Food Revolution – John Robbins

Das ist das eine Buch, das man gelesen haben sollte. Hier habe ich wirllich die meisten Antworten auf meine Fragen gefunden. Robbins behandelt zahlreiche Aspekte der Lebensmittelindustrie angefangen vom Agrarwesen, der Tierproduktion, Gesundheitsvorsorge, Beeinflussung durch PR- und Werbung, Umweltverschmutzung, Welthunger bis zur Genmanipulation. Ohne zu generalisieren, erklärt Robbins die Zusammenhänge, untermauert mit Fakten und entzieht so ganz nebenbei den üblichen Vorurteilen, die einem im Kopf herumschwirren, jegliche Basis. Glaubt man den Rezensionen im Netz, hat dieses Buch schon bei zahlreichen Lesern Überzeugungsarbeit geleistet. Allerdings wurden einige auch durch den wesentlich kürzeren Lesegenuss von „Skinny Bitch“ konvertiert, dieses hier ist aber mit Sicherheit nachhaltiger.

Robbins nutzt nicht nur die die Datenlage, sondern garniert diese mit Anekdoten und persönlichen Erlebnissen. So wird das Buch zu gutem Lesestoff, auch wenn er gelegentlich in typisch-amerikanischen Pathos abgleitet, der uns Europäern immer etwas aufstößt.

„Vegetarier leben länger“ – oder leben Vegetarier gar nicht länger, sondern es kommt ihnen nur länger vor weil ihr Leben so langweilg ist?😉 Aber wie langweilig ist ein Leben, in dem man sich mit Krankheiten herumschlägt, wochenlang in Krankenhäusern verbringt und an kahle Hospitalwände starren muss, so Robbins. Denn Krankheitsbilder  wie Herzleiden, hoher Blutdruck und Brust-, Prostata-, Lungen- und Darmkrebs sind geradezu normal geworden. Dabei kann eine pflanzliche Ernährung nicht nur das Risiko der Erkrankung verringern, sondern auch bereits Erkrankten mindestens eine Verbesserung bieten. Für Robbins liegt das Hauptproblem nicht nur in der allgegenwärtigen Verfügbarkeit von ungesunden, hochgradig verarbeiteten Nahrungsmitteln, sondern vor allem in der gezielten Des-Information der Bevölkerung durch die Lebensmittelindustrie. Denn wissenschaftliche Studien über fleischarme Ernährung belegen eindeutig deren gesundheitliche Vorteile – und zwar unabhängig von Kultur, sozioökonomischer Klasse und Faktoren wie Rauchen und Sport (S. 89). Die PR-Abteilungen der Fleisch- und Milchindustrie sehen das natürlich anders.

Richtig übel wird einem bei dem Kapitel über E.coli in Rindfleisch, Campylobacter in Hühnchen, Salmonellen in Eiern, Listerien in Käse, Geflügel und Fertig-Hot-Dogs. Die Verseuchung im Großteil der Tierprodukte brachte die Industrie unter anderem auf die Idee, das kontaminierte Fleisch mit radioaktiver Strahlung zu behandeln (Irradiation). Das ist bestimmt viel sicherer *ähem*! Die einfachste Lösung wäre, die Tiere nicht im eigenen Dreck stehen zu lassen, öfter zu reinigen oder auf die Weide zu führen. Das würde allerdings Mehrkosten bedeuten und den Gewinn schmälern. Stattdessen werden den kranken Tieren lieber Antibiotika verabreicht, was zu weiteren Problemen führt, da die Bakterienstämme immer resistenter werden. Noch gruseliger wirds beim Thema Rinderwahnsinn. Die Krankheit tritt nicht immer sofort in Erscheinung, auch die menschliche Form hat jahrzehntelange Inkubationszeiten und ist hochansteckend. Den Ursprung dann noch zurückzuverfolgen, ist fast unmöglich. Die Krankheit verbreitet sich wie ein Lauffeuer weil Rinder mit Tiermehl, also etwa anderen Rindern, gefüttert werden, eine Praxis, die auch in Europa Anwendung findet.

Im Kapitel mit dem bezeichnenden Namen „Old McDonald had a Factory“ werden in quälender Detailtreue die Einzelheiten der industriellen Massentierhaltung geschildert (Wer glaubt, in Deutschland ist es besser, kann sich den Frontal 21-Bericht des ZDF von 2010 ansehen). Doch auch positive Entwicklungen werden geschildert: so setzen Aktivisten Fast Food-Ketten massiv unter Druck um für bessere Bedingungen zu sorgen.

Welche Auswirkungen die Nutztierhaltung auf unsere Umwelt hat, kann man inzwischen selbst beobachten. Es ist zwar wunderbar, dass die Leute das Wasser abstellen, während sie Zähne putzen. Aber dass man für die Produktion eines Steaks so viel Wasser verbraucht als würde man ein Jahr lang duschen, ist sicher nicht jedem klar. Die übliche Ernährungsweise mit vielen tierischen Produkten hat Auswirken in viel größeren Dimensionen. Ehemals fruchtbare Landschaften werden zu Wüsten, das uns zur Verfügung stehende Trinkwasser wird immer weniger. Zwar kann Stallmist normalerweise als Dünger verwendet werden. Aber da dermaßen überproduziert wird, gibt es gar keinen Platz für den ganzen Mist – und der landet im Wasser und führt zu Fischsterben und Krankheiten. Und natürlich wird fleißig weiter der Regenwald abgeholzt, für Weide-oder Anbauflächen für Futtermittel. Für einen Viertelpfünder wird eine Fläche etwa so groß wie meine kleine Küche abgeholzt. Regenwald für einen Hamburger? Das ist es echt nicht wert.

Leugner des Klimawandels behaupten gern, dass alles übertriebene Panikmache sei und es schon immer Klimaveränderungen gegeben hat. Genau, nur haben wir in einem Jahrhundert das hinbekommen wofür die Natur zehntausend Jahre brauchte (S. 260). Und wir können uns an eine so große Veränderung nicht so schnell anpassen. Die Artenvielfalt schrumpft, massive Überflutungen in den Küstenregionen sind zu erwarten, extreme Wetterphänomene werden sich häufen. Das schrieb Robbins 2001. Zehn Jahre später ist das schon eingetroffen, wenn ich an die zahlreichen Flutkatastrophen, Überschwemmungen und andere Wetterphänomene denke, die bereits weltweit aufgetreten sind. Die wiederum ziehen weitere Katastrophen nach sich (Fukushima). Wir müssen aufhören, fossile Brennstoffe zu verwenden, andere Energiequellen finden und die Nutztierhaltung zurückfahren. CO2 muss unbedingt reduziert werden, warnte Robbins damals. Heute müssen wir lesen, dass der Kohlendioxid-Austoß trotz aller Bemühungen rasanter steigt als je zuvor: „2007 hatten Mitarbeiter des Uno-Weltklimarats IPCC ihren letzten Sachstandsbericht vorgelegt. Bereits damals berechneten die Forscher vier verschiedene mögliche Szenarien. Doch selbst die düsterste der vier Prognosen ist nunmehr übertroffen.“ (SPON 4.11.11). Vielleicht sollte man mal drüber nachdenken, wie viele Milliarden gebraucht werden um die Schäden hinterher einigermaßen auszubügeln, bevor wir davon faseln, dass eine Umstellung viel zu teuer wäre.

Die folgenden Kapitel sind ebenso erschütternd: Wie der Fleischkonsum mit dem Welthunger zusammenhängt und wieso die Überfischung der Meere nicht durch Fischfarmen gelöst werden kann, wird hier erklärt. Genmanipulation ist leider nicht die Antwort auf den Welthunger und auch absolut nicht das selbe, wie etwa eine neue Apfelsorte zu züchten. Stattdessen werden zum Beispiel Gene verändert, um Pflanzen resistenter gegen Pestizide zu machen. Umso mehr davon kann dann nämlich benutzt werden. Bio-Laden, ich komme!

Das Herumprobieren mit Genen ist keine Mathematik, keine exakte Wissenschaft, basiert eher auf dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Denn wie das Ergebnis eines Experiments genau aussieht, wissen die Forscher meist nicht. Und die Folgen, wenn sich genmanipulierte mit normalen Tieren paaren, sind unabsehbar und führen in den meisten Fällen zur Ausrottung der Art. Das Konsumieren genmanipulierter Lebensmittel ist noch so unerforscht, dass es völlig unverständlich ist, dass in den USA felderweise genmanipulierte Pflanzen angebaut wurden. Ohne jede Kennzeichnung wurden solche Produkte unters Volk gebracht. Und auch hierzulande bezieht zum Beispiel McDonalds seine Futtermittel von einer großen Firma, die auf dem Weltmarkt kauft und keiner weiß wie hoch der Anteil genmanipulierter Pflanzen enthalten ist. Laut Foodwatch gibt es gar keine Hamburger ohne Gentechnik bei McDonald’s. Im Gegensatz zu Futtermitteln muss auf unseren Lebensmitteln immerhin seit 2004 ein expliziter Hinweis auf Genmanipulation in der Zutatenliste vermerkt werden, dennoch gibt es immer wieder Fälle, die daran zweifeln lassen (siehe Foodwatch-Bericht). Offenbar gelangen gentechnisch veränderte Produkte auch ohne Zulassung in den Handel. Robbins ist nicht prinzipiell gegen Genmanipulation, sondern warnt davor, diese bereits einzusetzen obwohl die Folgen noch nicht absehbar sind. Im Fall von Klebsiella planticola wäre mal eben die gesamte Pflanzenwelt gefährdet gewesen, hätte es die Laborkreation in die Außenwelt geschafft.

Robbins Buch endet mit einem positiven Ausblick. Es gibt Hoffnung, wenn eine Tageszeitung ihre Titelstory für diese alarmierenden Zustände räumt statt über Britney Spear’s Comeback zu berichten. Oder Aktivisten auf die Straße gehen und auf Missstände aufmerksam machen. Oder wenn die Macht des Konsumenten durch seine täglichen Entscheidungen schließlich große Konzerne in die Knie zwingt. Europa taucht in dem Buch häufig als leuchtendes Beispiel auf. Zum Beispiel was die Kennzeichnung genetisch veränderter Lebensmittel betrifft oder die Abschaffung der Käfighaltung im Jahr 2012. Diese Vorreiterrolle kommt aber nicht von allein. Sondern von Menschen, die sich informieren, protestieren und sich weigern, bestimmte Entwicklungen zu unterstützen.

Das Buch ist auch in Deutsch erhältlich!

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

2 Kommentare zu „Food Revolution – John Robbins“

    1. Ja, die Beschreibung ist zwar etwas lang geworden, aber es ist wirklich ein sehr fundiertes Buch, das Beachtung verdient. Manchmal musste ich es einfach kopfschüttelnd zuklappen und weglegen weil man immer wieder denkt: Wieso zum Teufel, essen wir Tierprodukte überhaupt? Es gibt so viele Gründe dagegen.

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