Anständig essen – Karen Duve

„Ich habe nichts erreicht. Was will man mit Filmchen bewirken, wenn nicht mal Tschernobyl was bewirkt?“ (Horst Stern)

Wer ein Buch mit so einem Zitat beginnt, der kann nur Realist sein. Dennoch widmet die erfolgreiche Autorin („Taxi“, „Dies ist kein Liebeslied“) ein Lebensjahr einem ethisch motiviertem Selbstversuch  – Duve beschließt, „ein besserer Mensch zu werden“. Je zwei Monate testet sie eine alternative Lebensweise nach der anderen und garniert ihre ausführlichen Selbstreflexionen mit einer guten Portion trockenem Humor. Sie startet mit der Umstellung auf Bio-Produkte, dann erforscht sie den Vegetarismus, arbeitet sich zur veganen Lebenart hoch und lässt ihren Selbstversuch im Frutarismus gipfeln. Sie vertritt die Perspektive des Durchschnittsbürgers, der Coca Cola literweise konsumiert, Schokolade liebt und Lebensmittel nach dem Motto „Hauptsache billig“ einkauft. Diese Bodenständigkeit macht es dem Leser einfach, sie zu begleiten und ihre Gedankengänge nachzuvollziehen, während sie ihre geliebten Gewohnheiten auf den Kopf und jede Entscheidung in Frage stellt. Erfreulicherweise flankiert Duve ihren Selbstversuch mit intensiver Recherche rund ums Thema. Da das Buch erst 2011 erschien, sind die gut verpackten Fakten zudem noch aktuell. Auch an die Umweltkatastrophen kann man sich noch gut erinnern, etwa die Explosion von Deep Water Horzon, die Flutkatastrophe in Pakistan oder das Hochwasser in Deutschland. Bewusst wird einem so allerdings, wie viele in einem einzigen Jahr passiert sind, was ein ungutes Gefühl hinterlässt.

Die Konsequenz, mit der Karen Duve ihr Projekt durchführt, verteidigt und auch mal verliert, ist respekteinflößend. So lebt sie als Frutarier wochenlang nur von Erbsen mit Kokosnussmilch und nimmt an Tierbefreiungen teil, die ihr vor Augen führen, dass auch Bio-Höfe keine wesentliche Verbesserung der Haltungsbedingungen bieten können. Andererseits ist es etwas übertrieben, zum Beginn ihrer veganen Phase erstmal die Klamotten auszusortieren, die jetzt „verboten“ sind. Oder ihrem Pferd einen Kunststoffsattel zu verpassen. Meiner Meinung nach zäumt sie das Pferd damit von hinten auf (der musste jetzt sein :D) Aber ihre detailverliebte Vorgehensweise hat den Vorteil, dass sie viele ethische und praktische Aspekte reflektieren kann. Und je mehr sie ins Detail geht, desto schwieriger wird es, sich ethisch einwandfrei zu verhalten. Oft bleibt nur die Wahl des kleineren Übels.

Da sie sich selbst nicht zu ernst nimmt und ihre persönliche Lebenswelt mit kranken Haustieren und einer weniger konsequenten Mitbewohnerin einbindet, wird die Lektüre locker und amüsant genug um eine große Leserschaft zu erfreuen. Denkanstöße bekommt man auf jeder Seite gratis dazu, auch wenn die Lebensweisen teilweise so kompliziert dargestellt werden, dass sich wohl kaum jemand deswegen dazu entschließen wird, sein Konsumverhalten radikal zu ändern. An der Autorin ist das Experiment zumindest nicht folgenlos vorbeigegangen. Es geht um bewusste Entscheidungen, stellt sie fest. „Sonst bleibt nur Bewusstlosigkeit, ein Zustand, in dem wir uns über Nichtigkeiten empören und in aller Gemütsruhe Dinge hinnehmen, die entsetzlich sind.“ Zu welchem Entschluss sie am Ende des Versuchs gelangt ist, möchte ich nicht vorwegnehmen.😉

„Vielleicht ist  gerade das Leid, das ich selbst verursache, das einzige, das zu verhindern ich jemals imstande sein werde.“ (Karen Duve)

Mehr:

Abendessen mit Karen Duve: Ein Ruck durchs Leben – faz.de

Interview: Karen Duve und Jonathan Safran Foer: Fleischlos glücklich – sueddeutsche.de

Video: Interview mit Karen Duve – peta tv

Video: Karen Duve „Fleischeslust. Darf man Tiere essen?“ – Schweizer Fernsehen

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

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