Die Fleischmafia – Adrian Peter

Wem der Appetit noch nicht vergangen ist, nachdem er über das Züchten, Halten und Schlachten der sog. Nutztiere gelesen hat, der dürfte spätestens beim letzten Teil der Produktionskette ein bißchen grün im Gesicht werden. Genauso grün wie das untergemischte, faulige Fleisch in unseren Supermärkten. Im Zuge des Gammelfleischskandals von 2005 hatte Buchautor und ARD-Redakteur Adrian Peter umfassend zu den Verhältnissen in der deutschen Fleischindustrie recherchiert. Wie der Titel „Die Fleischmafia“ schon vermuten lässt, geht es hier um Machenschaften, die sich durchaus als „kriminell“ bezeichnen lassen. Der Autor ist selbst bekennender Fleischliebhaber: „ich wüsste kaum ein hochwertigeres Lebensmittel“, heißt es gleich auf der ersten Seite. Auch sehe er selbst angesichts seiner Rechercheergebnisse „keinen Anlass zur Panik“, da zumeist keine schwerwiegenden gesundheitlichen Folgen zu erwarten sind, auch wenn man als Normalverbaucher unwissentlich teilweise vergammeltes Fleisch verzehrt hat. Trotzdem habe der Verbraucher ein Recht darauf, dass die Produkte in Ordnung sind und nicht jedes dritte beanstandungswürdig (14). Auch dem Mindesthaltbarkeitsdatum sollte er vertrauen können, dabei erreichten über die Hälfte der Proben in einer Untersuchung des niedersächsichen Landesuntersuchungsamtes von 2004 nicht das angegebene Datum. Neben den gesundheitlichen Aspekten sind es aber vor allem die „mafiösen Strukturen“ in der Fleischbranche, die besonders überraschen: „Große Fleischfirmen entlassen zu Tausenden deutsche Mitarbeiter. Sie werden durch Rumänen, Ungan oder Letten ersetzt, die oft unter erbärmlichen Bedingungen arbeiten und ausgebeutet werden.“  Alles auf der Basis von EU-Regelungen, die zwar gut gemeint, aber leicht missbraucht werden können, wenn man es darauf anlegt. „Die Fleischbranche (…) ist in einem Maße für Kriminalität anfällig, wie mn es sonst nur aus dem Rotlichtmilieu kennt“ schreibt Peter und in der Tat kann er Paralllelen offenlegen: sei es das Handeln und Ausbeuten von Menschen, über Betrug, Dokumentenfälschungen bis hin zu Körperverletzung. „Von Arbeitern, die zwischen 12 und 18 Stunden täglich bei Stundenlöhnen zwischen 1,50 Euro und 4 Euro schuften und die häufig in verwahrlosten Unterkünften hausen müssen, kann man kaum erwarten, dass sie sich mit (…) dem Produkt identifizieren.“ Man darf davon ausgehen, dass es den  Arbeitern ziemlich egal ist, wenn mal etwas auf dem Boden gelandet ist, oder etwas in die Wurstmaschine fällt. Zumal sie nicht ausreichend über Hygiene in Lebensmittelbetrieben geschult werden, ihre Arbeitskleidung nicht – wie vorgeschrieben – täglich wechseln (sofern sie überhaupt ausreichend davon zur Verfügung gestellt bekommen) oder sogar ihr eigenes Werkzeug mitbringen müssen. Billige Arbeitskräfte würden zudem auch gern aus Haftanstalten bezogen (127 ff).

Eine Folge, die für den Autor nicht relevant scheint, aber die für mich greifbar im Raum steht: Unterbezahlte Arbeiter, die unter derart unzumutbaren Lebens-und Arbeitsbedingungen leiden, identifizieren sich nicht nur nicht mit dem Produkt. Mit ziemlicher Sicherheit ist ihnen auch das Tier selbst gleichgültig. Ob es auf angemessene Weise geschlachtet wird, ob es ausreichend betäubt ist oder nicht. Im schlimmsten Fall steht die Frage, wo solche geschundenen Arbeiter ihren täglichen Frust auslassen…

Auch wenn das Buch tiefe Einblicke in den Produktionsprozess gibt, der solche Überlegungen hervorbringen kann, geht es hier nicht um Tierrechte oder ethische Fragen, sondern um die 2005er Skandale  der Fleischriesen etwa Westfleisch, Tönnies und des Stöver-Konzerns. Es ist von Umverpackungen von grünlichem Retour-Fleisch die Rede, das mit neuem Mindesthaltbarkeitsdatum neu ausgeliefert wird. Von verdorbene Wurstscheiben, die zwischen die frischen drapiert werden. Von „Tillmanns Paprika Steaks“, die im Juli 2004 produziert wurden und über Zwischenlagerung, Transport, Retour das beeindruckende Haltbarkeitsdatum des 20.06.2005 erhalten konnten. (64).

Keine ausreichende Begründung für den Billigfleischwahn ist übrigens die hohe Nachfrage der Deutschen nach Fleisch. Es werde hierzulande eine Überkapazität von 30 Prozent produziert: „Anders als in Dänemark oder den Niederlanden konnten sich die deutschen Fleischproduzenten nicht auf einen Abbau der Überkapazitäten und eine Stabilisierung der Preise einigen. Die Folge ist ein ruinöser Wettbewerb unter den Fleischkonzernen, der zu einem verheerenden Preisverfall bei Fleisch geführt hat.“ (95) Es geht um viel Geld und es geht ums Überleben: In der Fleischindustrie hat nur der eine Chance, der expandiert und dabei die Kosten drastisch reduziert. Es werde gespart, an den Löhnen, an der Ausrüstung – und am Produkt selbst. So werden Schlachtabfälle, wie Stichfleisch (das mit Blutergüssen verunreinigte Fleisch um die Abstichwunde herum) untergemischt (148). In Brühfleisch ist dies zum Beispiel nicht mehr nachweisbar (152). Mit Wasser und sogenanntem Scherbenplasma (aus Blut gewonnenem Eiweiß) werden Fleischprodukte gestreckt – dies ist gängige Praxis und ebenfalls im Endprodukt nicht mehr feststellbar. Separatorenfleisch sind Knochenreste, die in einen Zylinder gepackt und durch ein Sieb gepresst werden, wobei auch ein guter Teil des Knochens selbst abgeschürft wird: „Die schreiben dann halt auf die Packung Calcium, dann klingt das noch richtig gesund, dabei handelt es sich letztlich um schlichtes Knochenmehl“, wird ein Fleischermeister zitiert. Rindfleischfilet wird mit chemischen Enzymen schön zart gemacht. Und noch mehr: „Leuchtende Augen bekämen manche Produzenten, wenn in irgendeinem Bezirk auf ihrem Hof die Schweinepest ausbräche„. Dann gebe es nämlich ordentlich Geld vom Staat, da sämtliche Tiere gekeult werden müssen. Daraus werden dann Konserven gemacht, denn sterilisiert bei 118-121 Grad Celsius seien sie „praktisch keimfrei und können später als Dosenwurst verkauft werden“. (154ff) Guten Appetit, sag ich da nur!

Eine Lösung für diese erschreckenden Zustände sieht der Autor, die – wie er ausdrücklich betont – nicht nur einzelne „schwarze Schafe“ betreffen sondern weit verbreitet sind, weniger in politischen Maßnahmen. Er setzt seine Hoffnung eher in die Macht der Verbraucher als „wirksamste Waffe gegen den Gammel“. Dafür müsste dieser aber erstmal besser Bescheid wissen. Mehr Transparenz und besserer Informantenschutz wären hier angebracht. Aber letztlich ist es mit dem Gammelfleischskandal wie mit allen anderen: sie sorgen kurze Zeit für einen riesigen Medienwirbel, die Politiker sind empört und bringen Gesetze auf den Weg, die aber an den grundsätzlichen Strukturen nichts ändern. Ein paar Köpfe rollen zwar, aber es gibt immer einen Nachfolger. Geldstrafen schockieren die umsatzstarke Fleischindustrie nicht wirklich. Und nach ein paar Wochen gibt es ein neues Aufregerthema für die Titelseiten…

Um zu erkennen, dass es seit Erscheinen des Buches keine Verbesserung der Zustände gegeben hat, muss man nicht lange suchen:

Gammelfleisch und kein Ende? Eine kleine, aber unendliche Chronologie  – DokZentrum

Billiger schlachten – Der Tagesspiegel 16.11.2010

Schlachthöfe – Letzte Reise über die Grenze Süddeutsche 22.07.2009

Ruinöser Wettbewerb: Wie das Lohngefüge in Deutschland erodiert – dradio, 2008

Angst um den Arbeitsplatz – Das Geschäft mit Billigarbeitern aus Osteuropa – ZDF 2008

Und wer lieber schaut als liest, hier die Reportage zum Buch als Video: Die Fleischmafia – Eins Extra

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

7 Kommentare zu „Die Fleischmafia – Adrian Peter“

  1. Tja, immer wieder der Glaube an die Macht des mündigen Verbrauchers. Schön wärs! Eventuell kann der Verbraucher mal einen Hersteller abstrafen, nur gegen mafiöse Strukturen kommt man an der Supermarktkasse nicht an. Wieso glaubt der Autor eigentlich, dass der Gesetzgeber da nichts machen soll?

    1. Oh doch, der Gesetzgeber soll da schon was machen und er tut es ja auch, die gesetzliche Grundlage – zum Teil! – durchaus durchdacht worden und gut eingerichtet. Es sind ja auch ein paar Köpfe gerollt wegen dieser Machenschaften. Nur fehlt es an vernünftigen Kontrollen (keine Selbstkontrollen!) und je nach Bundesland auch an genügend Personal. Der Autor ist der Meinung, dass die Macht des Verbrauchers die wichtigste Waffe sei, aber natürlich nicht die einzige.

  2. Der Verbraucher ist doch leider das dümmste Glied in der gesamten Kette (mit Absicht überzogen). Alles um ihn rum ist doch ausgerichtet, dass er möglichst viel konsumiert, ohne Hintergründe zu erfragen. Sind Hintergründe bekannt werden sie totgeschwiegen oder verblassen einfach weil es ja viel ‚größere‘ Probleme gibt wie zB die so genannte ‚Krise‘, die seit wahrscheinlich Jahrzenten in den Medien spukt. Also wenn es nach dem Verbraucher geht, warum haben wir dann so viele zweifelhafte Zustände in verschiedensten Industrien (Kaffee, Kleidung, Schuhe, Öl, Nahrungsmittel, Tiere, Regenwälder)? Ich glaube einfach nicht mehr an den „Verbraucher“, weil er eben nur verbrauchen und nicht – was oftmals wichtiger wäre – verzichten soll.

    1. Wir müssen aber an den Verbraucher glauben, weil er als einziger eine Veränderung bewirken kann. Die Politik wird gegen Wirtschaftsunternehmen immer nur dann aktiv wenn das Eingreifen mehr Wählerstimmen bringt als das Nicht-Eingreifen.

      Dass sich das Verhalten aller Menschen von heute auf morgen grundlegend ändert kann man nicht erwarten – aber das heißt auch nicht, dass gar nichts passiert. Einigen fällt es leicht, alte Überzeugungen abzulegen, wenn sie feststellen, dass sie womöglich falsch gelegen haben (mir zum Beispiel). Anderen fällt es unglaublich schwer. Das war schon immer so, bedeutet aber nur, dass Revolutionen, die das Denken und Handeln der Gesellschaft als Ganzes betreffen, Zeit brauchen. Nicht, dass sie nicht stattfinden können.

      1. Der erste Absatz führt ja die Politik ad absurdum, schließlich ist sie doch eigentlich dafür da, die Geschicke des Landes zu lenken. So wird z.B. auch im Namen des Volkes für eine Euro-Rettung gekämpft, obwohl eine Mehrheit der Bevölkerung anders denkt (mir war jedenfalls so). Dass unsere Verbraucherschützer nur ein billiges Abbild ihres Titels darstellen ist natürlich ein anderes Problem. Hier müsste jedenfalls mal einegriffen werden…

      2. Zum 2. Teil hoffe ich, dass du richtig liegst. Mir scheint leider so, als ob in unserer „Über“medialen Welt viele Dinge einfach untergehen. So glaube ich, dass etwas wie Occupy in einem Jahr keinen Menschen mehr interessiert, weitere Initiativen werden wohl auch am gesellschaftlichen Trott scheitern. Das ist wie bei BSE. Alle rennen dann an die Schweinetheke, bis die Schweinepest kommt. Dann rennen alle an die Geflügeltheke, bis Dioxin, antibiotikaresistente Keime und Sars kommen. Dann rennen sie wieder zu Punkt a. Schlussfolgerungen im Gesamten (liebe Frau Aigner) habe ich leider nicht erkennen können.

      3. „Der erste Absatz führt ja die Politik ad absurdum, schließlich ist sie doch eigentlich dafür da, die Geschicke des Landes zu lenken.“

        Nein, die Politik führt sich selbst ad absurdum. Das ist aber nicht verwunderlich, denn sie ist von Menschen gemacht, und deshalb hat sie die gleichen Schwächen wie der Mensch🙂

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