Vegan Freak: Being Vegan in a Non-Vegan World – Bob & Jenna Torres

Lektüre im "stone-washed" Look

Mit diesem Buch will das Autorenpärchen dem angehenden Pflanzisten eine Orientierungshilfe an die Hand geben um das Alltagsleben als Veganer stressfrei meistern zu können. Der “Freak” im Buchtitel ist dabei nicht wörtlich zu nehmen, verbildlicht aber wunderbar die Außenseiterposition in der man sich in einer Welt, in der das Verwerten von Tieren als völlig normal angesehen wird, oft genug wiederfindet. Bob und Jenna begannen umzudenken, als sie eine schwarze Hündin aus dem Tierheim adoptierten. Ein weiterer Grund ergab sich durch Bobs landwirtschaftlicher Ausbildung, wo er  einige Erfahrungen mit “Nutztieren” sammeln konnte. Er erkannte, dass auch Schweine und Kühe auf ihren Namen hörten, ihren Halter wiedererkennen und sichtbar traurig waren, wenn sie von ihren Familien getrennt wurden. Wenn auch diese Tiere empfindungsfähig sind und subjektive, langfristige Erfahrungen machen konnten, unterscheiden sich Nutztiere nicht von Haustieren. Letztere schlachten und quälen wir allerdings nicht. Diese Unterscheidung ist unlogisch und wird gern mit dem Satz “Es schmeckt halt!” abgetan, wenn alle anderen Gründe entkräftet wurden. In einer Welt voller Feigheit bedeute Veganismus daher, mutig genug zu sein um diesem Widerspruch entgegenzutreten und nicht mehr an das Märchen des leidfreien Tierproduktes zu glauben. Veganismus sei eine gelebte Form des Protests. Das Autorenpärchen will den Leser bestärken, sich nicht von der Außenseiterposition, in die man gedrängt wird, entmutigen zu lassen. Und sie erklären, dass “nur ein bißchen Ausbeutung” nicht geht. (Es gibt kein Fleisch von glücklichen Tieren, es gibt nur Fleisch von toten Tieren, so hat es Karen Duve mal ausgedrückt.) Verbesserte Haltungsbedingungen nützen nichts, es muss das ganze System der Tierausbeutung in Frage gestellt werden, bei diesem Thema sind die beiden Autoren zu keinem Kompromiss bereit. Mir kam das an dieser Stelle zu sehr wie Schwarzweiß-Denken vor, aber was will man erwarten in einem Buch über Veganismus? ;)

Sie gehen darauf ein, warum Vegetarismus nicht ausreicht und nur Veganismus die logische Folge für alle diejenigen ist, die sich gegen Tierquälerei aussprechen. Es erscheine zwar wie ein riesiger Schritt, da Nahrung auch emotionale und kulturelle Bedeutung für uns hat. Aber hat man den Schritt einmal gemacht, wird man beim Rückblick erstaunt sein, wie wenig man vermisst, da sich vieles ersetzen lässt oder sich sogar Besseres findet. Sie empfehlen, sich der Herausforderung “cold-tofu” zu stellen und für drei Wochen komplett auf Tierprodukte zu verzichten. Und zwar ohne Schummeln! Warum gerade Käse für die meisten so schwierig aufzugeben ist, und wie man die drei Wochen übersteht, ohne alleine und traurig über einer Dose Linsen zu meditieren, wird in diesem Kapitel erklärt. Ich muss sagen, für mich wäre dieser Ansatz nichts gewesen, ich habe mich eher langsam über einen Monat hinweg umgestellt und das kam ganz natürlich, denn je mehr ich zum Thema las, desto mehr verschwand automatisch aus meinem Kühlschrank, erst die Wurst, dann der Käse und so weiter.

Obwohl die Autoren es total ablehnen, wenn jemand auf Reisen oder in Restaurants Ausnahmen macht, geht es dennoch nicht um Perfektion, denn heutztage werden überall Tierprodukte weiterverwertet, selbst in Fahrradreifen. Und im Krankheitsfall wäre es absolut hirnverbrannt, die notwendige (möglicherweise an Tieren getestete) Medizin abzulehnen. Es geht um das, was vermeidbar ist, betonen sie. Denn es ist eher unwahrscheinlich, dass eines Tages eine große Bürgerbewegung kommt, die alles umkrempelt und die Tierausbeutung abschafft, da diese zu tief in unserer Gesellschaft verwurzelt ist. Sie favorisieren den individuellen Weg: Die Veränderung müsse gefühlt und gelebt werden. Es gibt nichts Überzeugenderes, als einen glücklichen und gesunden Veganer, der schlicht und einfach nur sein Leben führt. Umgedreht erreicht ein jammernder Märtyrer, der sich in seiner moralischen Überlegenheit sonnt und ganz heroisch für die armen Tiere den Verzicht demonstriert, überhaupt nichts.

Auch vor dem (für viele negativ behafteten) Wort “vegan” soll man sich nicht fürchten und nicht immer nach Umschreibungen wie “Veggie”, “pflanzliche Ernährung” oder ähnlichem suchen, sondern durch die eigene Lebensführung beweisen, dass “vegan” positiv sein kann. Anstatt großen Organisationen Geld zu spenden, sollte man es lieber dafür verwenden, selbst auf sein Umfeld einzuwirken, sei es, indem man eine Filmvorführung organisiert, eine Diskussionsgruppe gründet, Kunst schafft oder einfach nur vegan für Freunde und Familie kocht. So erreiche man viel direkter und persönlicher andere Menschen, als jede Organisation das könnte. Und wie man am besten mit Eltern, Lebenspartner, Kollegen und Freunden umgeht, steht im nächsten Kapitel. Diese Tipps fand ich echt gut, denn so strikt die beiden in ihren Grundsätzen auch sind, so sehr bestehen sie auf Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Geduld und Zurückhaltung heißen die Zauberworte, auf keinen Fall predigen oder aggressiv werden. Die anderen auf einen zukommen lassen, nicht ungefragt Fakten servieren. Der ungünstigste Zeitpunkt für Diskussionen ist während des Essens. Denn das gegenüber fühlt sich unbewusst in die Ecke gedrängt und wird umso defensiver, denn wer lässt sich gern die erbeutete Butter vom Brot quatschen? :D Logischerweise kommen die meisten Fragen zwar beim gemeinsamen Mahl auf, aber es ist eine wesentlich erfolgreichere Strategie, die Diskussion auf später zu verlegen. Meist ist der Fragende damit durchaus einverstanden. Und immer schön um sich selbst kümmern; soll heißen, bei Einladungen etwas mitbringen, damit man nicht an einem Salatblatt nagen muss, weil der Gastgeber keine Ahnung hat, was “vegan” bedeutet. Was uns zur nächsten Frage bringt, was essen Veganer eigentlich? Auch das wird ausführlich beantwortet, inklusive Hinweise zu Protein, Vitaminen und Mineralien. Will man auswärts essen, kann man hier nachlesen, was Resaturants mit exotischer Küche für einen bereit halten. Und ganz kurz wird auch auf andere Lebensbereiche eingegangen, wie etwa Kleidung, Sexspielzeug und Tattoos.

Insgesamt ist es ein motivierendes Buch für angehende “Vegan Freaks”, das sich durch die lockere Schreibweise so liest, als würden einem die beiden Autoren gegenübersitzen und bei einem Glas Wein Anekdoten aus ihrem Leben erzählen. Wer sich – wie ich – immernoch merkwürdig fühlt, wenn er sich als “vegan” outet, fühlt sich ermutigt, dazu zu stehen und bekommt ein paar vernünftige Tipps fürs tägliche Leben.