China Study – T. Colin Campbell

Die „China Study“ gehört zu den Lieblingsbüchern der Veggies – dabei geht es hier gar nicht um Tiere. Das Buch ist ein klares Statement für eine vollwertige, pflanzliche Ernährung und ausreichender Bewegung, unterlegt mit Verweisen auf wissenschaftliche Studien, die einen klaren Zusammenhang zwischen der heutigen tiereiweißreichen Ernährung und diversen Krankheiten herstellen. Bei mir ging die Lektüre mit einem Gefühl der inneren Erleichterung einher. Ich sah den Weg klar vor mir, vorbei an den Imbissständen und Fertigprodukten. Ab diesem Punkt verstand ich, was nährstoffreiche Kost wirklich ist und alles andere war eher minderwertig. Es war auf einmal alles so einfach.

Der Autor zeichnet ein düsteres Bild vom derzeitigen Gesundheitszustand der US-amerikanischen Gesellschaft, zwei Drittel sind übergewichtig, über 15 Millionen haben Diabetes, Herzkrankheiten florieren nach wie vor – und das trotz medizinischen Fortschritts. Für die heranwachsende Generation sieht es nicht besser aus. Dr. Campbell, seines Zeichens Wissenschaftler, sieht einen Zusammenhang zwischen diesen Krankheiten und der Ernährungsweise. Er untersuchte bei einem nationalen Projekt in den Phillippinen die Ursache für die unnatürlich hohe Rate von Leberkrebs bei Kindern. Überraschenderweise entdeckte er, dass die Kinder mit der höchsten Zufuhr an Proteinen die höchste Wahrscheinlichkeit aufwiesen, diesen Krebs zu bekommen. Meist handelte es sich hier um Kinder reicher Familien. Er initiierte daraufhin eine Versuchsreihe über den Zusammenhang von Ernährung und Krebserkrankungen. Es wurde eine Langzeitstudie von 27 Jahren draus, unterstützt vom National Institute of Health, der American Cancer Society und der American Institute for Cancer Research. Die Versuche zeigten tatsächlich eine Korrelation von Protein und Krebsvorkommen. Diese war so stark, dass der Effekt je nach Menge des konsumierten Proteins sozusagen an- und ausgeschalten werden konnte (S.6). Dabei zeigte Kasein (87 Prozent des Gesamtmilchproteins) konsistente Ergebnisse als stark krebsförderndes Protein. Pflanzliches Protein zeigte keinerlei krebsfördernde Wirkung, egal in welchen Mengen es konsumiert wurde.

Daraufhin wurde ein noch größeres Projekt ins Leben gerufen, zusammen mit der Cornell und der Oxford-Universität und der Chinesischen Akademie für Präventionsmedizin. Die sog. „China Study“ untersuchte Ernährungsfaktoren und Lebensweisen im ländlichen China und Taiwan. Über 8000 statistisch relevante Assoziationen zwischen Ernährungsfaktoren und Krankheiten konnten hier nachgewiesen werden. (S. 7). Auf diese und weitere Studien  wird im ersten Teil des Buches detailliert eingegangen.

Im zweiten Teil wird konkret an Krankheitsbildern wie Diabetes, Übergewicht, Herzerkrankungen, Brust-, Prostata- und Darmkrebs, sowie Autoimmunerkrankungen (Multiple Sklerose, rheumathoide Arthritis, Sklerodermie etc.) und Erkrankungen der Knochen, Nieren, Augen und des Gehirns der Zusammenhang zur Ernährung hergestellt. Negative Umwelteinflüsse und genetische Veranlagung sind zwar verantwortlich für Krebs, aber nicht alle Einflüsse und Gene kommen wirklich zum Zug, sie müssen aktiviert und gefördert werden. Und eine vernünftige Art der Ernährung erhöht die Chancen auf ein gesundes und langes Leben ganz erheblich – weit mehr, als bisher angenommen. Die Studienergebnisse deuten sogar darauf hin, dass bestehende Krankheiten von ihrer Weiterentwicklung durch diese Art von Ernährung abgehalten oder sogar umgekehrt werden können. Wenn man an verstopfte Arterien oder Diabetes denkt, scheint das gar nicht so überraschend.

Der dritte Teil ist eine Art Ernährungsleitfaden. Und der ist denkbar einfach. Iss abwechslungsreiche Vollwertkost, die auf pflanzlichen Produkten beruht, und zwar reichlich davon. Minimiere den Konsum von verarbeiteten („raffinierten“) Produkten, sowie Salz und Fett. Als Nahrungsergänzung empfiehlt er lediglich Vitamin D für Leute, die in den nördlichen Regionen leben oder die meiste Zeit drinnen verbringen. Er schlägt vor, dass es jeder einen Monat lang versuchen sollte. Schließlich habe man sein ganzes bisheriges Leben lang Hamburger verdrückt, einen Monat ohne werde einen nicht umbringen. In den 30 Tagen habe man die Möglichkeit, viel zu entdecken, auf das man vorher nie gestoßen wäre. Auch wenn man so keine Langzeiterfolge davon erreichen könne, werde man sich sogar nach nur einen Monat sich besser fühlen und eventuell Gewicht verlieren, wenn man Übergewicht mit sich herumträgt. Und man könne feststellen, dass es durchaus möglich und gar nicht so schwer ist, sich gesund zu ernähren.

Das Buch schließt mit einigen Kapiteln darüber, warum die Information über wirklich gesunde Ernährung sich bis heute immernoch nicht durchsetzen konnte und stattdessen heillose Verwirrung herrscht. Heute sind Eier noch als Cholesterin-Bomben verschrien, die nächste Studie stellt sie als Quelle wichtiger Nährstoffe dar. Die Rede ist von wissenschaftlichem Reduktionismus, mangelhafter Gesundheitsvorsorge und Ausbildung sowie zu starkem Einfluss wirtschaftlicher und industrieller Einflüsse auf die Wissenschaft.

Krikiter bemängeln Campbells Ausführungen als zu einseitig und voreingenommen (The Truth about the China Study – Chris Masterjohn, Ex-Vegetarier), da keinerlei Hinweise auf mögliche positive Effekte tierischer Nahrung behandelt werden. (The China Study – Fact or Fallacy – Denise Minger, früher Veganerin, jetzt Rohköstlerin). Campbell selbst hat wiederholt zu den Vorwürfen Stellung bezogen: „T. Colin Campbell’s Response to Questions Raised About the Book, ‚The China Study‚“ und hier „China Study author Colin Campbell slaps down critic„. Er erinnert daran, dass – entgegen dem Buchtitel – nicht nur die China Study behandelt wird, sondern auch zahlreiche andere Studien, welche seine Argumentation stützen. Letztlich fällt Campbell dennoch seinen eigenen Vorwürfen des Reduktionismus zum Opfer, wie die vegane-gesellschaft.de so klarsichtig zusammenfasst: „Die „China Study“ und die Unkritischen“.

Campbell mag sich weit aus dem Fenster lehnen, wenn er meint, dass man Krebs und andere Krankheiten mit pflanzlicher Ernährung vermeiden oder verhindern kann. Aber wie auch immer man die Studienergebnisse im Detail betrachten mag, es wird kaum jemanden geben, der eine gesunde Vollwertkost mit viel Gemüse und Obst und Sport nicht als gute Krankheitsvorsorge sieht. Einen 100prozentigen Schutz vor solchen Wohlstandskrankheiten gibt es nicht, das wird auch im Buch nicht behauptet. Außerdem spricht er nicht davon, dass tierisches Protein selbst Krebs verursacht, nein, es unterstützt und aktiviert die krebserregenden Stoffe in ihrer Wirkung. Gleichzeitig spricht er nicht von Kausalitäten, sondern von Korrelationen. Die deutsche Gesellschaft (DGE) hat übrigens eine Stellungnahme zum Thema Milch und Krebs veröffentlicht. Das bezieht sich zwar auf das Buch „Your Life in Your Hands“ von Prof. Jane Plant, ist aber inhaltlich dennoch interessant. Hier werden verschiedenen Krebsarten gelistet und der derzeitige Forschungsstand dazu zusammengefasst. Wenn man diese vorsichtigen Formulierungen liest, entsteht der Eindruck dass es noch keine ausreichenden Forschungsergebnisse dazu gibt. Zum Beispiel steht bei Prostatakrebs: „Eine neuere Übersichtsarbeit kommt zu dem Schluss, dass ein hoher Verzehr fettreicher Milchprodukte ein Risikofaktor sein könnte, die widersprüchliche Datenlage aber keine endgültige Aussage erlaube.“ Am Ende der Liste wird gesagt, dass es keine wissenschaftlichen Datenlage dafür gibt, dass Krebs durch den Verzicht auf Milchprodukte vermeidbar oder heilbar ist. „Eine positive Wirkung (..)  lässt sich zwanglos auch durch den vegetabilen Charakter (ihrer) Kost und den hohen Anteil von Sojaprodukten erklären sowie durch kalorische Restriktion.“ Na, das fand ich wissenswert🙂

Die „China Study“ ist inzwischen auch auf Deutsch erhältlich!

Nachtrag: Hier der Trailer zum Streifen „Forks over Knives“:

Weiterlesen:

Autor: Jea

// Leipzig, Germany // vegan // forming digital mindscapes //

10 Kommentare zu „China Study – T. Colin Campbell“

  1. Huhu,

    vielen Dank für deinen interessanten Bericht. Ich werde mir die verschiedenen Kritiken mal durchlesen, die auch aufgeführt hast und dann werde ich weiter in der China Study lesen🙂

    Ich wünsche dir ein schönes WE!

    Liebe Grüße

    Chu-Chu

      1. Ähm, ich bin jetzt fast soweit, nur noch redigieren etc. Also bald kannst du hier auf meinem Blog jede Menge zum Thema Kritik an der China Study finden🙂

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