“Bio” endet am Schlachthaustor

“Was, du isst überhaupt kein Fleisch? Ich esse auch nur ganz selten Fleisch. Und wenn, dann kaufe auch nur beim Fleischer meines Vertrauens, Bio natürlich!” Hört ihr das auch so erstaunlich oft? Einigen ist das Problem Massentierhaltung also doch bewusst. Immerhin gibt es immer wieder ein paar Skandale rund um Gammelfleisch oder Krankheiten. Es mag lobenswert sein, Bio-Fleisch zu kaufen. Beim wöchentlichen Einkauf wird ganz bewusst eine Entscheidung getroffen. Aber was ist mit dem täglichen Gang in die Kantine? Hier denkt auf einmal keiner mehr darüber nach, woher das Schnitzel kommt. Oder bei der Salami auf der Pizza, dem Dönerfleisch oder den Chicken McNuggets? Selbst im Restaurant kümmert sich keiner mehr darum. Und wenn man “Fleisch” sagt, meint man dann auch seinen Brotbelag, also die Putenbrustscheiben oder Leberwurst aus dem Kühlregal des Supermarkts? Früher kaufte ich gern Bio-Eier  – und übersah dabei völlig, dass zum Beispiel in Nudeln, Kuchen, Soßen, etc. auch Eier enthalten sind (und hier ganz sicher billige Käfigeier). Es ist genau wie beim Honig: es ist ja wunderbar, dass alle nur Honig aus regionaler Bio-Produktion auf dem Frühstückstisch stehen haben. Komischerweise werden trotzdem nur 20 % des in Deutschland konsumierten Honigs von heimischen Imkern geliefert, der Rest wird aus dem Ausland importiert. Das Glas Honig fürs Frühstücksbrötchen macht nur einen sehr kleinen Teil des Verbrauchs aus. Erst wenn man mal versucht, eine Weile darauf zu verzichten (Gründe gäbe es genug), fällt einem auf, wo Honig überall mitverarbeitet wird, etwa in vielen Backwaren. Aus Kostengründen wird hier mit Sicherheit das billigste verfügbare Produkt genommen – keiner fragt nach der Herkunft jeder einzelnen Zutat bei einem Fertigprodukt. Wir wollen ein gutes Gewissen und wir wollen gesunde Lebensmittel. Und stolpern über unsere eigene Kurzsichtigkeit.

Und so kommt es, dass eben doch nur 2 Prozent des konsumierten Fleisches in Deutschland aus Bio-Haltung stammen und unfassbare 98 Prozent aus Massentierhaltung. Und abgesehen davon, dass die Gesetze für die Bio-Haltung nicht so eng gesteckt sind, dass es den Tieren automatisch besser geht (mehr dazu hier), muss auch das glücklichste Schwein irgendwann zum Schlachter. Der Transport dahin ist bekanntermaßen nicht gerade eine Kaffeefahrt. Und im Schlachthof wird es wie jedes andere behandelt, wie in dem folgenden ZDF Frontal 21-Bericht zu Missständen in Schlachthöfen (April 2010) festgestellt wird.

Die hohe Geschwindigkeit bei der Schlachtung (600 Tiere pro Stunde)  führt zu Ungenauigkeit und daher zu unnötigem zusätzlichem Leid – im Klartext: die Tiere sind nicht richtig betäubt und kommen im Schlachtungsprozess wieder zu sich – sie müssen miterleben, wie sie gehäutet, in kochendes Wasser geworfen oder aufgeschlitzt werden. Beispielsweise bedeutet diese Fehlerquote von 1 Prozent in der Schweineschlachtung etwa 500 000 Tiere im Jahr.

Ich frage mich außerdem: Wer macht solche Jobs? Als Abstecher, als Häuter, als Beinabschneider, als Tierausnehmer? Bestimmt nicht unbedingt ein Tierliebhaber. Bestimmt jemand, der eben einen Job braucht und keine allzu große Auswahl an Alternativen hatte. Gern auch ein Billigarbeiter aus osteuropäischen Ländern, der sich sein Leben hier bestimmt nicht so vorgestellt hat. Jemand, der in einem solchen Job früher oder später Frustration empfindet. Ich meine, Leute in stinknormalen Bürojobs sind frustriert, dann wird’s jemand in so einem Job erst recht sein. Und was tun Leute, die frustriert sind? Nicht gerade einen erfüllenden Job haben, nicht gerade viel verdienen, aber mit Sicherheit das Geld dringend brauchen? Sie lassen ihren Frust an Schwächeren aus. Das erklärt für mich einige der besonders schlimmen Undercover-Tierschützervideos, wo Tiere sinnlos umhergeschleudert, getreten und misshandelt werden (Beispiel hier). Dies geht über den eigentlichen Produktionsprozess weit hinaus, dabei ist der in seiner technisierten Abstraktion schon grausam genug.

Stellt sich für mich die Frage: Sollten Menschen besser gar nicht erst die Möglichkeit bekommen, ihren Frust an Schwächeren auszulassen? Jonathan Safran Foer schrieb, Kinderarbeit wurde nicht deswegen verboten, weil es unvorstellbar wäre, Kinder in einer guten Umgebung arbeiten zu lassen. Sondern weil Unternehmen zu viel Macht über wehrlose Individuen bekämen – und das würde sie korrumpieren. (93) Es würde zu Grausamkeit verführen. Ich will hier niemandem Sadismus unterstellen, selbst wenn es – wie in genanntem Buch nachzulesen ist – genug Beispiele dafür in Schlachthäusern gibt. Ich denke aber, dass die Arbeiter einen Job haben, der zu Abstumpfung führt. Der sie charakterlich auf jeden Fall auf die ein oder andere Art beeinflusst. Die hohe Produktionsgeschwindigkeit und der dadurch entstehende Leistungszwang tun ihr übriges.

Wenn ich auf diese Weise darüber nachdenke, dann gibt es keine Kompromisse mehr, die ich für vertretbar halte, was Fleisch angeht. In diesem Zusammenhang kann ich nicht mehr zu anderen sagen: eine sehr starke Reduktion des Fleischkonsums würde reichen oder zumindest zur Verbesserung der Situation beitragen. Die Fleischwirtschaft würde ihre Koteletts einfach ins Ausland verscherbeln, wenn der Bedarf hierzulande zurückgeht. Das ist auch bereits der Fall, denn obwohl wir jährlich höhere Schlachtrekorde in der Fleischproduktion erzielen (im letzten Jahr stieg sie um 1,5 Prozent), steigt der Fleischkonsum der Deutschen nicht entsprechend an. Dafür hat Deutschland seinen Fleischexport innerhalb der letzten zehn Jahre mehr als verdoppelt – auf rund 3,7 Millionen Tonnen. “China, Indien, die asiatischen Länder per se” – das seien die Hauptabnehmer (Quelle). “Das Fleisch geht in den Export, die Gülle bleibt hier” – die hohe Belastung des Grundwassers ist nur eine der vielen Folgen.

Ein bißchen weniger ist nicht genug. Vielleicht ist es Zeit dafür, statt einem Sonntagsbraten mal die Frage auf den Tisch zu bringen, ob es überhaupt noch in Ordnung ist, Tiere fürs Essen zu töten. Denn es gibt genügend Alternativen, es ist also völlig unnötig. Wir leben nicht mehr in Höhlen, sitzen den ganzen Tag herum und müssen nicht jagen um zu überleben. Fleisch zu essen ist nicht mehr zeitgemäß, es bringt uns keinen Vorteil mehr – im Gegenteil! Die Ironie an der Sache ist, dass dieses Qualfleisch auch noch ungesund für uns ist. Dass so große Mengen Fleisch und Wurst generell für diverse Krankheiten verantwortlich sind. Dass wir mit der Überproduktion unsere Lebenswelt kaputt machen. Und ein Land voller subventionierter blühender Bio-Bauernhöfe mit glücklichen Tieren, die zu Tode gestreichelt werden, könnte nur einen verschwindend kleinen Bruchteil seiner Bevölkerung mit Fleisch versorgen. Es ist schlichtweg unrealistisch. Es ist überhaupt nicht möglich, Fleisch in nennenswerten Mengen zu produzieren ohne Tiere zu quälen. Aber ist ja auch ok. Wir sind ja an der Spitze der Nahrungskette. Wir haben das Recht alles zu tun was wir wollen, auch wenn wir dabei nicht besonders clever vorgehen. Denn wir töten nicht nur die Tiere, sondern am Ende auch uns selbst.

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Der ARTE- Themenabend lieferte interessante Aspekte. Nehmt euch etwas Zeit, schaltet auf Vollbild und schaut euch das an.

Zum Weiterlesen: Fleischwirtschaft: Die Schlächter – Zeit.de

15 Gedanken zu ““Bio” endet am Schlachthaustor

  1. Ein toller Artikel!!
    Jedoch bin ich immer noch der Meinung, dass “nur selten Biofleisch” eine Option wäre, die schon sehr viel bringen würde, wenn es alle bzw. die große Mehrheit machen würde.

    “Und ein Land voller subventionierter blühender Bio-Bauernhöfe mit glücklichen Tieren, die zu Tode gestreichelt werden, könnte nur einen verschwindend kleinen Bruchteil seiner Bevölkerung mit Fleisch versorgen.”

    Nur einen Bruchteil, der soviel Fleisch isst wie bisher. Wenn aber nur zu besonderen Gelegenheiten Fleisch gegessen wird, dann würde das durchaus reichen – und das Fleisch wäre so teuer, dass es auch nur selten gekauft werden kann.

    Das Argument mit dem Export sticht nicht, denn es gilt IMMER: ob Leute nun viel oder wenig oder gar kein Fleisch essen: auf den Export haben wir keinen Einfluss. Oder wie meinst du das?

    • “Auf den Export haben wir keinen Einfluss” – stimmt, zumindest mit reinem Konsumverhalten haben wir wahrscheinlich wenig Einfluss auf den Export. Ich bin mir aber nicht sicher ob es sich wirklich lohnen würde, wenn hierzulande wirklich extrem wenig konsumiert würde und man dann 80 Prozent exportieren müsste. Ob sich das noch rechnet?
      Aber was ich damit sagen wollte: die reine Änderung des Konsumverhaltens reicht dafür nicht. Man muss die Frage grundsätzlich mal stellen. Es muss im gesellschaftlichen Diskurs mehr in den Vordergrund rücken. Das tut es zum Teil schon, aber noch zu wenig…

  2. http://jonnylabrada.blogspot.de/2012/04/mahnwache-vor-deutschlands-groter.html Ich war bei der zweiten Mahnwache vor Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, einem Schlachter. Hier sind meine Eindrücke und ein paar Zahlen hierzu. Es geht nicht nur um die Ausbeutung von Tieren, sondern auch von Menschen! PS: Ich will nicht den Eindruck erwecken, dass ich nach Seitenaufrufen gaffer, wenn ich einen Link poste; ich habe lieber wenige Leser, die sich mit der Materie beschäftigen, als oberflächliche Leser.

  3. Erstmal einmal mehr Gratulation zu Deinem toll recherchierten Blog, welchen ich immer wieder gerne lese (auch wenn ich nicht immer antworte). Ich finde es auch tragischkomisch, dass alle Leute immer behaupten, nur wenig und nur bio zu essen. Denn wäre das so, hätten wir ja viele der Massentierhaltungsprobleme gar nicht.

    Du schreibst: “Es ist überhaupt nicht möglich, Fleisch in nennenswerten Mengen zu produzieren ohne Tiere zu quälen.” Und u.a. genau darum ist Bio nicht die Lösung. Nur verstehen das viele Menschen leider nicht, weil der eigene Gaumengeschmack am Schluss halt einfach über allem steht *söifz*

    • Exakt. “Es schmeckt halt so gut…” dabei ist das eine Ausrede, denn alle möglichen Sachen schmecken gut. Man muss sich nur die Mühe machen, seinen Horizont etwas zu erweitern…

  4. Toller Artikel, aber mich würde interessieren, was du als Fleischersatz vorschlägst? Nahrungsergänzungsmittel? Ich denke die sind auch nicht gesünder als Fleisch, mal abgesehen davon, dass die meisten Mensch nicht damit umzugehen wüssten. Dies ist doch auch einer der Gründe wieso die Menschen Fleisch noch essen. Die meisten Menschen lassen sich auf kein Leben als Veganer oder Vegetarier ein weil sie nicht wissen, was sie dann noch essen sollen bzw. sie sind zu faul sich schlau zu machen.
    Des Weiteren wirst du es kaum schaffen die Fleischindustrie in die Knie zu zwingen. Was sollte aus den ganzen Tieren werden, die teilweise nie in Freiheit lebten? Im Endeffekt wäre wohl kein Platz für so viele Tiere um ihnen einen schönen komfortablen Lebensraum zu gewährleisten… Oder möchtest du jetzt noch die letzten Wälder roden? Oder doch noch Tiere töten die zu viel sind???!

    • :) Es gibt keine Notwendigkeit für Nahrungsergänzungsmittel, außer für Vitamin B12 (und das auch nur weil wir uns vom ursprünglichen Anbau so entfernt haben). Man bekommt alles Nötige auch aus pflanzlichen Quellen, wie dir viele langjährige Veganer bestätigen werden. Mehr dazu auch hier http://achtungpflanzenfresser.wordpress.com/category/fragen/pflanzliche-vs-tierische-nahrungsmittel
      Natürlich werde ich allein es nicht schaffen, die Fleischindustrie in die Knie zu zwingen (Details dazu übrigens hier http://achtungpflanzenfresser.wordpress.com/category/bucher/die-fleischmafia/). Ich kann nur für mich persönlich jeden Tag neu die Entscheidung treffen, mit meinem Gewissen oder gegen mein Gewissen zu leben. Ich weiß sehr gut, dass die Tierschützer sehr in der Minderheit sind und kaum Macht haben gegen wirtschaftliche Interessen und die Konsumgesellschaft. Andererseits haben schon Minderheiten das ganze Gesellschaftssystem umgeworfen…und ich denke schon, dass die meisten Menschen anerkennen, dass industrielle Massentierhaltung und -schlachtung unserer nicht würdig ist, dass es so nicht in Ordnung sein kann. Es widerspricht jedem menschlichem Empfinden…ich denke nicht, dass es zu so einem plötzlichen Umsturz kommen wird, dass man sich Sorgen machen müsste, die ganzen Tiere auf einmal ordentlich unterzubringen, Ich glaube -im besten Fall!!- an eine langsame Veränderung und Verbesserung der Bedingungen für die “Nutztiere”, einen Rückgang des Fleischkonsums, und insofern an einen Rückgang der massenhaften Zwangsvermehrung. Das wäre vielleicht halbwegs realistisch. Aber vielleicht nicht mal das.

      • Das hört sich jetzt an als würdest du kein Fleisch essen, weil dir die Tiere so leid tun… Ich höre aber immer nur.. “Fleisch schmeckt mir nicht” von Vegetariern, wenn sie keinen Grund mehr wissen…
        Jetzt sagen wir mal, dass es (in einem nicht unrealistischem Fall) dazu kommen wird, dass man Fleisch pur züchten kann, mittels Gentechnik beispielsweise, würdest du es dann essen? Im Prinzip ist es ja das selbe, Tiere sterben dafür nicht…? (Ist jetzt abseits vom Thema ;))

    • Wenn man Fleisch weglässt benötigt man keine Nahrungsergänzungsmittel, ausser B12. Alles andere findet sich in rein pflanzlicher Nahrung in Hülle und Fülle. Dass eine Ernährung ohne Fleisch gesund (bzw. gesunder) ist belegen inzwischen grosse, anerkannte Studien.

      Es ist somit eher der von Dir als nächster angedeuter Punkt, der Menschen davon abhält, vegan zu leben: Sie sind zu faul. Ein jeder kann, nur will nicht jeder.

      Die Frage was aus all den Tieren wird finde ich immer irgendwie witzig… Denn die meisten Tiere werden so früh in ihrem Leben geschlachtet, dass man ja einfach mal aufhören könnte neu nachzuproduzieren – zack, es wäre bereits innert Kürze gelöst.

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