch erhältlich!

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

8 Kommentare zu „Tiere essen – Jonathan Safran Foer“

  1. Ein tolles Buch – ich kann es nur empfehlen. Ich finde, es eignet sich auch für „Einsteiger“, weil es den Leser da abholt, wo der Autor selbst gestartet ist, nämlich als Fleischesser, der sich über die Konsequenzen seines Konsums nicht bewusst ist bzw. bewusst sein will. Das Original in englischer Sprache lässt sich gut lesen. Ich würde es wohl der deutschen Version vorziehen….

    1. Jupp, wer kann, nimmnt die englische Versionm mache ich auch immer so, nicht nur bei Filmen ist es im Original einfach besser. Außerdem sind die englischen Bücher meist etwas preiswerter😀

  2. hallo jane,
    das buch hat mich veganisiert und meinen papa mit 51 (!) vegetarisiert🙂 ich glaube ich bin mr. foer dafür auf immer dankbar🙂
    und du hast eine tolle rezension geschrieben- vielen dank dir dafür!
    liebe grüße,
    die claudi

  3. Eine schöne Rezension. Eating Animals ist mein klarer Favorit unter den Veggie-Büchern, eben weil Foer erkennt, dass das zentrale Problem in der Unwissenheit der Menschen liegt und sein Buch genau darauf ausrichtet.

    „Die Menschen von ihren eigenen Prinzipien überzeugen“ fasst es perfekt zusammen.

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