Sind wir mal ehrlich: Das mit dem Veganismus ist ein ganz schöner Zeitfresser. Man muss neue Worte wie „Cobalamin“ lernen, herausfinden, wie man aus einer leicht schrumpeligen Zucchini und ein paar Tomaten doch noch ein veganes Gericht zaubern kann, sich informieren, damit man bei Fragen nicht total doof dasteht und das Zutatenlistenlesen macht den Supermarktbesuch auch nicht gerade kürzer. Man muss wissen, wo man seine Schuhe herbekommt, welcher Lippenstift vegan ist und seinen Tag im Voraus planen, damit man im Zweifelsfall nicht zur Diva mutiert nur weil der Magen knurrt. Überhaupt muss man wesentlich mehr Schnippeln, Einweichen, Vorbereiten und Kochen als gewohnt, denn im Gegensatz zu unseren vegetarischen Mitmenschen finden wir nicht an jeder Ecke Angebote, die uns in den Kram passen.
Mit anderen Worten: Es ist ganz schön aufwendig. Vor allem am Anfang. Man kann das zwar alles auch positiv sehen: man lernt unglaublich viel, kann sein Organisationstalent weiterentwickeln, entdeckt neue kulinarische Welten und mindestens 20 neue Gemüse- und Getreidesorten. Viele tendieren glücklicherweise zur dieser Sichtweise (sonst würden sie es ja nicht machen
. Doch mit Sicherheit wird sich jeder irgendwann hier und da mal denken: Verdammt, ich schaff das jetzt nicht, das Leben ist auch so schon stressig genug, ich hab jetzt keine Zeit zum Kochen, hab keine Zeit zu bloggen, ja hab nicht mal Zeit diesen Blogeintrag zu Ende zu lesen, verdammt!…genau sowas habe ich mir auch schon von Normalessern anhören dürfen: Vegan und so ist zwar richtig und gut, aber das wäre mir viel zu anstrengend, immer Kochen und Planen…
Im Grunde ist das natürlich ein Denkfehler. Man hat die Zeit. Wir haben alle gleich viel Zeit, jeden Tag 24 Stunden. Die Frage ist nur, welchen Dingen man seine Aufmerksamkeit schenkt, wie viel Zeit man für dies oder jenes investieren möchte. Investiert man jetzt in etwas Wissen und Gesundheit und erspart sich ein paar Erkältungen im Jahr (oder Schlimmeres). Was steht auf der eigenen Prioritätenliste oben und was kommt erst am Schluss? Auch wenn vieles fremdbestimmt ist – wir müssen duschen, arbeiten, aufs Klo gehen – theoretisch haben wir doch mehr Freizeit als alle Generationen vor uns, oder? Wir müssen unsere Wäsche nicht selbst waschen, wir haben eine Maschine dafür. Zum Einkaufen müssen wir nicht unbedingt vor die Tür, nur zum Computer. Wir können zeit-und ortsunabhängig kommunizieren und müssen keine Briefe verschicken. Statt Pferdekutschen haben wir Autos und Straßenbahnen….ja, na gut, das geht langsam zu weit
Rein theoretisch haben wir also Zeit. Mehr Zeit sogar. Noch mehr Zeit hätten wir, wenn auf allen passenden Produkten den Vegan-Label drauf wäre, es überall vegane Schuhe gäbe und Tofuwürstchen ganz selbstverständlich an jedem Imbiss angeboten würden. Schon klar. Aber soweit ist es leider noch nicht. Statt dessen müssen wir uns selbst erstmal durch den riesigen Informationsdschungel kämpfen (wäre auch nicht schlecht wenn nicht jeder einzelne wieder von null anfangen müsste…). Die gute Nachricht ist: Es wird besser. Irgendwann steuert man im Autopilotmodus zielsicher vorbei an allem anderen zum Gemüseregal. Man hat sich so durchinformiert, dass man nur hin und wieder en Update zu gewissen Fragen braucht. Man kann bei Fragen auf Knopfdruck seinen Standpunkt darlegen und Zusammenhänge erklären. Ich bin zwar erst ein paar Monate dabei, aber ich kann die Routine schon ein bisschen spüren. Das Neue wird selbstverständlicher. Ich komme mir nicht mehr ganz so merkwürdig vor. Ich versuche, größere Mengen zu kochen, so dass ich am nächsten Tag nur noch die Vorräte aus dem Kühlschrank holen muss. Es gibt auch mal Linsen aus der Dose, ich kaufe Brotaufstrich statt ihn selbst zu machen und meine Zusammenstellungen im Kochtopf werden umso abenteuerlicher, je ausgehungerter ich nach der Arbeit und sonstigen Erledigungen nach Hause komme. Gute Planung hilft aber.
Und wie macht ihr das? In vielen Veggie-Blogs lese ich was von Prüfungen, Abschlussarbeiten, oder sonstigen Stressfaktoren, sehe Blogs, in denen ewig nichts mehr erschienen ist – maximal der unvermeidliche Satz “Sorry, dass ich mich so lange nicht gemeldet habe, ich hab so viel zu tun!”. Wie geht ihr mit Stress um, wie bekommt ihr das auf die Reihe? Vielleicht habt ihr ein paar Tipps zum Zeitsparen?
Dr. Neal Barnard empfiehlt in diesem Artikel, den ich übrigens generell sehr hilfreich finde (auch wenn die Übersetzung etwas holprig ist), die 3-Schritt-Methode:
1. Zuerst drei Gerichte überlegen, die man schon kennt und mag und schon so vegetarisch sind, wie z.B. Spaghetti Marinara, Gemüsesuppe mit Vollkornbrot, oder sonstiges.
2. Dann drei Fleischgerichte aussuchen und veganisieren z.B Chili Con Carne (anstatt Fleisch im Chilli nimmt man Bohnen oder Fleischersatz)
3. Drei vollkommen neue Rezepte ausprobieren, die man selber noch nicht kennt (aus Kochbüchern oder dem Internet).
Damit hat man einen eigenen Grundstock an Standardrezepten und muss nicht jeden Tag neu überlegen was man machen könnte.