Wie ich verlernte, Tiere zu essen – Marsili Cronberg

Auf Marsili Cronberg stieß ich ganz unbewusst als ich den Artikel „Veganer sind auch nur Menschen“ in den Weiten des Netzes fand (Abkürzung hier). Das Buch holte ich mir später wegen der begeisterten Rezensionen, nur um erstaunt festzustellen, dass darin eben dieser Artikel zu finden ist. Hier schrieb Cronberg aus der Perspektive eines unbedarften und fleischliebenden Bürgers, der wunderbar naiv und ein bißchen trotzig die Prämissen der Fleischindustrie recherchiert, weil ihm die ganzen Tierrechtlereien auf den Keks gehen. In seinem Buch, eigentlich eine Sammlung aus Blogbeiträgen und Kolumnen, geht er einen Schritt weiter und spielt mit unterschiedlichen Perspektiven und Zeitsprüngen. Das macht es umso lesenswerter und äußerst unterhaltsam, gleichzeitig hält man eine sehr durchdachte Lektüre in den Händen. Manche Kapitel möchte man kopieren und als Flugblätter verteilen, weil sie auf ungewohnte und deshalb umso treffendere Weise Sachverhalte darstellen, die einem normalerweise kaum bewusst sind. Cronberg entwirft kapitelweise gar ein zukunftsfernes Utopia. Eine Retrosperspektive aus dem Jahr 2200: Bereits um 2052 fand ein Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft wie wir sie kennen statt. Der Niedergang geschah im Zusammenhang des veränderten Verhältnisses zwischen Mensch und Tier in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts: Tierhaltung wurde zu mechanisierter Massentierhaltung hinter hohen Mauern, die Entfremdung nahm immer mehr zu, es wurde allgemein angenommen, akzeptiert und durch gezielte Desinformation verstärkt, dass Tiere nicht fühlen und ausschließlich der Ernährung des Menschen dienen, der ohne tierische Produkte nicht überleben könne. Besonders mochte ich das Kapitel mit dem fiktiven Interview mit einem Überläufer eines großen Lebensmittelkonzerns, der einer Enthüllungsplattform mit dem sinnigen Namen „Wordleaks“ in eben dieser Zukunft erzählt wie einfach es ist, die öffentliche Meinung zu manipulieren.

Zumeist interessiert man sich keinen Deut für die ferne Zukunft, bis man bei der Geburt des eigenen Kindes damit konfrontiert wird und lernt, über sich selbst hinaus zu denken. Ähnlich wie bei Jonathan Safran Foer waren seine beiden Töchter der Auslöser, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Und Kinder stellen Fragen. Ganz andere Fragen als man sie als Erwachsener gewohnt ist. Fragen, die einen zwingen, über Vorgänge ganz neu nachzudenken um sie erklären zu können, auf ganz einfache Weise. Eine Kunst, die Cronberg zweifelsfrei besitzt. So kann er die Argumente für den Fleischkonsum geradezu im Vorbeigehen entkräften – eins nach dem anderen. Es wird ein eindringlicher Appell, den eigenen Verstand einzusetzen und nicht gewinngesteuerten Unternehmen, ja nicht einmal der Politik, das Denken zu überlassen. Für diese gehts immer nur vorwärts, aufwärts – auf der Strecke bleiben nicht nur Lebewesen wie Kuh, Schwein und schöne alte Bäume – sondern auch wir. Der Konsument ist der Dumme – weil er es zulässt. Alles wegschiebt, das Denken abgibt. Und irgendwann wird Schluss sein. Die Luft wird zu dünn um zu atmen, die Ressourcen aufgebraucht, Müllberge statt blühender Landschaften. Für Cronberg sind Tierrechtler keine radikalen Irren, sondern Vordenker. Und er träumt davon, dass alle Tierschützer, Vegetarier, Veganer und heimliche Mitdenker gemeinsam eine Veränderung bewirken, statt sich gegenseitig zu schwächen. Einen neutralen Standpunkt zu dem Thema einzunehmen gelingt Cronberg nicht, dafür ist seine Begeisterung spürbar, wenn auch oft in allzu blumig-pathetischen Worten. Insofern ist das Buch weniger für die Durchschnittsleserschaft geeignet, als für jene, die bereits im Thema stecken.

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

8 Kommentare zu „Wie ich verlernte, Tiere zu essen – Marsili Cronberg“

  1. „Tierhaltung wurde zu mechanisierter Massentierhaltung hinter hohen Mauern, die Entfremdung nahm immer mehr zu, es wurde allgemein angenommen, akzeptiert und durch gezielte Desinformation verstärkt, dass Tiere nicht fühlen und ausschließlich der Ernährung des Menschen dienen, der ohne tierische Produkte nicht überleben könne.“

    … ich sehe nicht so ganz, wie das eine Zukunftsvision aus dem Jahr 2052 sein soll. Genau so ist es doch heute schon.

    Klingt aber insgesamt interessant! Ich frage mich ja immer noch, ob es tatsächlich immer mehr solcher Bücher gibt oder ob das bloß an meiner veränderten Wahrnehmung bzw. größeren Aufmerksamkeit liegt.

    1. Jonathan Safran Foer war letztes Jahr, Karen Duve und Cronberg sind von 2011. Man könnte tatsächlich vermuten, dass hier ein Trend ensteht.

  2. Wie gut – das Buch lese ich auch gerade und ich hatte dieselbe Idee wie du, nämlich eine persönliche Rezension auf meinem Blog. Bin aber noch nicht ganz durch. Bisher kann ich aber unterschreiben, was du sagst. Es ist sehr angenehm und treffend geschrieben. Man kann den Argumenten, so freundlich und leicht verdaulich sie auch beschrieben sind, nicht entgehen😉

  3. Liebe Jane, ich hatte mir das Buch aufgrund Deiner Rezension gekauft, und es hat mir wirklich gut gefallen. Vielleicht nicht jede Seite, aber insgesamt hat er eine andere Seite beleuchtet. Den Anfang hatte ich in der U-Bahn gelesen – und einige Blicke geerntet, als ich loslachen musste (Thema: Arztkosten, an der Karotte verschluckt). Und auch anschließend musste ich noch ab und zu schmunzeln. Und ich bedauere es zutiefst, dass es in Frankfurt (noch) keinen veganen Supermarkt gibt.

    1. Oh freut mich wirklich, dass dir die Lektüre gefallen hat🙂 Und ja, ein veganer Supermarkt wär schon was feines, endlich einkaufen ohne Lesen😀

  4. Vielen Dank für die wunderschöne Rezension. Ich merke, daß Du mein Buch wirklich sehr gut verstanden hast. Das ehrt – und freut mich sehr :o)
    Marsili

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