Fleisch aus dem Reagenzglas: Ist In-Vitro-Fleisch die Lösung?

Durch die Diskussion auf „Deutschland is(s)t vegan“ bin ich auf das Video zu In-Vitro-Fleisch gestoßen. Ich hatte noch nie etwas davon gehört und wusste erstmal nicht, wie ich auf die Frage: „Will man sowas essen?“ antworten würde. Ich habe das Video „Meat the Future“ gleich mal bei Facebook gepostet und in den Kommentaren hieß es unter anderem, wenn es genau wie Fleisch schmeckt, würde man es auch essen, wieso nicht?

Meat The Future from Beckmans College of Design on Vimeo.

Den Tieren wird angeblich schmerzfrei ein paar Zellen entnommen und in einer Nährlösung werden die Zellen zum Nachwachsen angeregt. Dabei wollen die Forscher ein „möglichst natürliches Produkt“ herstellen, also ohne Gentechnik, obwohl das die Entwicklung beschleunigen könnte. Künftig könne man sogar komplett auf tierische Produkte bei der Herstellung verzichten und eine künstliches Serum nutzen. Allerdings ist das künstliche Fleisch sehr infektionsanfällig, die Technik ist noch nicht soweit. Derzeit würde ein Happen 60 000 Euro kosten. Mit ein paar Investitionen könnte aber schon in 5 Jahren schon in Wurst und Hack erstes Kunstfleisch mitverarbeitet werden und in zehn, zwanzig Jahren schon ein richtiges Steak. (Quelle).

Die bisherigen Fleischerzeugnisse seien nicht besonders appetitlich anzusehen, es fehle an der Möglichkeit, eine Art künstliche Durchblutung hinzuzufügen (Quelle). Wir sind also noch weit entfernt von der Möglichkeit, künstliche Koteletts im Supermarkt kaufen zu können. Ich finde die Idee des In-Vitro-Fleisches um Welten besser als die von Adam Shriver, der lieber schmerzbefreite Tiere gezüchtet haben will (Wie kurzsichtig kann man sein?? Lass uns doch einfach Zombietiere zum Essen bauen, oder wie?). Letztlich ist das Kunstfleisch wohl wirklich nicht schlimmer als so manches Fertiggericht. Und natürlich wärs gut fürs Klima, die Umwelt, den Welthunger und die Tiere. Schließlich würden weniger Ressourcen verbraucht, weniger Wasser verschmutzt, Methangas und Gülle würde auch wegfallen.

Ich fänds trotzdem schöner, wenn die Menschen erkennen würden, dass sie gar kein Fleisch essen müssen. Doch seien wir ehrlich, es mag zwar sein, dass die Menschheit früher oder später vernünftig wird und aus gesundheitlichen und ökologischen Gründen (und hoffentlich auch aus ethisch-moralischen Schlussfolgerungen) zur pflanzlichen Ernährung tendiert, denn die Massentierhaltung ist so ressourcenraubend, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Aber wahrscheinlich wird es immer völlig unbeirrte Fleischliebhaber geben. Es gibt ja auch immernoch Raucher, obwohl Vernunft und die Gesundheit eindeutig dagegen sprechen. Für die, die unter keinen Umständen verzichten wollen, wäre In-Vitro-Fleisch vielleicht wirklich die Lösung. Bestimmt keine wesentlich gesündere, da die normalerweise im Fleisch enthaltenen Vitamine und Mineralien ja künstlich hinzuaddiert werden müssen. Außerdem könne der Einsatz von Hormonen zur Anregung des Stammzellenwachstums gesundheitlich problematisch sein. (Quelle) Überhaupt wissen wir nicht, welche Auswirkungen der Verzehr von solchem Fleisch haben kann. Aus dem gleichen Grund scheuen wir ja von genmanipulierten Produkten zurück. Deshalb ist es auch nicht sinnvoll, diese Frage ausgerechnet Vegetariern oder Veganern zu stellen. Erstens sind sie ja der lebende Beweis dafür, dass man ohne Fleisch bestens auskommt. Und zweitens haben sie sowieso eine erhöhte Sensibilität für ihre Nahrungsmittel entwickelt und sind meist an möglichst gesunden und natürlichen Produkten interessiert. Und drittens ist auch In-Vitro-Fleisch letztlich ein Tierprodukt, das mit Serum aus Tierblut hergestellt wird. (Quelle)

Eine von der Europäischen Union in Auftrag gegebene Studie habe gezeigt, dass 54 Prozent der Europäer das In-vitro Fleisch komplett ablehnen würden und sogar ganze 94 Prozent diesem skeptisch gegenüberstehen (Quelle). Das ist wahrscheinlich eher normal, weil es ungewohnt ist, sich sowas vorzustellen, auch wenn die Hälfte unserer Lebensmittelzusatzstoffe auch bloß aus dem Labor kommen. Ich könnte mir vorstellen, dass bei genug Information und einem zunehmenden Bewusstsein für die ethischen Aspekte die Akzeptanz steigen würde. Denn wie gesagt, die meisten haben Angst davor ihre Gewohnheiten zu ändern, egal wie gut die Gründe sind, die dagegen sprechen. Und so könnten sie weiterleben wie bisher – und die Tiere würden endlich in Ruhe gelassen. Endlich hätten die schönen, runden Wurstscheiben im Supermarkt wirklich nichts mehr mit einem leidenden Tier zu tun. Insofern müsste es gerade im Interesse von Veganern und Vegetariern liegen, diese Entwicklung zu unterstützen. Eigentlich ist es eine sehr menschliche Art, eine Lösung für ein Problem zu finden. Anstatt an die Wurzel des Problems zu gehen und sich auf pflanzlich umzustellen, erfindet man lieber etwas künstliches, nur damit keiner seine Denk-und Lebensweise ändern muss. Aber das wäre ja auch zu viel verlangt…

Weiterlesen:

Kultiviertes Fleisch – www.futurefood.org

Fleisch aus der Retorte – ZDF.de

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

9 Kommentare zu „Fleisch aus dem Reagenzglas: Ist In-Vitro-Fleisch die Lösung?“

  1. Irgendwie ist das wieder typisch mit dem In-Vitro-Fleisch. Es soll der Marotte des Menschen dienen, auf einmal erreichten „Luxus“ – wie Fleisch eines ist – nie mehr verzichten zu müssen. Anstatt sich grundsätzliche Gedanken zu diesem Thema zu machen, wird eine technische Lösung hervorgebracht, von der – wie so oft – die langfristigen Folgen und die Probleme, die evtl. auftreten könnten, überhaupt nicht absehbar sind.
    Abgesehen davon, dass mich die Vorstellung von Fleisch aus dem Reagenzglas irgendwie abstößt, halte ich es also für wenig intelligent, solches In-Vitro-Fleisch zu erforschen. Die Wissenschaftler sollten ihre Energie in die wirklichen Probleme stecken, statt sich damit zu beschäftigen, wie ein Problem (die Massentierhaltung) möglichst komfortabel beseitigt werden kann. Schließlich ist der Verzicht (zumindest theoretisch) die viel einfachere Lösung.
    Es ist einfach an der Zeit, dass die Menschen verstehen, dass technischer Fortschritt nicht alle Probleme löst, sondern meist nur neue schafft. Das gilt nicht nur für den Fleischkonsum, sondern z.B. auch für die Landwirtschaft oder den Umweltschutz.

    1. Das ist ein wichtiger Punkt. Auch In-Vitro wird Probleme schaffen, die dann irgendwie behoben werden müssen. Verzicht wäre einfacher, aber welche Industrienation würde das durchziehen? Es wären massive Marketing- und Werbemaßnahmen notwendig, damit Fleisch „out“ würde, ähnlich wie Rauchen. Nicht unvorstellbar, aber leider gehts nur um den profitabelsten Weg, nicht um den nachhaltigsten.

  2. @Schlachtreif: Mal abgesehen von der Frage, ob In-Vitro-Fleisch wirklich ein Schritt in die richtige Richtung ist: Ich finde es z. T. bedenklich, wenn selbst die Suche nach technischen Lösungen für Probleme plötzlich grundsätzlich als bedenkliche Entwicklung hingestellt wird. Sicher wäre ein „Verzicht“ (sofern es denn einer ist) in diesem Fall eine einfache Lösung – allerdings funktioniert diese Einsicht offenbar nicht generell, nicht global, nicht schnell…also suchen wir nach Alternativen.
    Menschen forschen – seit jeher. Aber wer will entscheiden, ob und welche Forschung gerechtfertigt ist? Ist Stammzellenforschung notwendig? Darf Atomenergie weiter erforscht werden? Kostet die Raumfahrt nicht mehr Ressourcen, als sie Erkenntnisse bringt? Ich will nicht sagen, dass alles erlaubt sein sollte, aber die Aussage, dass Technologie „meist“ nur neue Probleme schafft, halte ich für ziemlich daneben. Je komplexer eine Fragestellung, desto weniger eindeutige, allgemeingültige und für alle akzeptable Lösungen wird es geben. Ja, das ist sehr menschlich.

  3. Ich muss Fr. Wunderlich da zustimmen – neue Dinge per se abzulehnen und als gefährlich einzustufen ist sehr typisch.
    Dass technischer Fortschritt generell neue Probleme schafft ist im Übrigen auch einfach falsch und extrem pessimistisch.
    War Rock’n’Roll früher nicht auch total ungesund? Und Zugfahren sollte einen auch sehr schädigen. Abgesehen von den Reaktionen auf den ersten Kinofilm.
    Prinzipiell finde ich es gut, dass nach einer neuen Lösung gesucht wird, weil es eben, wie im Video gesagt wird, völlig utopisch ist, dass die Menschheit auf Fleisch und tierische Produkte verzichten wird.
    Im Übrigen glaube ich nicht, dass vieles, was wir essen, sonderlich anders ist, als Pseudofleisch. Diese ganzen Fertigprodukte, wo kommen die her? Letztendlich doch auch nur aus dem Labor.
    Ob ich das Fleisch probieren werde, weiß ich nicht. Ich hab mir Fleischgelüste abgewöhnt und sehe Fleisch nicht mehr als Lebensmittel oder als lebensnotwendig an. Wenn ich aber Fleisch essen würde, würde ich es bestimmt zumindest mal probieren.

  4. Ich lehne technischen Fortschritt und „Neues“ auch nicht generell ab. Der letzte Abschnitt war da vielleicht ein bisschen zu harsch formuliert. Vielmehr geht es um Sinnhaftigkeit und auch um ein gewisses Maß.
    Ich finde, dass z.B. bei dem Thema Fleischkonsum eine technische Lösung erstmal unnötig ist, weil es einen viel einfacheren Weg gäbe. Und dass es drängendere Fragen gibt, um die sich die Forschung kümmern sollte. Der „technische Weg“ allein kann meiner Meinung nach solche Probleme (und auch andere Zukunftsfragen der Menschheit, wie Ressourcenknappheit und Klimawandel) nicht lösen. Es bedarf auch und vielleicht noch mehr einer kulturellen Veränderung. Darauf wollte ich hinaus.

  5. hallo ich denke da bin ich genauso gespalten wie meine meinung zu Stammzelleneinlagerung ist. Ich denke aber wie die meisten sollte man solch einschneidende Entscheidungen nicht nur den wissenschaftlichen Laboren überlassen, sondern auch gesellschaftlichen dialog betreiben, um sich so zu einer Meinung, bzw. zu Einer Etscheidung für oder wieder diese künstlichen Eingriffe in den Kreislauf unseres „natürlichen“ Daseins.

    UNter anderem die oben genannten Dinge (Film/Eisenbahn) haben immerhin unsere Natur und uns als menschen verändert – das beispiel rocknroll würde ich eher nicht gelten lassen..

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