Es ist noch gar nicht so lange her, da fand ich es völlig ausreichend, aus Prinzip nur Bio-Eier zu kaufen. In der Packung steht:
“Unsere Tiere haben Nester zum Eierlegen, Sitzstangen zum Ausruhen, sie haben volle Bewegungsfreiheit mit überdachter Terasse und Ausgang ins Freie. Sie erhalten Futter aus biologischem Anbau. Es gelten außerdem die weitergehenden Vorschriften des Bio-Verbandes.”
Klingt prima! Zumindest oberflächlich betrachtet. Was ich allerdings gar nicht bedacht hatte, sind all die anderen Eier, die man unbewusst verputzt. Eier in Nudeln, im Kuchen des Bäckers von nebenan, in Soßen und Saucen und in zahllosen anderen Produkten im Supermarkt und natürlich in der Kantine, im Restaurant oder am Imbiss. Da darf man davon ausgehen, dass die aus der billigsten aller Haltungsformen gewonnen wurden, denn der Preis muss am Ende stimmen.
Der Grund, warum ich erst jetzt auf das Thema Nutztierhaltung zu sprechen komme? Ich habe gehofft, bei der Recherche auf etwas zu stoßen, was das eigene Gewissen erleichtert. Gehofft, dass sich die Quellen widersprechen, dass Platz zum Zweifel vorhanden ist. Angenommen, dass die heimlichen Filmaufnahmen von Tierschützern vielleicht nur Ausnahmefälle betreffen. Mich selbst überzeugt, dass die Zustände in Deutschland nicht so schlimm sind wie die in den USA (wie zum Beispiel nachzulesen bei John Robbins und J.S. Foer). Sie mögen tatsächlich nicht ganz so extrem sein, da sind wir in Europa schon einen kleinen Schritt voraus. Doch viele Missstände sind gängige Praxis, keine Ausnahme – auch wenn ein Bio-Siegel anderes verspricht.
Denn das Problem ist in der (Über-)Produktion begründet. Die Vorgehensweise unterscheidet sich kaum von der eines BMW-Werkes. Es wird nach Maßstäben der höchsten Effizienz gearbeitet: So schnell und so viel wie möglich, für maximalen Gewinn – standardisierte Massenproduktion mit Hilfe hoch spezialisierter, monofunktionaler Maschinen. Inzwischen braucht es zum Beispiel nur eine Arbeitskraft für rund 40.000 Hühner und 2.000 Mastschweine. Ein Bauer, wie er ihn Kinderbüchern abgebildet wird, mit idyllischem Hof und traditionell gehaltenen Tieren, ist nicht konkurrenzfähig gegen diese Massenbetriebe, entsprechend gibt es davon immer weniger. Statt dessen werden Tiere auf kleinstmöglichem Raum gehalten, automatisch gefüttert, künstlich beleuchtet und am Fließband getötet. Reibungslos läuft das nicht. Da werden schon mal beim automatischen Aufschneiden des Geflügels auch die Gedärme durchtrennt, so dass die Fäkalien das Fleisch beschmutzen. Generell bleibt dem Schlachter im Großschlachthof pro Tier nur wenige Sekunden, um die Hauptschlagader zu durchtrennen. Also kommt beispielweise etwa jedes hundertste Schwein noch einmal im Siedebad zu Bewusstsein, wenn ihm Haut und Borsten abgebrüht werden, bevor es darin ertrinkt (Quelle). Im Gegensatz zum BMW-Werk werden in dieser Produktionskette Lebewesen verarbeitet, die schlicht wie Gegenstände behandelt werden – aber fühlen, denken und leiden können.
Das System macht sich bezahlt: Die Fleischproduktion erreichte im Jahr 2010 mit Rekordwert, teilte das Statistische Bundesamt im Februar 2011 mit (Quelle). Gleichzeitig stieg der Fleischkonsum der Deutschen stetig: 1961 waren es noch 64,27 Kilogramm pro Kopf, 2007 schon 87,88 Kilogramm (Grafik). Unsere Großeltern hatten noch keinen Zugang zu so billigem Fleisch und haben entsprechend weniger davon gegessen. Auch die Milcherzeugung steigt jedes Jahr und das sogar bei abnehmender Anzahl an Kühen, die zunehmend mehr Milch geben. Die Eierproduktion hierzulande ist hingegen rückläufig (Grund ist das Verbot der konventionellen Käfighaltung seit 1. Januar 2010, das ab 2012 sogar europaweit gelten soll), dafür standen 2009 eine Milliarde mehr Eier aus dem Ausland auf deutschen Frühstückstischen. Dies erholt sich zwar langsam wieder. Doch der Bedarf an Eiern steigt gleichzeitig weiter. Das Verbot der Käfighaltung bedeutet übrigens nur, dass die billigste Hühnerhaltungsform jetzt Kleingruppenhaltung heißt (bis 50 Tiere), und diese immernoch in Käfigen sitzen und statt einem knappen DIN-A-4-Blatt jetzt anderthalb DIN-A-4-Blätter Platz haben (Quelle). Ansehen kann man sich das zum Beispiel in dieser Bildergalerie.
Offenbar haben es wenigstens die “Hühner-KZs”, wie sie so treffend betitelt werden, in das Bewusstsein der Öffentlichkeit geschafft, so dass wenigstens in diesem Bereich Schritt für Schritt Verbesserungen in Kraft treten. Trotzdem ist es gängige Praxis, für die Eierproduktion jedes Jahr 40-50 Millionen Küken zu vergasen oder zerhäkseln. Kurz nach dem Schlüpfen werdern die weiblichen Legehuhn-Küken von den (unprofitablen) männlichen Geschwistern getrennt und getötet. (siehe auch ZDF-Doku). Sie können nicht einmal als Brathähnchen enden, denn dafür gibt es einträglichere Rassen, genau wie bei Puten. Diese Züchtungen können in extrem kurzer Zeit viel Fleisch ansetzen. Vor 50 Jahren brauchte ein Huhn zwei Monate, um mit etwa einem Kilogramm Gewicht geschlachtet zu werden. Heute frisst es sich in riesigen Ställen unter produktionssteigernder Dauerbeleuchtung in 33 Tagen auf 1,6 Kilo. Bis dahin können sich viele kaum mehr auf den Beinen halten. Brustblasen, Knochenbrüche, Fußballenverätzungen und Pickattacken bereiten vielen Tieren Dauerschmerzen. Legehennen wurden früher 15 Jahre alt und legten etwa 36 Eier pro Jahr, jetzt schaffen sie 300 Stück und sind nach einem Jahr ausgelaugt (Quelle). Die unnatürlichen Haltungsbedingungen führen zu Kannibalismus und Federpicken, daher werden die Schnäbel abgeknappst (“kupiert”) – ohne Betäubung. Schweinen wird aus dem gleichen Grund der Ringelschwanz mit einer Zange abgezwickt und Rinder werden grundsätzlich enthornt. Natürlich auch hier ohne Betäubung. Auch hier gibt es Qualzuchten: Die stetig erhöhte Milchleistung der Kühe kommt nicht von ungefähr - in den letzten 40 Jahren wurden Leistungssteigerungen von etwa 35 Prozent erreicht. Parallel dazu nahmen Euter- und Klauenkrankheiten massiv zu. Überhaupt sind Krankheiten nicht nur wegen der Zuchtlinien, sondern auch wegen der Haltungsbedingungen an der Tagesordnung. Nur mit hoher Medikamentierung kann Massentierhaltung überhaupt funktionieren. Und das sorgt für Resistenzen, die tödliche Bakterienstämme hervorbringt – hochgefährlich auch für uns. Zudem werden tote, kranke Nutztiere genauso zu Tiermehl verarbeitet und wiederverfüttert, wie eingeschläferte Haus- und Versuchstiere – die in ihnen vorhandenen Medikamentenrückstände und sonstige Gifte landen wieder im Nahrungskreislauf (Quelle).
“Bio” heißt, dass die Tiere nicht vorbeugend mit Medikamenten behandelt werden dürfen, und kein genmanipuliertes und möglichst ökologisch-erzeugtes Futter bekommen. Allerdings ist “Bio” nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit artgerechter Haltung. Zwar ist für die Tiere mehr Platz festgeschrieben. Das heißt aber nur, dass sich eine Milchkuh in ihrem Stall auch mal umdrehen kann, anders als bei konventioneller Haltung. Auslauf ist vorgeschrieben, kann aber durch zahlreiche Ausnahmeregelungen ausgehebelt werden. Auch bei Bio-Haltung sind Ställe mit 3000 Legehennen und Großbuchten mit 50 oder gar 80 Schweinen erlaubt, was bei den Tieren zu Stressverhalten und Krankheiten führt. Kupieren ist zwar auch verboten, aber in Ausnahmefällen zugelassen (Quelle). Auch bei “Bio” werden männliche Küken aussortiert und getötet. Auch hier werden Kühe dauergeschwängert und die Kälber weggenommen, um Milch zu erhalten. Und im Schlachthaus sind alle gleich, Bio genau wie konventionell gehaltene Tiere.
Sicher gibt es trotzdem wahre Musterbeispiele an Bio-Höfen, einige Verbände setzen sich selbst weit höhere Standards. Bleibt die Frage, wer das am Ende kontrolliert. Offizielle Kontrollen finden nur einmal im Jahr (nach Anmeldung!) sowie gelegentlich stichprobenartig statt. Bio ist eine Verbesserung zur konventionellen Haltung und gibt ihr einen rechtlichen Rahmen. Doch die Richtlinien sind nicht allzu eng gesteckt, die Umsetzung unterschiedlich und die Ausnahmeregelungen zahlreich – es bleibt nur ein sehr kleiner Schritt in die richtige Richtung. Letztlich ist es schon allein aus Platzgründen höchstwahrscheinlich gar nicht möglich, Tiere einigermaßen artgerecht zu halten (und damit für uns gesunde Produkte zu erhalten) - nicht bei der hohen Nachfrage und schon gar nicht zu den derzeitigen Preisen.
Weiterschauen: Reportage “Wie billig kann Bio sein?” – Das Erste – Exklusiv (September 2012)
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